Vater, Sohn, heiliger Gerd

Gerhard Schröder, deutscher Bundeskanzler, ist innerhalb einer Woche vollkommen überraschend zu einer vollständigen Familienbiografie gekommen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt

Es passt alles ins Bild: Jeden Montag wieder rebellieren die Mitbürger aus dem Osten des Landes gegen die vermeintlich drohenden Zumutungen des Reformpakets Hartz IV, eine Wahl nach der anderen geht der Regierungspartei verloren, und Arbeitslose gibt es immer mehr. Eine Situation, die einen amerikanischen Präsidenten möglicherweise dazu verleiten könnte, einen kleinen Krieg anzuzetteln, um von den Problemen im eigenen Land abzulenken. Aber nicht den deutschen Friedenskanzler Gerhard Schröder (SPD). Er, der Mann fürs Gefühlige, gewährt gewieft und punktgenau platziert gleich zwei Einblicke in seine Privatheit: Innerhalb einer Woche ist Gerhard Schröder Sohn und Vater geworden.

Plötzlich Familienmensch

Einer breiten Öffentlichkeit wahrnehmbar als Sohn eines in Rumänien begrabenen Wehrmachtssoldaten namens Fritz wurde Schröder mit seinem Besuch an einem Holzkreuz im siebenbürgischen Dorf Ceanu Mare am vergangenen Donnerstag. Und kaum hatten die Deutschen diesen Moment höchster Privatheit zur Kenntnis genommen, kamen Süddeutsche Zeitung und Bild mit einem weiteren, gar noch privateren Kanzler-Knaller auf den Markt: Am Dienstag meldeten sie die Adoption einer Dreijährigen aus einem Kinderheim in St. Petersburg durch das Ehepaar Schröder-Köpf.

Das hat er ja mal wieder schlau hingebogen. Kommt ihm keine Flut zu Hilfe, dann nimmt Schröder eben ein Bad im Meer der Tränen, vergossen aus Rührung über den herzergreifenden Familienmenschen.

Nein, Schluss damit. Schröder kann noch so sehr bitten darum, nicht am Grab fotografiert zu werden – er wird dennoch abgelichtet. Und der Spiegel ist sich nicht zu blöde, eine ganze Seite der Entstehung dieses Fotos zu widmen, nicht ohne es in guter alter „So etwas wollen wir nicht sehen“-Manier zweispaltig abzudrucken, auf dass jeder Leser noch mal selbst teilhaben kann am Privatleben des Kanzlers und spekulieren kann darüber, ob die Aufnahme für einen Paparazzi-Abschuss nicht doch ein wenig zu scharf und gut ausgeleuchtet geraten ist. Schröder kann die Journalisten, die ihn zur Adoption befragen, noch so deutlich mit Verachtung strafen wie gestern auf seiner ersten Pressekonferenz nach dem Urlaub – „Ich bitte Sie, noch mal darüber nachzudenken, ob Sie in Zusammenhang mit diesen Ereignissen solche Fragen stellen sollten. Aber das ist Ihre Entscheidung“ –, es wird dennoch spekuliert, ob denn bei der unbefleckten Empfängnis des Mädchens mit Namen Viktoria alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Es ist, so scheint es, zumindest den Medien unmöglich, unbefangen auf einen Politiker und seine Frau zu blicken. Einfach nur Grab besuchen oder adoptieren, das geht nicht. Das gibt es nicht. Das kann nicht sein. Da muss doch mehr dahinter stecken.

Doch ein Kanzlermonster?

Stellen wir uns einmal kurz vor, es steckte wirklich mehr dahinter: Was für ein Monster hätten wir zum Kanzler, das sich einer Dreijährigen bedient, um von den Problemen seiner Regierung abzulenken? Was für ein Heuchler müsste ein Mann sein, der am Grab seines Vaters den Kopf senkt und die Hände faltet, nur damit er später auch recht bedrückt aussieht auf der Seite eins der Bild-Zeitung?

Und wie blöd müsste ein Volk sein, sich von solchen Inszenierungen einlullen zu lassen? Hartz IV ist zwar schlimm – was sollen wir demnächst nur essen? –, aber der Kanzler ist doch ein Netter, und so menschlich, da bleiben wir am nächsten Montag doch lieber daheim und füllen brav für den Herrn Clement die Fragebögen aus?

Wahrscheinlich ist dennoch, dass die geballte Schröder’sche Privatheit, wie sie sich uns in der vergangenen Woche offenbarte, tatsächlich der Ablenkung dient, der Ablenkung von Hartz und Demos und Arbeitslosenzahlen und allgemeinem Niedergang. Wie man der Boulevardpresse entnehmen konnte, wirke Schröder seit der Adoption „entspannt“, „gelöst“, habe gar „das Lachen wieder gefunden“ usw. Es sind also nicht wir, die Bürger, deren Aufmerksamkeit sich dem angenehm Trivialen zuwenden soll. Der Kanzler will nur einen ablenken: sich selbst. Ob es ihm nun gelingt oder nicht: Das ist ein schlechtes Zeichen.