Unraffiniert bis zum Exzess

Der menschliche Körper ist eine Art Palast, in dem es brennt. Das Grazer Diagonale-Festival zeigte Arbeiten der Filmkünstlerin Mara Mattuschka

Maskiert, mit einer Peitsche in der Hand und zwei halbnackten Tiger-Frauen an der Leine nahm Mara Mattuschka vor vier Jahren auf der Grazer Diagonale einen Filmkunst-Preis entgegen. Ihr Auftritt als Mischung aus Zorro und Fearless Nadia sollte nicht die Auszeichnung lächerlich machen, sondern den, der sie vergab: Franz Morak, damaliger Staatssekretär für Kunst und Medien. Im Jahr zuvor hatte Morak versucht, das Festival des österreichischen Films in Staatsstreichmanier mit ihm genehmen Vasallen zu besetzen. Der Coup scheiterte am Widerstand der gesamten österreichischen Filmindustrie. Seitdem ist es ruhiger geworden um die Schau des österreichischen Films. Die letzten drei Jahre führte Birgit Flos das Festival, sie zog allerdings Kritik auf sich für eine allzu unentschiedene Auswahlpolitik. Ihre Nachfolgerin Barbara Pichler hat in ihrem ersten Festivaljahr das Programm entschlackt und ihm wieder mehr Profil verliehen.

Die diesjährige Auswahl belegte erneut, dass der österreichische Film gerade im Bereich der Filmavantgarde stark ist. Ein Höhepunkt an der Schnittstelle von Film, Performance-Art und Tanz war Mara Mattuschkas uraufgeführtes Werk „Burning Palace“, ihre vierte Zusammenarbeit mit dem Choreografen Chris Haring, die im Mai auf den Kurzfilmtagen in Oberhausen Deutschlandpremiere feiern wird.

Der Titel bezieht sich auf Eugene Delacroix’ Skandal-Gemälde „La mort de Sardanapale“, das die Ermordung der Konkubinen des letzten assyrischen Königs in seinem brennenden Palast zeigt. Die Anspielungen auf Kunstgeschichte und Mythologie im Film sind vielfältig. Wichtiger ist aber, dass Mattuschka ganz grundlegend den menschlichen Körper als eine Art Palast im Dauerbrand versteht. Schließlich ist die Grundlage des Lebens der andauernde Verbrennungsprozess von Energie. „Burning Palace“ heißt auch das Hotel, in dem die fünf Darsteller des Films logieren. Zu Beginn sieht man nur ihre Schatten. Scheinbar vergnügen sich die drei Frauen und zwei Männer bei einer Sexorgie. Aber das ist nur ein kunstvoll inszeniertes Trugspiel für den Kinozuschauer, der wie in Platons Höhle sitzend falsche Schlüsse aus den auf der Leinwand flackernden Schatten zieht.

Der Körper steht im Mittelpunkt von Mattuschkas Arbeit, das zeigte auch die Retrospektive ihres Filmschaffens, die die Premiere von „Burning Palace“ auf der Diagonale begleitete. Nicht zufällig haben ihre Filme eine Nähe zu den wichtigsten Genres des Körperkinos: dem Horror- und Pornofilm und dem Slapstick. Genau wird in den Filmen der 50-Jährigen der nackte Leib immer wieder unter die Lupe genommen, seine Öffnungen, Wölbungen, Falten. Er wird gestreckt, gedehnt, geöffnet. Sein Inneres wird nach außen gestülpt. Und oftmals fließen Körperflüssigkeiten. Diesen sezierenden Blick hat Mattuschka als bildende Künstlerin gelernt, bei der Zeichenarbeit am Modell in der Klasse ihrer Lehrerin Maria Lassnig (die gerade in Köln und Wien mit großen Ausstellungen geehrt wird). Auch wenn sie seit 1983 regelmäßig mit dem Medium Film arbeitet, sieht sich die gebürtige Bulgarin als Malerin – obwohl Mattuschka anders als Lassnig kaum Animationsfilme produziert hat.

Die Darsteller wirken wie von mehr oder minder freundlichen Dämonen besessen

Es liegt nahe, ihre Filme in die Tradition des Wiener Aktionismus einzureihen, sie selber sieht sie eher aus gleicher Quelle gespeist: aus dem Widerstand gegen einen „katholischen Reinlichkeitswahn“ – mit Charlotte Roche würde sich Mattuschka sicher gut verstehen. So masturbiert sie in „Es hat mich sehr gefreut“ in freier Natur vor einem gleißend hellen Bergpanorama, und in „Der Untergang der Titania“ badet sie in einer trüben Brühe, bis seltsame Monster aus dem Abflussrohr heraufsteigen.

Diese Tabubrüche sollen natürlich zur Befreiung von Tabuisierungen beitragen, zur Bewusstmachung des Unbewussten, zur Anerkennung menschlicher Triebhaftigkeit. Ohne Angst vor Peinlichkeiten und mit bisweilen brutaler Direktheit wird Verdrängtes hervorgezerrt. Ganz bewusst „unraffiniert bis zum Exzess“ seien die Bewegungen in ihren Filmen, sagt Mattuschka.

Dazu gehört Mut, zumal sie bis vor wenigen Jahren fast immer selber im Zentrum ihrer Filme stand. Allerdings unter dem Namen eines ihrer Alter Egos: Mimi Minus (bei Performances tritt Mattuschka auch als Mahatma Gobi, Madame Ping Pong oder Ramses II auf). Die stets mit schwarzer Perücke und dicker Schminke auftretende Mimi Minus weiß vorher nicht, wie der Film ausgeht, sagt Mattuschka, das hilft, ihrer Performance so etwas wie eine bewusste Unschuld zu bewahren.

Seit 2005 ersetzen professionelle Tänzer und Tänzerinnen Mimi Minus. Ungelenk sind die Bewegungen auf der Leinwand immer noch, aber eben sehr professionell ungelenk. Diese neueren Werke, in Farbe und auf Video gedreht, haben nicht mehr den trashigen Charme ihrer früheren 16-Millimeter-Schwarzweißfilme, trotzdem haben sie sowohl ihren Humor als auch ihren Horror bewahrt. Was zu einem guten Teil an der virtuosen Arbeit Mattuschkas mit dem Ton liegt.

In „Burning Palace“ erinnern nicht nur das rot-samtene Interieur des Hotels an den Filmregisseur David Lynch, sondern auch die bedrohlichen Soundlandschaften. Wie in allen Filmen Mattuschkas werden die Stimmen nachsynchronisiert und oft mit irritierenden bis absurd-komischen Effekten belegt, als seien die Darsteller von mehr oder minder freundlichen Dämonen besessen.

Körper und Geist bleiben seltsam voneinander getrennt in Mattuschkas Werk. Dazu passte ein Satz, den sie bei einem Publikumsgespräch in Graz fast beiläufig fallen ließ: „Was ich mir am meisten wünsche, ist, Urlaub von mir selbst zu nehmen.“