Falken warnen vor Irak-Desaster

Auch Neokonservative kritisieren das Vorgehen der Bush-Regierung im Irak. Mehr getötete US-Soldaten seit Anfang Mai als während der „Hauptkampfhandlungen“

BERLIN | taz ■ | Ein Kriegsherr, der keinen Erfolg hat, wird selbst von seinen besten Freunden im Strich gelassen. Ausgerechnet Robert Kagan und William Kristol, die zwei Wortführer der Neokonservativen, die den Irak-Feldzug über Jahre herbeigeschrieben haben, kritisieren jetzt offen das Vorgehen der Bush-Regierung im Irak. Die Ressourcen, die George W. Bush in den Irak stecke, seien nicht ausreichend, die Stationierung ginge zu langsam, schrieben Kagan und Kristol im Weekly Standard. Die Zeitschrift ist so etwas wie das Zentralorgan der Falken, die sich einst in dem „Project for a New American Century“ organisiert hatten und zu denen auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und der Pentagon-Berater Richard Perle gehören. „Wenn dies nicht bald korrigiert wird“, schreiben Kagan und Kristol weiter, „kann dies auf lange Sicht zu einem Desaster führen.“

Gleichzeitig deutet sich an, dass die von Außenminister Colin Powell erhoffte größere internationale militärische Unterstützung auf sich warten lässt. Zumindest der Plan Powells, mittels einer neuen Resolution des UN-Sicherheitsrates die Bedingungen für die Entsendungen von Truppen anderer Staaten zu erleichtern, steht möglicherweise vor dem Scheitern. Das deutete der stellvertretende Außenminister Richard Armitage an – auch er ein Mitglied des neokonservativen Zirkels um Rumsfeld und Perle. Es sei fraglich, ob die USA ihre Bemühungen für eine entsprechende Resolution des Sicherheitsrates weiter verfolgen würden, sagte Armitage am Montag in Washington.

Die Bush-Administration versucht derweil, die Debatte um Forderungen nach mehr eigenen Truppen zu beruhigen. „Wir müssen geduldig bleiben“, mahnte Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice am Montag. Schließlich seien gerade einmal 117 Tage seit dem Ende der Hauptkampfhandlungen vergangen. Das sei keine lange Zeit.

Eine traurige Statistik wird es dem Pentagon und dem Weißen Haus wohl immer schwerer machen, auf die Geduld der Öffentlichkeit zu setzen. Gestern überstieg die Zahl der toten US-Soldaten seit dem 1. Mai, als George W. Bush, auf einem Flugzeugträger vor Kalifornien feierlich das Ende der „Hauptkampfhandlungen“ im Irak erklärte, die Zahl der 138 getöteten Soldaten vor diesem Stichtag. Dazu zählen sowohl durch gegnerische Waffen Getötete (115 vor dem 1. Mai, 62 seitdem), als auch diejenigen Soldaten, die bei zahlreichen Unfälle umkamen.

Donald Rumsfeld gibt sich dennoch gewohnt souverän. Einerseits sagte er am Montag erneut, dass er die derzeitige Truppenstärke für ausreichend halte. Gleichzeitig betonte der Pentagon-Chef, die Streitkräfte könnten auf Wunsch der Kommandeure in der Region jederzeit erhöht werden – und schob die Verantwortung damit auf den für Irak zuständigen Centcom-Chef John Abizaid. Der hatte die Debatte um mehr Truppen zum Schutz vor Anschlägen im Irak schon letzte Woche lakonisch mit der Bemerkung kommentiert, selbst eine Million Soldaten hätten die USA schließlich nicht vor den Anschlägen vom 11. September geschützt. Hält der öffentliche Druck, wird Abizaid wohl dennoch bald von Bush die dezente Anweisung bekommen, Rumsfeld um mehr Truppen zu bitten.