KIRSTEN FUCHS über KLEIDER

Hartz geht jetzt an die Wäsche

Auch das Kleidungswesen steht vor grundlegenden Reformen: Umfunktionalisierung lautet das Prinzip

Der Nächste bitte! Setzen Sie sich zwischen die Stühle. Der Boden ist geheizt, außerdem können Sie so zu mir aufsehen. Also, Frau Bürgerin, wir müssen heute zusammen den Antrag auf Arbeitslosenhilfe 6 ausfüllen, gemäß der Bestimmungen, die in Hartz X festgelegt wurden.

Punkt 1: Wie viele Schlüpfer haben Sie? Wenn Sie mehr als sieben Stück haben, brauchen wir davon Kopien. Sie dürfen fünf Schlüpfer besitzen, die kürzer als vier Jahre in Gebrauch sind, und zwei Schlüpfer, die älter als vier Jahre sind. Noch ältere Schlüpfer müssen Sie nicht angeben und bei Nachweis von Verschleiß wird Ihnen bei Dringlichkeit ein neuer Schlüpfer zugeteilt. Dasselbe gilt für Socken. Da müssen Sie bei Mehrbedarf ein Attest vom Arzt vorlegen, wegen Fußpilz oder Ähnlichem.

Punkt 2: Wie viele Oberteile haben Sie? Drei sind erlaubt, aber nicht von derselben Farbe. Sie dürfen ein weißes Oberteil haben, für Vorstellungstermine und Festlichkeiten, ein schwarzes, für Beerdigungen, und ein buntes, wenn Sie Urlaub auf dem Balkon machen.

Aha, Sie haben ein rotes T-Shirt? Für die Montagsdemos? Dafür haben Sie Zeit? Sie sollen sich doch Arbeit suchen. Wer wirklich will … vom Tellerwäscher zum Leichenwäscher, sag ich ja immer.

Punkt 3: Krawatten? Das entfällt bei Frauen. Sie haben trotzdem eine? Die muss weg. Am Ende haben Sie noch ein Sofa!

Punkt 4: Kopfbedeckungen. Ob das erlaubt ist? Nein. Weil Sie sich die Haare wachsen lassen können und dabei das Geld für den Frisör sparen. Außerdem können Sie sich so besser die Haare raufen.

Punkt 5: Wie viele Decken haben Sie? Ja, Decken gehören jetzt zur Kleidung. Drei Stück. Das geht, wenn Sie keinen Mantel haben. Haben Sie einen Mantel? Ja? Dann muss der weg oder eine der Decken. Besser ist, Sie behalten den Mantel, weil Sie ja irgendwo sichtbar den Arbeitslosen-Aufnäher anbringen müssen. Damit zukünftige Arbeitgeber Sie jederzeit auf der Straße ansprechen können und Sie Ihre Chancen erhöhen, wieder in das Berufsleben zurückzukehren.

Punkt 6: Wie viele Röcke, Taschen und Unterhemden haben Sie? Was das miteinander zu tun hat? Also, aus einem Rock können Sie mit zwei Scherenschnitten ein Unterhemd machen und mit Nadel und Faden geht es natürlich auch, aus einem Unterhemd einen Rock umzufunktionieren, und aus beidem können Sie eine Tasche nähen, einfach unten zu. Ja. Ich frage mich sowieso, warum Sie eine Tasche brauchen, wenn Sie hier die ganze Zeit behaupten, von fast nichts zu leben? Was wollen Sie denn in die Tasche hineintun?

Punkt 7: Wie viele Hosen haben Sie und wie viele hat Ihr Lebensgefährte? Sie haben einen Lebensgefährten? Ja, das ist genehmigt. Und der hat zwei Hosen. Sie haben drei. Zu viel! Wo Sie ja auch noch einen Rock haben. Da sehe ich hartz für Sie. Mehr als zwei Hosen braucht doch kein Mensch, der nicht arbeitet. Sie schwitzen doch nie. Sie tragen einfach die eine Hose immer, damit Sie mitleiderregend wirken, vielleicht steckt Ihnen dann jemand Geld zu, das Sie natürlich beim Sozialamt angeben müssen. Die andere Hose ziehen Sie an, wenn Sie einen Vorstellungstermin haben. Sie können sich ja mit Ihrem Lebensgefährten die Hosen teilen. Ihr Partner ist viel dicker als Sie? Na, dann müssen Sie den Gürtel enger schnallen – wenn Sie einen Gürtel haben. Oder Sie nehmen sich einen Strick. Ist er auch arbeitslos? Aha! Dann wird er ja bald in Ihre Hosen passen.

Punkt 8: Haben Sie eine Waschmaschine? Oder jemand, den Sie kennen? Ihre Mutter? Das finden Sie erniedrigend? Dann waschen Sie doch mit Hand, Sie haben doch Zeit.

Punkt 9: Wie viel Paar Schuhe haben Sie? Wie viele man haben darf? Einen! Nein, kein Paar! Einen! Wie, wieso? Hüpfen! Das ist gut für den Kreislauf. Und der Boden im Sozialamt ist ja geheizt. Wo wollen Sie denn sonst noch hin? Das stimmt, im Arbeitsamt sind die Böden nicht geheizt, aber da gibt es ja diese Eimer zum Drinsitzen. Das war’s! Sie können jetzt nach Hause hüpfen. Ihr Bein ist eingeschlafen? Faules Pack!

Fragen zur Sockenhilfe? kolumne@taz.de Morgen: Robin Alexander über SCHICKSAL