Grabsteine aus Kinderhand

Ein Drittel der deutschen Grabsteine stammt aus Indien. Dort schuften Kinder unter elenden Bedingungen in den Steinbrüchen. Deutscher Marktführer widerspricht, in Kinderarbeit gefertigte Produkte zu vertreiben. Ein Siegel soll demnächst für fairen Handel in der Branche sorgen

Drei Jungen um die 12, 13 Jahre umklammern einen großen Presslufthammer. Die heftigen Vibrationen schütteln ihre ganzen Körper. Ohrenbetäubender Lärm schallt von den Wänden des Steinbruchs zurück, Staub verklebt Augen und Lunge. Die sengende Hitze ist kaum auszuhalten. Wir sind mit Benjamin Pütter, Kinderrechtsexperte von Misereor, unterwegs im südindischen Bundestaat Tamil Nadu. Unter der falschen Identität von Steinehändlern recherchieren wir die Arbeitsbedingungen in Exportsteinbrüchen zwischen den boomenden Städten Chennai und Bangalore.

Indischer Granit, das ist Big Business. Deutschland bezieht knapp 50.000 Tonnen pro Jahr, Tendenz steigend. Meist für Grabsteine, edle Fassaden und Innenverkleidungen. „Was immer bestritten wurde“, sagt Pütter, „hier ist der Beweis: schwerste Kinderarbeit in Exportsteinbrüchen. Wer unter diesen Bedingungen schuftet, hat eine Lebenserwartung von ungefähr 35 Jahren.“

Immerhin, in diesem Steinbruch verdienen die Kinder umgerechnet rund 80 Cent pro Tag. In manch anderem Steinbruch, besonders in denen, die für den indischen Markt produzieren, bekommen sie häufig gar nichts. Ihre Eltern haben sich Geld vom Besitzer geliehen – zu hohen Zinsen. Die Schulden steigen immer weiter, der Lohn der gesamten Familie wird niemals reichen, um sie abzubezahlen. „So funktioniert Schuldknechtschaft. Eine Form der modernen Sklaverei“, erläutert Pütter. In ganz Indien gibt es tausende teils riesige Steinbrüche, die für den ausländischen oder den heimischen Markt produzieren. Ganze Dörfer, meist liegen sie direkt neben den Abbaustätten, sind abhängig von den Steinbruchbesitzern.

38 Personen arbeiten in dem Steinbruch, den wir mit Pütter besuchen. Nur 16 davon sind erwachsen. Der Besitzer präsentiert uns stolz seine großen Granitblöcke, Rohmaterial für Grabsteine. „Unsere Hauptabsatzmärkte sind Deutschland und Italien“, sagt er und fügt hinzu, er verkaufe auch an „die Firma Enterprising Enterprises.“ Die meißelt daraus fix und fertige Grabsteine und bringt sie auf den Weltmarkt.

Szenenwechsel ins niedersächsische Syke. „Wir kaufen 99,9 Prozent unserer indischen Grabsteine von Enterprising Enterprises“, erzählt uns der Einkaufsleiter der deutschen Grabsteinfirma Habu. Das Unternehmen hat den deutschen Markt mit indischen Grabsteinen regelrecht aufgerollt und ist damit, nach eigenen Angaben, Marktführer geworden. Inzwischen stammt rund ein Drittel aller Steine auf deutschen Gräbern aus Indien, mit einem Gesamtwert von rund 30 Millionen Euro. Denn sie sind einfach unschlagbar günstig.

Und die Kinderarbeit? Die Maschinen und Werkzeuge seien viel zu schwer und kompliziert, so der Einkaufsleiter. „Deshalb gibt es in der Granitbranche keine Kinderarbeit.“ Konfrontiert mit unseren Aufnahmen von Kindern, die in Lumpen und Gummilatschen im Dreck und Staub der Steinbrüche schuften, scheint er ehrlich schockiert. „Ein Kontrollsystem gibt es nicht, Habu schickt keine Leute durch die Steinbrüche.“ Genau daran arbeitet jetzt die indische Gewerkschaft der Steinbrucharbeiter gemeinsam mit deutschen Steinmetzen. „Wir sagen Ja zu Steinen aus Indien – aber ohne Kindersklaven und ohne Schuldknechtschaft“, sagt der Freiburger Steinmetz Michael Storr, einer der Initiatoren. Was in der Teppichindustrie funktioniert, nämlich das erfolgreiche Siegel „Rugmark“, wollen sie auf Steine übertragen. Das „Signum“, ein in den Stein gemeißeltes Zeichen, soll für die faire Produktion bürgen. Auf dem Markt ist es bereits; Storr will gemeinsam mit indischen und deutschen Hilfsorganisationen ein unabhängiges Kontrollsystem schaffen, um Kinder- und Sklavenarbeit in den Exportsteinbrüchen zu verhindern. Zudem soll ein Viertel des Gewinns nach Indien zurückfließen: für Schulen und Ausbildungsprojekte und die Basisbewegung der Steinbrucharbeiter, die ein Genossenschaftsmodell anstrebt. Tatsächlich gibt es allein in der Gegend zwischen Chennai und Bangalore schon über 30 „befreite“ Steinbrüche, in denen die Arbeiter Bruchkonzession und Verwaltung von den Regierungen übertragen bekamen. Bislang fehlt ihnen jedoch die teure Technik, um für den Export zu produzieren. „Wenn große Firmen wie Habu mitmachen würden, dann wäre das natürlich ein großer Schritt nach vorne“, sagt Benjamin Pütter.

Bis jetzt allerdings geht das Unternehmen in die entgegengesetzte Richtung: Es widerspricht jeder Kinderarbeit in den Steinbrüchen ihrer Zulieferer, gegen eine Fernsehdokumentation drohte es rechtliche Schritte an. Und Benjamin Pütter wartet bis heute auf eine Reaktion des Habu-Einkaufsleiters.