die erotik des rentensystems. das letzte von günter grass von WIGLAF DROSTE

Die Alten sind ins Gerede gekommen. Ein Schnösel von der Jungen Union, der die Ausgabe von künstlichen Hüftgelenken für alte Leute rationieren wollte, löste damit zwar zunächst die erwartbare rhetorische Empörung aus. Doch was die Yuppievisage von sich gab, ist der asoziale Konsens von morgen: „Sterbt schneller, ihr kostet!“ So ist das Leben im Konsumismus, wenn keiner ihn bremst.

Man soll aber nicht leugnen, dass es schreckliche Alte gibt, die einem auch die kleinste Bekundung von Respekt völlig unmöglich machen. Wer Jürgen Drews zusieht und nicht über Notschlachtung nachdenkt, ist entweder erleuchtet oder sonst nicht bei Trost. Andere Altlasten sind Alice Schwarzer und die von ihr angehimmelte Nazicke Leni Riefenstahl; die Sanges- und Gesinnungsbrüder Karl Moik und Wolf Biermann haben das Recht auf Ruhestand ebenso erworben wie der verrottete, unwürdige Hellmuth Karasek; und der von F. W. Bernstein sternenklar als „Büchnergreis“ identifizierte Windmacher Durs Grünbein spielt sich zielsicher in ihre Liga hinein.

Der Gipfel aller spezifisch senilen Belästigung aber ist Günter Grass. Grass ist der Grässlichste, er schlägt sie alle. Der aufdringliche Kaschubiak krabbelte seiner deutschen Nation mit der Novelle „Im Krebsgang“ an die Hämorrhoiden und erneuerte die erste Forderung aller Sozialdemokratie: Wir dürfen die Nazis nicht den Rechten überlassen!

Nun gab Grass dem Spiegel Texte aus seinem neuen Buch „Letzte Tänze“ zum Vorabdruck, salatenes Gestammel, das Grass in doppeltem Irrtum für lyrisch und für erotisch hält. Eins der Teile heißt „Ein Wunder“ und geht so: „Soeben noch schlaff und abgenutzt / Nach soviel Jahren Gebrauch, / Steht Er / – Was Wunder! / Er steht –, / Will von dir, mir und dir bestaunt sein, / Verlästert und nützlich zugleich.“

Früher traf Günter Grass den Free-Jazz-Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer; Grass las, Sommer klapperte. Das war schon scheußlich genug, aber verglichen mit dem halbsteifen Gipfeltreffen zwischen Grass und seinem Schwanz doch eine erfreuliche Begegnung. Grass aber ist vor Greisengeilheit ganz aus dem Häuschen und legt das Rohr noch weiter vor. „Schamlos“ ist das Gebrabbel betitelt: „Wie Tiere / Leckten wir uns / Und fanden später – / Satt und matt – / Mit selbiger Zunge / Zivil geordnete Wörter, / Einander die Welt zu erklären: / Den Anstieg der Benzinpreise, / Die Mängel im Rentensystem, / Das Unbegreifliche / Der letzten Beethoven-Quartette.“

Wie kann man über etwas so Schönes so eklig schreiben? Grass kann nicht anders, denn genau so geht es zu bei ihm: Hier wird das sozialdemokratische Gelaber danach gepflegt, das sich um Mängel im Rentensystem und um Benzinpreise dreht, und am Ende wird noch mit Kultur und Bildung gehubert. Wer so schreibt, der vögelte sein Leben lang so. Fast könnte man Mitleid haben, aber dazu ist es zu abstoßend.

Wer immer dafür zuständig ist – und in diesem Fall wäre ich ausnahmsweise auch mit dem lieben Gott einverstanden –, schütze uns vor der Geißel der Altersgeilheit. Und erlöse alle, die öffentlich an ihr leiden.