Die richtige Liga für Lüneburg

Hajo Fouquet, frisch designierter Intendant des Lüneburger Theaters, will nicht nur das derzeit so beliebte „junge Publikum unter 60“ generieren, sondern das Haus auch für Workshops und Lesungen, sprich: allgemein zur Stadt hin öffnen

Für frisch gewählte, aber noch nicht amtierende Intendanten gibt es ein klares Anforderungsprofil. Das da wäre: Optimismus und Tatendrang ausstrahlen, Freude auf die neue Stadt und die neuen Aufgabe artikulieren, seine Ideen laut entwickeln, niemandem mehr als nötig auf die Füße treten und – wichtig – dräuende Probleme als „Herausforderung“ bezeichnen.

Als gerade ernannter und noch nicht amtierender Intendant schlägt sich Hajo Fouquet beachtlich. Rund eineinhalb Jahre hat Fouquet, 52, jetzt Zeit, um sich auf seine Zeit als Intendant des Lüneburger Theaters vorzubereiten. Im Sommer 2010 wird er Nachfolger von Jan Aust, der nach 18 Jahren in den Ruhestand geht. So lange Aust das Haus noch leitet, leitet Fouquet als Operndirektor und künstlerischer Betriebsdirektor das Staatstheater Mainz.

Aus der Lokalpresse in Mainz und Lüneburg sind inzwischen etliche Details über Fouquet bekannt: Geboren in Braunschweig, aufgewachsen in Hamburg. Erste Sporen im Kinderchor der Hamburgischen Staatsoper, später Regieassistent in Kiel, dazwischen Magister in Germanistik, Musikwissenschaft und Psychologie. Weiterhin: Ist Frühaufsteher. Hat eine Ferienwohnung an der Ostsee. Musste erst einmal einen Parkplatz ansteuern, als ihm die Entscheidung zu seinen Gunsten mitgeteilt wurde. Und er liest beim Frühstück mit Freunden Aphorismen von Jean Paul.

Fouquet ist einer, der von seinen Aufgaben begeistert ist, nicht nur von seiner Art, sie zu bewältigen. Diese Aufgaben beinhalten: Das kleinste Drei-Sparten-Haus Deutschlands zu führen, ein Theater, das von der Landesregierung eher stiefmütterlich behandelt wird. Mit dem knappen Budget auszukommen, auch Zuschauer unter 60 ins Haus zu holen und gleich zu Beginn seiner Intendanz mit einem neuen Verwaltungsdirektor und einer neuen Schauspiel- und Ballettleitung zu arbeiten.

Warum sich Fouquet von einem Staatstheater mit einem fast 400-köpfigen Ensemble und einem Etat von 25 Millionen Euro weg und zu einem Stadttheater mit 140 Angestellten und löchrigem Sieben-Millionen-Euro-Budget hin verändert, muss er in diesen Tagen vermutlich öfter erklären. Sein Ansatz: Ihm gefalle Lüneburg, in den vergangenen Jahren sei er immer wieder hier gewesen. Er habe ein Faible für Drei-Sparten-Häuser, weil die einzelnen Ressorts sich gegenseitig beflügelten. Und: Er freue sich darauf, „der Erste in einer Riege von Entscheidern zu sein“, hauptamtlich zu gestalten und auch wieder selbst zu inszenieren.

Das Ensemble soll wachsen. Eine zweite Ballettproduktion im Großen Haus soll es geben. Das Weihnachtsmärchen soll bleiben. Auch die Operette soll bleiben. Fouquet möchte Schultheatertage organisieren, er möchte das Theater in den Augen der Lüneburger als einladenden Ort etablieren, an dem auch Platz für anderes ist. Für Lesungen Workshops, Gespräche oder Feste.

„Wir wissen, dass nicht alle Bürger das Theater heute nutzen. Das wird man auch nicht erreichen. Es gehen ja auch nicht alle zum Fußball.“ Kaum 20 Minuten später spricht er über Kleists „Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“, mit der gleichen Lässigkeit wie über Fußball. Foquets Credo: Er könne auch mit wenig Mitteln gutes Theater machen. „Wenn wir die Projekte machen, die in ihrer Größe zu unserem Möglichkeiten passen und die uns nicht in falsche Konkurrenz zu größeren Städten in der Nähe setzen, dann sind wir damit einzigartig“, sagt Fouquet. „Das heißt nicht: die skurrilste Ausgrabung, die dann hier keiner sehen will. Sondern liebevolle Projekte, die sich für ein großes Haus vielleicht gar nicht lohnen. Wenn wir versuchen, uns in der falschen Liga zu bewegen, ist ein relatives Scheitern vorprogrammiert.“

Fotohinweis:HAJO FOUQUET, 52, noch Operndirektor und künstlerischer Betriebsdirektor am Mainzer Staatstheater – und ab 2010 Intendant in Lüneburg.