Schmerzmittel für die Psyche

Im Rahmen einer Medikamentenstudie erhalten schwer Drogenabhängige in Köln Heroin – für eine 37-Jährige mit langer Suchtkarrierre die einzige Chance, wirtschaftlich und sozial zu funktionieren

„Mein größter Wunsch ist es, die Prüfung zu bestehen“, erzählt Biggy (Name geändert) mit hoffnungsvoller Stimme. Die 37-Jährige besucht seit Mai diesen Jahres eine von der Kölner Agentur für Arbeit geförderte kaufmännische Fortbildung. Wie ihre MitschülerInnen lernt sie, um nächstes Jahr den Abschluss zur „Kauffrau für Bürokommunikation“ vor der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu machen. Was ihre MitstreiterInnen in der Schule nicht ahnen: Biggy ist Patientin im Kölner Heroinprojekt.

Jeden Morgen vor der Schule und Nachmittags nach der Schule spritzt sich Biggy unter ärztlicher Aufsicht ihre Dosis „Diamorphin“, also Heroin. Im Rahmen einer Medikamentenstudie erhalten in Köln schwer drogenabhängige Menschen zwei bis drei Mal täglich das Diamorphin. Insgesamt sieben Städte beteiligen sich an dem bundesweiten Modellversuch der staatlich kontrollierten Heroinabgabe.

In Köln bekommen derzeit knapp 50 Patienten das Medikament. Nach den ersten Untersuchungen und einem strengen Aufnahmeverfahren hatte Biggy Ende 2002 einen der begehrten Plätze erhalten. Von 400 Interessenten konnten nur 100 Drogenabhängige genommen werden.

„Teufelszeug“ Methadon

„Ich habe während meiner Teilentgiftung im Merheimer Klinikum von dem Projekt erfahren“, berichtet die geborene Kölnerin. Als Teilnehmerin des Methadonprogramms hatte sie noch andere Drogen konsumiert und wurde von der Substitutionsambulanz zur Teilentgiftung verpflichtet. „Das Methadon ist ein Teufelszeug“, erklärt Biggy. Sie habe sich wie ein alter Mensch mit starken Knochenschmerzen gefühlt. Deshalb habe sie Alkohol dazu getrunken.

Während ihrer Methadonbehandlung, die sie im November 2000 begonnen hatte, konnte sie sich zu nichts aufraffen. „Ich fühlte mich immer, als ob ich Valium nehme“, beschreibt Biggy ihren damals hoffnungslosen Zustand.

Sie bezeichnet sich selbst als „Suchtmenschen“. Mit elf Jahren rauchte die als Einzelkind bei ihrer Mutter aufgewachsene Biggy das erste Mal eine Zigarette. Mit 14 trank sie ihr erstes Bier und fing an zu kiffen. „Haschisch ist eine Einstiegsdroge – aber nicht in die Sucht, sondern in die Szene“, ist Biggy überzeugt.

So machte sie dann mit 15 Jahren ihre ersten Erfahrungen mit LSD. Während sie in einer Kölner Gesamtschule ihr Abitur machte, nahm sie, von ihren MitschülerInnen unbemerkt, Speed und andere Drogen. „Schule und Privat habe ich stark voneinander getrennt“, erklärt Biggy. Sie machte dann eine Ausbildung zur Verlagskauffrau und arbeitete in einem Buchverlag in Köln.

Mit 22 Jahren hatte sie ihren ersten Kontakt mit Heroin. „Ich hatte Liebeskummer“, nennt sie den Grund dafür. In 1994 rutschte Biggy durch einen Freund in die Dealerszene ab. Der soziale Abstieg begann: Erst verlor sie ihre Arbeit, dann ihre Wohnung, immer wieder lernte sie die „falschen Leute“ kennen. „Die Lebensumstände haben mich zum Heroinkonsum gebracht“, fasst sie die Entwicklung zusammen. Im Juli 1996 kam der völlige Zusammenbruch. Mit einer doppelseitigen Lungenentzündung landete sie auf der Intensivstation. Nur knapp entrang sie dem Tod. Doch die Sucht blieb.

Sie begann sich das Heroin zu spritzen, weil das billiger war, als es zu rauchen. Nach ihrer ersten Entgiftung 1997 blieb Biggy ein einhalb Jahre clean. Eine Partnerschaftskrise brachte sie erneut an die Nadel. „Heroin ist für mich ein psychisches Schmerzmittel“, erklärt Biggy ihren Rückfall. Ihre zweite Entgiftung versprach sie ihrer Mutter am Sterbebett. Nach einem erneuten Rückfall kam sie schließlich ins Methadonprogramm.

Betreuungsangebot

Beim Wechsel in das Kölner Heroinprojekt Ende 2002 wog Biggy bei einer Körpergröße von 1,73 Meter gerade noch 48 Kilo und lebte in einer Kölner Notschlafstelle. Mit dem Diamorphin ging es dann wieder aufwärts. Nur zwei Jahre später wiegt sie wieder 65 Kilo und macht einen sehr fitten und zufriedenen Eindruck. Ihre vom Drogenkonsum zerstörten Zähne sind saniert.

Heute lebt die ehemalige Obdachlose mit ihren drei Katzen in einer eigenen Wohnung. Auch die kaufmännische Fortbildung war ihre Idee. „Mit dem Heroin bin ich wieder wacher und habe Lust, etwas zu tun“, schildert sie ihre Kehrtwende. Geholfen hat ihr dabei ihre „Case-Managerin“, eine Sozialpädagogin, mit der sie für sich ihre Ziele festlegte. Viele Patienten nehmen dieses Betreuungsangebot wahr.

Nach der bestandenen IHK-Prüfung im nächsten Mai hofft Biggy auf einen Job, um auch ihren Schuldenberg abtragen zu können. Dies sei realistischer als ihr Traum, eines Tages clean zu sein. „Das wäre für mich ein Lottogewinn“, so die Patientin. Doch ihre Hoffnungen sind gefährdet. Erst der neue Rat wird entscheiden, ob die Stadt Köln das Heroinprojekt weiter finanzieren kann. „Wenn das Programm im nächsten Jahr aufhört, bleibt für mich nur noch die Sucht“, ist sich Biggy sicher. Ihre Zukunftspläne wären dann alle hinfällig.