Noch ein Prozess

„Ich bin ja nicht der Einzige, der damals über Terrorismus geschrieben hat“: Jonathan Franzen stellt auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin seinen Roman „Die 27ste Stadt“ vor, der 1988 in den USA erschien und jetzt auch auf Deutsch vorliegt

von KOLJA MENSING

Er benimmt sich wie ein ungezogener Schüler. Jonathan Franzen zieht Grimassen, zappelt auf seinem Stuhl herum und steckt seinem Banknachbarn Thomas Brussig ständig kleine Zettel mit Botschaften zu. Ist das der Mann, der verbittert verkündigt hatte, dass die Literatur zu reiner Unterhaltung verkommen sei? Der verkaufsfördernde Einladungen in Fernsehshows abgelehnt hat? Der in seinen Essays die Einsamkeit als die höchste Tugend gefeiert hat? Oder ist das ein Schriftsteller, der von seinem Erfolg überholt worden ist und es selbst noch immer nicht fassen kann?

Vielleicht hinkte „Die 27ste Stadt“ 1988 dem Trend hinterher, um ein Erfolg zu werden

Vor zwei Jahren hatte Jonathan Franzen mit den „Korrekturen“ einen abgründigen Familienroman geschrieben, der sich seitdem allein in den USA mehr als eine Million Mal verkauft hat. Franzen hat die Einsamkeit gegen Lesereisen und Interviews getauscht, und wenn er an diesem Abend im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals zu Gast im Berliner Ensemble ist, beendet er die Veranstaltung pünktlich um 20.30 Uhr, um anschließend noch im Studio des ZDF an einer Talkrunde zum zweiten Jahrestag des 11. September teilzunehmen. Plötzlich wird Franzen nämlich sehr viel ernster genommen, als er es je zu hoffen wagte, und muss ständig vor laufender Kamera knappe Statements zu den Veränderungen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft nach den Anschlägen auf das World Trade Center abgeben. „Ich sehe keine Umbrüche“, sagt er, als ihm auch Moderator Thomas Brussig im BE diese Frage stellt: „In New York ist man höchstens genervt, weil man wegen eines Bombenalarms im Stau stecken bleibt und seinen Flieger verpasst.“ Er habe, so Franzen, vor zwanzig Jahren angesichts des nuklearen Wettrüstens weitaus mehr Angst gehabt.

In diese Zeit führt auch sein Debüt „Die 27ste Stadt“ zurück, das nach dem Erfolg der „Korrekturen“ nun auch in deutscher Übersetzung im Rowohlt Verlag erscheint. Der raffiniert konstruierte Roman „spielt in einem Jahr, das vage an 1984 erinnert“, wie es in einer kurzen Vorbemerkung heißt, und aus heutiger Sicht kommt einem das Amerika Ronald Reagans trotz des atomaren Overkills und den verbalen Attacken gegen das „Reich des Bösen“ allerdings geradezu unschuldig vor. Afghanistan ist nichts als „ein Feld beim Brettspiel Risk“, und auch wenn in St. Louis, dem Ort der Handlung, das eine oder andere Unternehmen von Rüstungsaufträgen profitiert, so wird das eigentliche Geld doch in der Immobilienbranche verdient: „Gewerbefläche, Wohnfläche, Parkplatzfläche, entworfen nicht von Meisterarchitekten, sondern von Finanzjongleuren.“

Mitten hinein in diese Aufbruchsstimmung platzt Jammu, eine Inderin, die das Amt des Polizeichefs von St. Louis übernimmt. Auch Jammu beteiligt sich am neoliberalen Spiel, allerdings nach den Regeln der Dritten Welt. Sie besticht Kommunalpolitiker und installiert Wanzen in den Wohnzimmern und Büros der städtischen Elite, um einen groß angelegten Immobilienschwindel vorzubereiten – und schreckt dabei auch nicht vor Bombenanschlägen zurück.

„Ich bin ja nicht der Einzige, der damals über Terrorismus geschrieben hat“, bekennt Franzen jetzt bescheiden in Berlin, ohne allerdings seine großen Vorbilder Don DeLillo und Thomas Pynchon beim Namen zu nennen. Tatsächlich war der spielerische Umgang mit Verschwörungstheorien und terroristischen Bedrohungsszenarien in den Achtzigern eine literarische Mode, und möglicherweise hinkte „Die 27ste Stadt“, die 1988 in den USA erschien und gut besprochen wurde, dem Trend schon hinterher, um ein Verkaufserfolg zu werden.

Bei der um 15 Jahre verspäteten Deutschlandpremiere behandelt Franzen den Terrorismus dann auch wie ein Pflichtthema. Er erzählt stattdessen lieber in einem charmanten Mischmasch aus Deutsch und Englisch kleine Anekdoten aus seinem Leben als „wirklicher Schriftsteller“, aus der Zeit also, bevor er mit seinem dritten Roman in den Bestsellerlisten auftauchte.

Von der Eitelkeit, mit der er vor zwei Jahren in einem Interview auf den Vergleich der „Korrekturen“ mit den „Buddenbrooks“ noch geantwortet hatte, man würde Thomas Manns Roman doch deutlich anmerken, dass er von einem sehr jungen Mann geschrieben wurde, ist nichts mehr übrig geblieben. Franzen bedankt sich stattdessen geradezu verlegen bei einer literarisch gebildeten Zuhörerin, die in seinen Werken den Einfluss der deutschen Romantik aufgespürt hat, und erzählt mit einem selbstironischen Augenzwinkern, wie er beim Verfassen der „27sten Stadt“ immer wieder ganze Sätze ins Deutsche übersetzt hat: „Im Englischen klang es wie Entertainment, aber auf Deutsch hörte es sich wie echte Literatur an.“ Und dann spielt er doch noch einmal den ungezogenen Schüler und gibt freimütig zu, dass er damals im Übrigen einfach abgeschrieben habe: Der Plot für sein Debüt stamme aus Kafkas Roman „Der Prozess“.