Mit Störkraft gegen Erwin

Die Lemmer-Liste betreibt den teuersten Wahlkampf in Düsseldorf. Sein Geld hat Torsten Lemmer unter anderem mit Nazi-Musik verdient. Regisseur Christoph Schlingensief bezweifelt Läuterung

Es ist die dritte Postwurfsendung des Wahlkampfs, und diesmal könnte es Ärger geben für die Lemmer-Liste. Das Papier in Düsseldorfs Briefkästen zeigt Oberbürgermeister Joachim Erwin (CDU) verfremdet auf einem Fahndungsplakat, gesucht wegen „Steuerhinterziehung, Wählermissachtung und Rufschädigung unserer Stadt“, besondere Kennzeichen: „Falsche Zähne, falsche Politik, überhebliches Gehabe.“ Joachim Erwin, so heißt es aus der Stadtverwaltung, will die Liste des nach eignen Angaben geläuterten Rechtsradikalen Torsten Lemmer wegen Verleumdung verklagen.

Die Lemmer-Liste, offiziell genannt Unabhängige Wählergemeinschaft für Düsseldorf, profiliert sich im Kommunalwahlkampf der Landeshauptstadt als heftigster Kritiker des regierenden Oberbürgermeisters. Die Plakate („Lemmer wählen heißt Erwin quälen“) bestimmen das Stadtbild. Einen „zweistelligen Prozentbetrag“ wolle man am kommenden Sonntag holen, sagt Berthold Behrendt, erster Vorsitzender des Wahlvereins. Eine Umfrage der weitgehend unbekannten Forschungsgruppe „NRW-Analytik“ sieht die Liste gar bei bis zu 15 Prozent.

Den aggressiven Wahlkampf lässt sich die Lemmer-Liste einiges kosten: „Wir geben mehr Geld aus, als SPD, Grüne und FDP zusammen“, gibt der Vorsitzende Behrendt an. Genaue Summen wolle er nicht nennen, es handele sich aber um einen „sechsstelligen Betrag“. Den machen die Mitglieder laut Berthold aus ihrem Privatvermögen locker. „Ich bin Unternehmensberater und habe Geld, und Torsten Lemmer hat auch Geld“, sagt er.

Sein Geld hat Ex-Republikaner-Mitglied Lemmer, der mit einer gebürtigen Marokkanerin verheiratet ist und unter anderem eine Segeljacht am Mittelmeer besitzt, als Hundezüchter und Sonnenstudio-Betreiber hat. Eine seiner Haupteinnahmequellen war jedoch jahrelang der Zeitungs- und Musikverlag „Rock Nord“, bei dem rechtsradikale Bands wie Störkraft und Rheinwacht ihre Musik vertrieben. Lemmer allerdings hat öffentlich betont, seine Mehrheit an dem Verlag verkauft zu haben.

Glauben wollen ihm das nur wenige. Regisseur Christoph Schlingensief, der Torsten Lemmer im Jahr 2001 am Schauspielhaus Zürich in seinem Hamlet-Projekt mit vier weiteren Ex-Neonazis deren Ausstieg aus der rechten Szene darstellen ließ, wehrt sich dagegen, immer wieder öffentlichkeitswirksam für eine Läuterung Lemmers zitiert zu werden. „Lemmer ist mir bis heute den Beweis schuldig geblieben, dass er nicht mehr an Rock Nord partizipiert“, sagte er gestern der taz. Seit der umstrittenen Aufführung des Hamlet-Projekt-Films in Düsseldorf habe er keinen Kontakt mehr zu Lemmer. Er misstraue der angeblichen Läuterung, da immer wieder Verbindungen Lemmers über Strohmänner zum rechten Verlag öffentlich würden. Auch ein Vorwort für Lemmers Aussteiger-Buch zu schreiben, habe er abgelehnt. Rechtsradikal sei Lemmers Wahlprogramm aber nicht: „Die neoliberalen Ansätze der Lemmer-Liste in Düsseldorf ähneln eher der FDP“, so Schlingensief. Die FDP stünde der Liste näher, als man denken könne, die NPD sei wesentlich radikaler.

Das sieht auch der Listen-Vorsitzender Berthold Behrendt so: „Wir sind politische Mitte und liberal“, sagt er. Jedes Mitglied könne seine Meinung äußern. „Natürlich sind auch rechte Meinungen darunter. „Aber wenn einer sagt ‚Juden raus!‘, dann fliegt er raus“, so Berthold. Schließlich seien auch Schwule und Ausländer Mitglieder der Lemmer-Liste.

Mit der rechten Vergangenheit Lemmers kokettiert man dennoch gern: „Wenn man einen in Düsseldorf so bekannten Mann hat, muss man das werbewirksam nutzen“, sagt Behrendt. Negativschlagzeilen seien ihm egal, wichtig sei es, überhaupt in der Presse zu sein. Und nach dem Wahlkampf könne man den Namen Lemmer ja auch wieder ablegen: „Wenn wir im Stadtrat sind, dann nennen wir uns einfach nur noch Unabhängige Wählergemeinschaft,“ sagt Behrendt.