KIRSTEN FUCHS über kleider

Eine socke bleibt selten alleine

Paare sind out. Junge menschen leben lieber als einzelstücke – wie auffällige hüte, die nur auf einen kopf passen

Eine sehr alte frau legt einem sehr alten mann den hemdkragen akkurat. Sie ist die frau des sehr alten mannes. Sie zupft ja nicht an jedem hemdkragen herum, der unter den überzieher gerutscht ist. Sie hat ihm auch die hosen umgenäht, wenn er wieder kleiner geworden war. Sie näht ja nicht jedem mann, der kleiner wird, die hosen um. In ihrer jugend wurde noch geheiratet, wenn sich zwei gefunden hatten, wie ein paar socken, das zusammenpasst und wärmt.

Heute wollen viele gar kein paar socken sein. Darum leben die jungen menschen, als wären sie ein einzelstück, ein auffälliger hut, der nur auf den eigenen kopf passt. Und erst mal fühlt sich das sicherer an, weil eine einzelne socke nutzlos ist, ein einzelner hut aber nicht. Sie weiß nicht, warum die jungen leute davon ausgehen, dass eine der beiden socken verloren geht. Meistens rutschen die doch nur in die kissenbezüge.

Sie zupft ein fädchen aus der naht der anzugtasche ihres mannes. Der anzug ist nicht der beste, aber er war preiswert und sieht nicht so aus. Sie stammt aus der generation, die gerne geld spart, und jetzt soll sie auch noch ihre rente versteuern. Noch mehr geld kann sie nicht mehr sparen. Sie näht aus alten hosen einkaufsbeutel. Sie hebt abgetragene kleidung immer auf und reißt daraus lappen. Sie hat mehrere schöne überdecken aus flicken genäht. Mehr geld kann sie nicht mehr sparen. Altern wird immer teurer.

Wenn sie das gewusst hätte, wäre sie einfach nicht alt geworden. Für frühzeitiges ableben könnte der staat auch aus dankbarkeit die beerdigungskosten übernehmen. Was das kostet, wenn einer geht. Und wenn einer kommt, gibt es dafür noch geld. Als wäre das eine wichtiger als das andere, dabei gehört es doch zusammen, wie ein paar socken.

Vielleicht gibt es bald eine steuer auf graue haare – und das von Gerhard Schröder. Sie ist enttäuscht, ganz einfach enttäuscht. Sie war auch nicht wählen bei der europawahl. Damit ist sie gleich in zwei der größten machtlosen gruppen in Deutschland. Sie ist alt und sie ist nichtwähler. Die politiker sind ihr alle zu jung, die wollen sie nicht vertreten, die wollen sie zu tode pflegen.

Sie dreht das fädchen aus der anzugtasche in der hand. Gicht hin oder her, sie hat geschickte hände. Sie stopft kaputte socken sehr schnell. Wenn die menschen nicht immer alles wegwerfen würden, könnte sie schon noch gebraucht werden. Aber sie wird ja nicht mal mehr gefragt, ob sie etwas kann. Ihr mann braucht sie. Sie lächelt ihn an.

Sie hat ihm jahrelang die anziehsachen auf den stuhl gelegt. Ihm war es jacke wie hose, welches hemd und welches unterhemd er trägt. Er hatte den eindruck, dass er blau mag und dazu gerne helle brauntöne kombiniert.

Sie hatte alle hemden gekauft. Nur sie wusste, wo es immer noch die netzpoloshirts gibt, die er im sommer bevorzugte. Diese hemden waren praktisch. Diese hemden waren schön. Er hatte davon mehrere, die wollte keiner der beiden söhne jetzt erben. Der ältere ist momentan arbeitslos, aber er will sich trotzdem seine eigenen sachen kaufen beziehungsweise seiner freundin geld geben, damit sie ihm hemden kauft.

Er sagt „meine frau“ zu seiner freundin. Sie haben keine kinder, weil sie „schiss haben“, sagt er. Ach gott, schiss hatten die menschen nach dem krieg wohl nicht? Und trotzdem haben sie ihre hosenschisser gezeugt. Sie findet, dass der generationsvertrag beinhaltet, dass ihre söhne ihr enkel schulden. Aber der eine hat schiss und der andere hat schulden.

Sie dreht das fädchen zwischen den fingern. Sie hat so viel wolle zu hause, wolle für so viele babysachen. Und wenn die kinder wachsen, können die sachen auch wieder aufgetrennt werden. wolle und liebe ist immer genug da. Und geld jetzt auch.

Die witwenrente ist ganz schön hoch, als ob sie jetzt teurer lebte. Sie steckt ihm das fädchen in die anzugtasche – von wegen das letzte hemd habe keine taschen. Sie hat schon den eindruck, dass er sehr viel mitnimmt, weil sie ihm viel gegeben hat.

fragen zum sockenpaar? kolumne@taz.de morgen: Robin Alexander über schicksal