„Ich war nicht gemacht für die DDR“

Anetta Kahane

Interview SABINE AM ORDE

taz: Frau Kahane, wir wollen heute nicht direkt über Ihren Kampf gegen Rechtsextremismus sprechen – sondern über Ihre Geschichte. Darüber haben Sie jüngst ein Buch veröffentlicht.

Anetta Kahane: Meine Absicht bei dem Buch war, mich selbst als Zeugin für eine Entwicklung zu nehmen. Dabei war der Umgang der DDR mit dem Erbe des Nationalsozialismus zentral. Da waren Kinder wie ich in einer schwierigen Situation, weil wir in eine ganz starke Loyalität zur DDR mit ihrem antifaschistischen Impetus hineingeboren wurden.

Ihre Eltern waren Juden, den Nationalsozialismus haben sie im Widerstand und im Exil überlebt, als Kommunisten sind sie dann in die DDR gekommen …

Mein Vater war Kämpfer in den Internationalen Brigaden, dann in der Résistance; er hat Paris mitbefreit. Später war er Auslandskorrespondent und Chefredakteur verschiedener Medien. Die DDR war sein Staat, weil sie ihm Antifaschismus und Schutz garantiert hat. Ich aber hatte von Anfang an Schwierigkeiten, hatte das Gefühl, ich passe nicht, hier läuft etwas falsch. Die anderen haben immer gesagt: Du irrst. Ich wollte natürlich nicht immer die sein, die nicht passt. Ich habe versucht, den Erwartungen zu genügen.

Funktioniert hat das nicht. Wann haben Sie mit der DDR gebrochen?

Ich bin sehr unter dem Eindruck der Traumata meiner Eltern aufgewachsen, wie viele jüdische Kinder der zweiten Generation. Ohne dass sie darüber geredet haben, oder vielleicht gerade deshalb. Das waren immer Subtexte. Wenn ich als Kind in eine neue Wohnung gekommen bin, habe ich mir überlegt: Wo könnte man sich verstecken? Würden die uns verraten? Ich bin ständig mit diesen Gedanken rumgelaufen, wir haben die ausgesparte Geschichte unserer Eltern immer wieder nachgespielt. Ich hatte kein Vertrauen in meine deutsche Umgebung. Das muss man erst mal loswerden.

Sie mussten sich von den Eltern lösen, um den Staat zu kritisieren.

Ja, ich brauchte die Reife, mich von meinen Eltern zu emanzipieren und ich brauchte Munition, um sagen zu können: Das nehme ich nicht nur so wahr, sondern hier gibt es wirklich ein großes Problem. Ein Problem, das unmittelbar mit der Geschichte der Eltern zu tun hat.

Was meinen Sie genau?

Die DDR war der deutschere der beiden Staaten, das ist ja bekannt. Es gab dieses Völkische mit all seinen Implikationen und all dem Unverarbeiteten. Es gab ständig Verhaltensweisen, bei denen einem ganz übel wurde, und dann wurde nur gesagt: Das ist in Ordnung, das ist ein Genosse, der das gesagt hat. Juden, die keine Kämpfer gegen den Faschismus waren, wurden als solche verhöhnt, das jüdische Leben wurde totgeschwiegen. Als die ersten Ausländer kamen, wurde der Rassismus ganz deutlich. Da war mir klar: Das geht nicht.

Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?

Zuerst haben sie gesagt, das siehst du falsch. Später war es schwieriger: Wenn man aus einem sehr politischen Elternhaus kommt, kann man sich nicht gegen das Politische wenden und erwarten, dass das Persönliche so bleibt, wie es ist.

Ganz deutlich wurde die Kluft, als Sie später einen Ausreiseantrag gestellt haben …

… das war ein Alptraum. Mein Vater hat nicht mehr mit mir geredet.

Der Versuch, Ihren Ort in der DDR zu finden, hat auch dazu geführt, dass Sie für die Stasi gearbeitet haben. So erklären Sie es im Buch.

Ich war nicht gemacht für diesen Staat. Ich war in meinen Gedanken zu unordentlich, zu wenig festgelegt, zu sehr in Brüchen. Das haben die Leute gemerkt, das war in der Schule, an der Uni, bei der Arbeit zu spüren. Ich galt immer als unzuverlässig. Meine Eltern haben aber erwartet, dass ich zuverlässig bin und etwas Nützliches für die DDR tue. Als die Situation so war, dass meine Freundin sich in den Westen abgesetzt hatte und die mich unter Druck setzten, da dachte ich: Vielleicht ist es das. Vielleicht kann ich so, etwas für die DDR tun. Zumal die mich ja nicht systematisch auf Leute angesetzt haben. Das war die Zeit, als die Ständige Vertretung in der DDR aufmachte und westdeutsche Journalisten kamen. Die wollten wissen: Was sind das für Leute? Was denken die?

Angefangen hat es 1974, da waren Sie 19 Jahre alt. Acht Jahre lang waren Sie IM und haben sich regelmäßig mit Ihrem Verbindungsoffizier, der den Decknamen Hartung hatte, getroffen.

Ja, aber ich war viel im Ausland und ich habe in Rostock studiert, wir haben uns nur in Berlin getroffen. Aber es stimmt, das war eine lange Zeit. Furchtbar.

Sie schreiben, Sie hatten Hartung gegenüber ein schlechtes Gewissen.

Am Anfang habe ich ja versucht, für mich selber eine Rolle für die DDR zu finden. Deshalb habe ich mit dem geredet. Später wollte ich das nicht mehr, habe es aber trotzdem getan.

Bei schlechtem Gewissen schwingt mit: Sie haben nicht genug gebracht.

Ja, das auch. Gott sei Dank, im Nachhinein. Die wollten wissen, ob Angestellte der Botschaften Leute rausschmuggelten. Die konnten ja alle mit ihrem Dienstausweis in den Botschaftsautos über den Checkpoint Charlie. Da wäre es leicht gewesen, einen im Kofferraum mitzunehmen. Das wollten sie rausfinden. Aber das habe ich nicht gemacht.

In Ihrer Akte steht: „Sie belastete Personen“.

Am Anfang war ich unvorsichtig. Ich habe gesagt, die sind nicht politisch gefestigt, die liegen nicht richtig. Da habe ich Leute genannt. Das lag an meiner bescheuerten pubertären Herangehensweise: Die sind nicht so gut drauf wie ich. Aber ich sollte mich nicht mit einem oder zwei besonders beschäftigten.

„Kinder wie ich waren in einer schwierigenSituation, weil wir in eine ganz starke Loyalität zur DDR mit ihrem antifaschistischenImpetus hineingeboren wurden“„Ich wusste, ein Bruch mit der Stasi ist am Ende auch ein Bruch mit dem Staat meinerEltern. Aber auch da gibt es einen Punkt,wo man denkt: Jetzt ist Schluss“

Was denken Sie heute?

Schrecklich. Man sagt ja nicht gerne, dass man sich schämt, aber es ist ein sehr menschliches Gefühl. Als ich die Akten gesehen habe, hab ich gedacht: Wie konntest du nur? Und ich bin froh, dass Hartung nicht besser wusste, wie er mich kriegen konnte.

Wissen Sie, ob Ihre Berichte für andere Konsequenzen hatten?

Ich weiß es nicht. Bisher hat sich niemand gemeldet. Die zwei, drei Leute, zu denen ich mehr gesagt habe, mit denen habe ich lange gesprochen. Da war nichts. Ich konnte das aber nicht für jeden Namen rausfinden, der jemals gefallen ist. Aber genau daraus hat sich das System Stasi ernährt.

Und für Sie? Hatte es Vorteile?

Da ich nie auf die Idee kam, um etwas zu bitten, gab es auch keine Vorteile. Ich habe auch nichts in den Akten gefunden.

Erst vor zwei Jahren, als Sie als Berliner Ausländerbeauftragte im Gespräch waren, ist öffentlich bekannt geworden, dass Sie IM waren. Plötzlich war Anetta Kahane nicht mehr nur die Kämpferin gegen das Böse.

Das war schwierig, obwohl meine engsten Partner und Vertrauten auch innerhalb meiner Arbeit das wussten. Aber ich war froh, dass es erst jetzt öffentlich geworden ist und nicht fünfzehn Jahre früher. Damals wurde nicht differenziert. Bei mir ist gleichzeitig bekannt geworden, dass ich wieder ausgestiegen bin. Das war eine abgeschlossene Geschichte. Insofern fühlte ich mich als Person nicht zu sehr beschädigt.

Warum haben Sie es nicht vorher öffentlich gemacht?

Ich habe es überlegt und mit Freunden diskutiert. Aber wozu? Ich habe mich dagegen entschieden. Eine Debatte wäre damals unmöglich gewesen.

Wann kam es zum Bruch?

Als ich 1981 aus Mosambik zurückkam, ging es nicht mehr anders. Überhaupt waren die Auslandsaufenthalte sehr wichtig, auch vorher schon als ich als Dolmetscherin auf San Tomé gearbeitet habe. Immer wenn ich zurückgekommen bin, war es besonders hart. Dann war klar, das etwas nicht stimmt.

Wie haben Sie den Bruch mit der Stasi – und mit Hartung – herbeigeführt?

Das war schwierig. Nicht nur, weil ich die Konsequenzen kannte. Ich wusste, ein Bruch mit ihm ist am Ende ein Bruch mit dem Staat meiner Eltern. Aber auch da kommt der Punkt, wo man denkt: Nein, jetzt ist Schluss, dann eben nicht.

Das hört sich nach Trotz an.

Das war auch Trotz – und Wut: Dann kann ich eben nicht mehr ins Ausland fahren, nicht mehr meinen Beruf ausüben. Aber es war auch der Preis für mein eigenes Handeln.

Ihre Eltern sind nicht religiös, für Sie spielt Religion durchaus eine Rolle.

Meine Eltern waren Marxisten-Leninisten und hatten mit Religion nichts zu tun. Aber mein Vater hat gern über seine Großeltern gesprochen, das war für ihn die romantische Seite des Judentums. Sein Großvater war Milchmann in Hannover, der ist mit seiner Frau und den halbwüchsigen Kindern aus Lemberg gekommen. Das hat er mir manchmal erzählt wie ein chassidisches Märchen. Er selbst ist im Scheunenviertel aufgewachsen, das war überhaupt nicht romantisch. Das war Armut, Dreck, Mittelalter. Davon hat er sich abgegrenzt. Und sich damit identifiziert, was er sich selbst ausgesucht hatte: erst den Kommunistischen Jugendverband, später die Kommunistische Partei.

Wie haben Sie die Religion wieder für sich entdeckt?

Ich wollte verstehen, was mir das Leben so schwer macht, was anders ist bei mir. Ich habe Heine gelesen und die Klassiker der osteuropäischen Juden. Und ich dachte, diese Weise, die Welt zu betrachten, ist mir viel näher. Ich habe dann versucht, zu verstehen, bin immer näher ran. Wie haben die deutschen Juden das erlebt? Wie sind sie mit dem Holocaust fertig geworden? Ich habe rumgelesen, Leute gefragt, eigene kleine Entdeckungsreisen gemacht.

Als Teenager haben Sie sich einen Davidstern an die Kette gehängt, Ihre Eltern waren entsetzt.

Ja, waren sie wirklich. Das war eine Provokation. Vorher haben sie nicht reagiert, wenn ich gefragt habe. Die Kette haben sie wahrgenommen.

In der Zeit haben Sie auch die ersten eigenen Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht.

Auf mich bezogen ja. Ich habe zum Beispiel von der Mutter einer Freundin keine Limonade bekommen, weil ich Jüdin bin. Das war furchtbar.

Weite Strecken ihres Buches hat man den Eindruck, Sie sind auf der Suche nach Heimat – auch einer politischen Heimat. Sie scheinen sie gefunden zu haben: im Judentum und im Kampf gegen Rechtsextremismus …

… das ist doch das Judentum. Der zentrale Gedanke des Judentums ist, Verantwortung für sich und die Gemeinschaft zu übernehmen – ohne zu missionieren. Meine Schwierigkeit war und ist es, einen Ort im Täterland zu finden.

Heißt das: Das Judentum ist Ihre zentrale Triebkraft?

Das Menschliche daran. Gerechtigkeit ist das oberste Gebot im Judentum. Sobald ich aktiv werden konnte – mit der Wende –, habe ich das gemacht. Und ich werde es weiter tun.

Anetta Kahane: „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Rowohlt Berlin 2004, 19,90 €