„Europa ist ein Bindeglied“

Vor der Buchmesse: Ein Gespräch mit dem Verleger Hans Schiler über den Nagib-Mahfus-Effekt und die arabische Literatur, die Besonderheiten des arabischen Buchmarkts und die Rolle des Exils

taz: Herr Schiler, Sie haben schon 1977 begonnen, arabische Literatur zu verlegen. Wie hat sich das Angebot seitdem geändert?

Hans Schiler: Damals gab es nur sehr, sehr wenige Übersetzungen – und wenn, dann meistens in der DDR und nicht in der Bundesrepublik. Dort gab es bei Volk und Welt und im Aufbau Verlag deutlich mehr – natürlich speziell aus den Ländern, mit denen die DDR Beziehungen pflegte, also Ägypten und Syrien, aber auch dem Irak oder Algerien. Als Nagib Mahfus 1988 den Nobelpreis bekam, da war praktisch nur ein Band aus der DDR auf den Markt (lacht). Seither ist sehr viel verlegt worden an arabischer Literatur und es gibt einige Verlage, die sich konsequent darum kümmern.

Warum sind Verlage aus der Schweiz – der Unionsverlag, Amman oder Lenos – auf diesem Gebiet heute führend?

Es gab in der Schweiz immer schon ein größeres Interesse an Literatur aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Dazu kommt sicherlich, dass sich die NZZ schon sehr früh um diese Literatur gekümmert hat und damit auch ein Forum vorhanden war für Leute, diese zu entdecken.

Im Vorfeld der Buchmesse gab es viel Kritik an der Organisation und die Befürchtung, es würden nur Staatsdichter eingeladen. Trifft das zu?

Nein, das kann man so nicht sagen, weil über den arabischen Schriftstellerverband nicht nur die offiziellen Literaten, sondern auch andere eingeladen wurden. Außerdem laden ja auch die deutschen Verlage ihre eigenen Autoren ein. Generell aber ist das sehr spät und sehr chaotisch angelaufen, wenn man das mit anderen Regionen vergleicht: Korea hat schon im vergangenen Jahr ein komplettes Programm für 2005 präsentiert, wenn es den Schwerpunkt bilden wird.

Das verstärkte Interesse an der arabischen Welt hängt mit dem 11. 9. zusammen. Gibt es dadurch auch mehr Geld für Literatur-Übersetzungen?

Nein, im Gegenteil. Es gab in diesem Jahr dafür wohl einen Sonderetat bei der „Gesellschaft zur Förderung der Literatur“. Aber generell sind überall Kürzungen angesagt, auch hier. Das Auswärtige Amt hat zwar nach dem 11. 9. eine ganze Reihe von Projekten finanziert. Aber das geht eher in Sachbücher oder in Fachkonferenzen. Die Literatur profitiert nicht davon.

Spielen Fördermittel denn eine Rolle bei Übersetzungen?

Das ist sicher eine wichtige Größe, und gerade in der Schweiz sind diese Förderungen offenbar noch nicht so gekürzt worden wie hier. Denn eine gute Übersetzung ist für einen Verlag oft teurer als einen Originalbeitrag zu veröffentlichen: Die Übersetzungskosten plus die Rechte, und dann muss das Buch noch produziert werden – das übersteigt in der Regel die Autorenhonorare. Das muss alles vorgeschossen werden.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Titel aus: persönlicher Geschmack, Markt-Erwartungen oder Relevanz?

Ich habe mit Khalid al-Maaly einen Herausgeber an meiner Seite, der für die arabische Literatur und speziell die Lyrik verantwortlich zeichnet. Mit ihm berate ich mich, und er ist auf den arabischen Buchmessen unterwegs. Er macht mit seinem eigenen Verlag in Köln das Gleiche wie ich, nur umgekehrt: Er übersetzt deutschsprachige Literatur wie Dürrenmatt ins Arabische.

Welche Rolle spielen in Europa ansässige Verlage wie Al-Kamel als Bindeglieder zum arabischen Literaturmarkt?

Al-Kamel ist jetzt der führende arabische Verlag in Deutschland; in diesem Frühjahr hat er in Bagdad einen Sitz aufgebaut. Europa spielt eine große Rolle für die arabische Literatur, weil hier Bücher verlegt werden können, die in arabischen Ländern der Zensur zum Opfer fallen würden. So erreichen vor allem Exilautoren ihr Publikum in der alten Heimat. Die Verbindung zwischen dem Exil und diesen Ländern selbst wird teilweise über diese Verlage aufrechterhalten.

Was treibt Ihren Verlag an: Engagement, Enthusiasmus?

Die Hoffnung, dass man langfristig verkauft. Wir machen unsere Bücher nicht für den Moment. Im Lyrikbereich haben wir etwa eine ganze Reihe von Titeln vorgelegt, um konsequent und über einen ganz langen Zeitraum die wichtigen Autoren der modernen arabischen Poesie vorzustellen. Da hofft man natürlich, dass dieses Konzept aufgeht.

Arabische Lyrik: Lohnt sich das? In der arabischen Welt steht Poesie ja viel höher im Kurs als im Westen.

Klar: Eine Lyrik-Lesung, zu der 25.000 Menschen in ein Fußball-Stadion kommen wie in manchen arabischen Ländern, das gibt es hierzulande nicht. Doch auch im Westen gibt es ein gestiegenes Interesse an Lyrik.

Das Interesse in der arabischen Welt an europäischer Literatur ist wahrscheinlich größer als umgekehrt, oder?

Ja, aber auch das muss man relativieren: Die Auflagen arabischer Bücher sind nicht so furchtbar hoch. Wenn man diesen Rahmen sieht, dann ist die Leserschaft für intellektuelle Bücher – und dazu zählen auch Übersetzungen deutscher und internationaler Autoren – eher dünn gesät.

Kommt es durch die Buchmesse zu einem neuen Schwung an Übersetzungen vom Deutschen ins Arabische?

Ich glaube, da wird sich einiges entwickeln. Al-Kamel macht seit langem Übersetzungen aus dem Deutschen ins Arabische. Aber es gibt noch andere Verlage, die das machen, und neue, die Interesse angemeldet haben.