Mit der Schrotflinte gegen Neonazis

Abgebrannte Häuser, aufgespießte Hühner, Wehrsportübungen: Eine Familie steht im Verdacht, ein kleines Dorf bei Lübeck zu terrorisieren

jamel taz ■ Die Ansiedlung geht in den Wald über. Fast alle Häuser in Jamel liegen an der einzigen Dorfstraße, am Ende das alte Gutshaus. „Vorsicht bissiger Hund“ und „Unbefugtes Betreten verboten“ steht an fast allen Grundstücken der 20-Seelen-Siedlung bei Grevesmühlen, 40 Kilometer östlich von Lübeck. Ein Schäferhund schlägt an, sein Herrchen tritt argwöhnisch aus dem Haus. Fremder Besuch ist hier unerwünscht, neue Nachbarn noch weniger in dem Dörfchen, das von den Krügers – Mutter, Tochter, Sohn sowie der kürzlich verstorbene Vater – dominiert wird. Seit Jahren terrorisiert, sagen andere, und meinen vor allem den 29-jährigen Sven.

Am vorigen Freitag haben „Unbekannte“ das Haus am Forstweg 10 angezündet. „Die neuen Besitzer aus Hamburg waren nicht da“, erzählt der Bürgermeister der Gemeinde Gägelow, Fritz Kalf (SPD). Sie hatten trotz der gemalten Begrüßung „Verpißt euch!“ mit der Instandsetzung angefangen. Sie investierten 70.000 Euro, nun ist die gesamte Inneneinrichtung vernichtet. „Sie müssen wohl aufgeben“ meint der 72-jährige Bürgermeister resigniert.

Begonnen hatte alles am Ostersonntag 1992. An Hitlers Geburtstag feierten über 120 Neonazis im Gutshaus der Krügers: „Heute räuchern wir euch aus“, drohten sie der Familie Goscinsky, deren Hühner wurden auf dem Gartenzaun aufgespießt. Kalf nahm die Drohung ernst. Mit zwei Bekannten und einer Schrotflinte schützte er die Familie, als die Neonazis deren Haus angriffen. Vier Polizisten, die alarmiert worden waren, riefen Verstärkung herbei und verschanzten sich ebenfalls im Haus. Als zusätzliche Polizeibeamte eintrafen, hatten die Neonazis Fenster, Türen und ein Auto zerstört und flüchteten. Bis heute sind die Täter nicht ermittelt. Kalf musste sich wegen unerlaubten Waffenbesitzes verantworten, drei Jahre später ziehen die Goscinskys wegen der anhaltenden Drohungen nach Lübeck.

„Seit über zehn Jahren höre ich, wir unternehmen was. Ich glaube es nicht mehr.“

Als 1996 Interessierte eines der leerstehenden Gebäude in Jamel kaufen möchten, geht das Haus in Flammen auf. Die Gemeinde erwirbt die Brandruine und verkauft sie später an ein junges Paar. „Auch sie gaben den Kampf bald auf“, erzählt Kalf.

„Seit über zehn Jahren führt Sven Krüger die regionale Nazigruppe an“, berichtet Eckhard Heins von der „Landesweite Opferberatung für Betroffene rechter Gewalt“ (Lobbi) in Mecklenburg. 1997 war er an einem Überfall von 30 Neonazis auf eine Kindergruppe auf dem Campingplatz im nahe gelegenen Leisten beteiligt. „Er war mehrmals in Haft“, weiß Heins, „kam aber immer frühzeitig raus.“ Mit ein Grund, warum Kalf denkt, dass er „unter besonderem Schutz“ stehe.

Die Polizei ermittelt inzwischen wegen Wehrsportübungen im anliegenden Everstorfer Forst. Im Juni fanden die Beamten dort mehrere Patronenhülsen, einen Schützengraben und ein Schild mit der Aufschrift „Vorsicht Schusswaffengebrauch“. Sie durchsuchten das Anwesen der Krügers und stießen auf einen Kleinlaster und einen Jeep mit Wehrmachtszeichen sowie auf Luftdruckwaffen und Schreckschusspistolen. „Wir führen zu Jamel zwei Verfahren wegen Brandstiftung, vier Verfahren wegen Diebstahl, ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz und wegen der Bildung einer bewaffneten Gruppe“, erläutert Ulrich Tauchel, Leiter der Polizeidirektion Schwerin. Die Staatsschutzermittlungen seien aber nicht abgeschlossen.

Bürgermeister Kalf bleibt skeptisch: „Seit über zehn Jahren höre ich immer wieder, wir machen was, wir unternehmen was. Ich glaube es nicht mehr.“

Andreas Speit