Redundanz als Prinzip

Das war Mitte (2): Trotz Mitte-Hype und einer hohen Dichte von Filmschaffenden blieb der Mitte-Film eher eine Randerscheinung. „Jeans“ und „Let It Rock“, die einzig bekannten, schwanken zwischen Selbstbespiegelung und haltlosem Geschwafel und erzählen von der Vergeblichkeit eines Drehbuchs

von HARALD PETERS

Neben überaus präsenten Mitte-Phänomenen wie den Mitte-Bars, Mitte-Cafés, Mitte-Clubs und Mitte-Boutiquen, in denen Mitte-Models, Mitte-Tresenkräfte, Mitte-Intellektuelle, Mitte-Künstler und andere Mitte-Darsteller ihrem mittetypischen Dasein nachgehen, ist der Mitte-Film lediglich eine Randerscheinung, weil es eigentlich nur zwei Mitte-Filme gibt.

Der eine heißt „Jeans“ und der andere „Let It Rock“ – wobei sich beide in Sachen Inhalt, Machart und Herangehensweise derart gravierend voneinander unterscheiden, dass man sich fragen muss, ob zwischen ihnen überhaupt ein näherer Zusammenhang existiert. Wenn es jedoch keinen geben sollte, wäre damit auch die Kategorie Mitte-Film obsolet, weshalb an dieser Stelle einfach davon ausgegangen werden muss, dass sich irgendwo eine Verbindung findet, wenn man nur lange genug danach sucht.

Überhaupt ist es schwer vorstellbar, dass ausgerechnet in Mitte, wo so viele Filmschaffende ihre Heimat fanden, das filmische Schaffen ohne zu kategorisierende Besonderheit gewesen sein soll. Auf der inhaltlichen Ebene handelt zumindest „Jeans“ – der erste Spielfilm der Schauspielerin Nicolette Krebitz – von Männern, Frauen, Freundschaft, dem Schicksal vorübergehender Wohnungslosigkeit und der Vergeblichkeit der Liebe: Zwei Männer, die aus heiterem Himmel ihr Dach über dem Kopf verlieren, fassen den Plan, sich zwecks Unterkunftsbeschaffung bei noch zu erobernden Frauen einzunisten.

Da sich der eine aber ausgerechnet stets in die Frauen verguckt, mit denen der andere schon in der nächsten Szene schläft, geht der Plan nicht ganz auf. Zwischendurch wird dann sehr viel geredet. Auf der formalen Ebene handelt der Film wiederum von den Möglichkeiten des Dilettantischen und der Vergeblichkeit eines Drehbuchs. Weil Krebitz selbst unter Hinzunahme der dramaturgisch überflüssigsten und schauspielerisch fragwürdigsten Szenen nicht auf volle Spielfilmlänge kam, wurde der Film mit quasibedeutungsvollen, irgendwie kreativ gemeinten, poetisierenden Schnipseln versetzt, deren wirklicher Zweck jedoch komplett vorstellungsgebunden blieb. Allein das Casting war von schlanker Funktionalität: Um sich eine lange Suche zu ersparen, wurden alle Darsteller aus dem Umfeld des ehemaligen Pogo-Clubs rekrutiert.

Wenn in „Jeans“ das Nachtleben nur mittelbar eine Rolle spielt, so ist es in „Let It Rock“ gleich das eigentliche Thema des Films. In unzähligen Interviews philosophieren Leute aus dem Nachtleben von Mitte über das Nachtleben und darüber, was sich im Laufe der Jahre verändert hat und was man davon eigentlich hält. Der Ausgangspunkt ist dabei das Cookies, was vor allem daran liegen könnte, dass der Produzent Frank Künster jahrelang Türsteher des Cookies war.

Dass deshalb neben Cookies selbst hauptsächlich auch Cookies-Gäste zu Wort kommen, legt zwar den Verdacht unheilvoller Redundanz nahe, legt dabei aber auch die Fährte zum eigentlichen Wesen des Mitte-Films: der intensiven Selbstbespiegelung als Mittel zum Zweck. Während sich die Akteure in „Jeans“ aber unter der Voraussetzung bespiegeln, jemand könnte ihre völlig belanglosen Spiegeleien für interessant halten, wird in „Let It Rock“ die potenzielle Belanglosigkeit der Selbstbespiegelung gleich mit gespiegelt, was die ganze Angelegenheit wiederum überaus unterhaltsam macht.

Denn, so muss der Zuschauer lernen, auch kluge Bemerkungen sind machmal dumm gedacht. Wenn zum Beispiel Mieze von Mia, die Königin kunterbunter Oberbekleidung und windschiefer Achtzigerjahre-Wave-Frisuren, allen Ernstes darüber klagt, dass der Individualisierungswahn mitunter zu seltsamen modischen Erscheidungen führt, dann muss man Frank Künster und Regisseur Igor Paasch auf Knien dafür danken, dies für die Nachwelt festgehalten zu haben.

Mitunter wird schlau analysiert, dann wieder haltlos geschwafelt, in einer der schönsten Szenen wird das haltlose Geschwafel gar mit lauter Musik überblendet, während der Interviewte erzählt und erzählt. Ganz wunderbar ist auch die Gegenüberstellung von klagenden Früher-war-alles-besser-Berlinern und frohlockenden Neu-Berlinern, die sich im Glück der neuen Möglichkeiten suhlen. Und so ist „Let It Rock“ nicht nur ein Mitte-Film, sondern auch ganz bewusst ein Film über Mitte, was ihn letztlich zu einem guten Mitte-Film macht.

„Jeans“ ist hingegen ein Mitte-Film, der nichts von seiner Mittefilmhaftigkeit weiß und Dramaturgie mit Selbstbespiegelung verwechselt. Wenn aber Selbstbespiegelung das einzige stilbildende Mittel des Mitte-Films ist, so muss ein Mitte-Film im Grunde auch außerhalb von Mitte entstehen können. Es wäre in diesem Zusammenhang zu überlegen, ob der Mitte-Film nicht eine viel längere Geschichte hat, die viel älter ist, als das Phänomen Mitte an sich. Sind nicht vielleicht viele der selbstverliebten Starvehikel, Autorenfilme und Blockbuster insgeheim irgendwie Mitte-Filme? Hat der Mitte-Film deshalb möglicherweise schon längst die Welt erobert? Hat vielleicht allein der Mitte-Film aus Berlin-Mitte nach nur zwei Werken das Zeitliche gesegnet, während er sich allerorten ansonsten bester Gesundheit erfreut? Dies wäre jedenfalls auch einmal zu überlegen.