„Eine Lobby ist legitim“

Der Nahost-Experte Ludwig Watzal soll sich mit einem Rundfunk-Kommentar über Haim Saban des Antisemitismus schuldig gemacht haben. Im taz-Gespräch äußert er sich nun zu den Vorwürfen

INTERVIEW MARTIN REICHERT

taz: Herr Watzal, sind Sie ein Antisemit?

Ludwig Watzal: Antisemitismus ist nicht in meinem Kopf, also ist er auch nicht in meinen Texten. Ich habe tausende von Seiten zum Thema Israel publiziert, und Sie werden nicht einen Hauch von Antisemismus darin finden.

In Ihrem Kommentar im Deutschlandradio Berlin bezeichnen Sie es als geschmacklos, dass Haim Saban ausgerechnet in Dachau den Zuschlag für den Kauf von ProSiebenSat.1 bekommen hat. Konnte er denn da etwas dafür?

Er hat diesen Anruf in einem Interview mit der New York Times erwähnt. Natürlich kann man sich nicht aussuchen, wo man angerufen wird. Vielleicht war das unglücklich formuliert von mir, man kann in diesen Satz aber nicht reininterpretieren, dass er antisemitisch sei. Ich habe weder Haim Saban noch die anderen beiden Personen des öffentlichen Lebens als zum Judentum gehörig bezeichnet. Sie agieren für mich als Haim Saban, Michael Wolffsohn oder Michel Friedman in der Gesellschaft.

Muss man bei Haim Saban oder Michel Friedman extra dazuschreiben, dass sie jüdischen Glaubens sind?

Im Nachhinein hätte man diesen ganzen von mir beschriebenen Sachverhalt nicht mit kühlem Blick betrachten sollen. Das muss ich mir selbst eingestehen, ich habe das einfach so dargestellt, ohne fünfmal nachzudenken. Das war nicht sehr klug, aber auf der anderen Seite befasse ich mich sehr viel mit englischsprachiger Literatur zu diesem Konflikt, da wird ganz anders diskutiert.

Sie haben Norman Finkelsteins These von der Holocaust-Industrie in Ihrem Kommentar erwähnt, haben Sie nicht auch impliziert, dass sie stimmt?

Finkelsteins These ist ja, das die so genannte Holocaust-Industrie die Naziverbrechen instrumentalisiere für politische Zwecke, insbesondere um Israel zu entlasten. Ich bin nicht dieser Meinung, aber einige Aktionen finde ich durchaus bizarr.

Ihre Aussage in dem Kommentar ist, dass Saban ProSiebenSat.1 gekauft hat, um in Deutschland ein positives Israel-Bild zu etablieren.

Das kann sein, muss aber nicht unbedingt sein. Wir reden hier über den Einfluss von Medien. Was mich zu dieser Aussage gebracht hat, war, dass Haim Saban gesagt hat, er telefoniere manchmal stundenlang mit Ariel Scharon. Wenn einer stundenlang mit Scharon telefoniert, dann findet er ihn entweder sympathisch oder sympathisiert mit seiner Politik, oder er versucht ihn davon zu überzeugen, eine andere Politik zu machen. Kann ja sein. Ich habe darüber geschrieben, dass man Haim Saban diese Interessen unterstellt, nicht, dass er diese tatsächlich verfolgt.

Sie schreiben aber auch, dass Saban sich als „Ein-Themen-Mann“ verstehe, dieses Thema laute Israel.

Er hat eigentlich keine Hobbys, er hat nur ein Anliegen, und das ist Israel. Das hat er selbst im Interview mit der New York Times gesagt.

Sie schreiben auch: In den USA hat Israel kein Image-Problem. Schließt sich da nicht automatisch die Frage an, warum das so ist? Nämlich aufgrund der vielbeschworenen „jüdischen Lobby“?

Diese Meinung teile ich nicht. Wenn man die Historie der amerikanisch-israelischen Beziehungen betrachtet, hat Israel von Anfang an zum nationalen Interesse der Amerikaner gehört. Damals gab es keine Lobby, heute schon, und das ist auch völlig legitim: In Amerika hat man ein anderes Verhältnis zu Interessengruppen. Ich finde es nur bedauernswert, dass die vielen Araber und Muslime in den USA es nicht geschafft haben, eine vergleichbare Lobby aufzubauen. Das verwundert mich.

Sie sind Experte für den Nahost-Konflikt, Mitarbeiter der Bundeszentrale für politische Bildung, jetzt wirft man Ihnen Antisemitismus vor. Was ist da schief gelaufen?

Ich habe aufgrund meines pragmatischen Ansatzes zu wenig Sensibilität in Bezug auf das Thema im Kontext der Bundesrepublik Deutschland walten lassen. Für mich war das New-York-Times-Interview mit Saban interessant, eben weil dieser so pragmatisch argumentiert und handelt.

Die Stereotypeforschung sagt: Seltenen Gruppen werden seltene Eigenschaften zugeordnet: Bedient nicht Haim Saban das Klischee vom reichen, mächtigen Juden?

Es gibt viele andere Medienmoguln, die nicht jüdischen Glaubens sind. Man hat aus meinem Text Klischees herausextrahiert, die ich keinesfalls bedienen wollte. Leider. Mein Thema war der Einfluss von Medienunternehmern. Das beste Beispiel für die Symbiose von Macht und Geld war Helmut Kohl im Zusammenspiel mit Leo Kirch.