heute in bremen

„Ohne Zweifel gefährdet“

Am internationalen Tag der Muttersprache wird über ihr Aussterben diskutiert

taz: Die Unesco hat Plattdeutsch gerade wieder in die Liste der bedrohten Sprachen eingereiht. Wie viele Sorgen muss man sich gegenwärtig machen?

Frerk Möller, Institut für Niederdeutsche Sprache: Weltweit gibt es mindestens 6.000 Sprachen, und mit der Globalisierung geht zunehmend das Verschwinden kleinerer Sprachen einher. In diesem Jahrhundert wird mindestens ein Drittel der Sprachen verklingen, Pessimisten sagen sogar: 90 Prozent sterben aus. Das Niederdeutsche ist ohne Zweifel gefährdet. Aber noch lebt es recht zäh gegen das Aussterben an: Es gibt bummelig 2,6 Millionen Sprecher in der Bundesrepublik, 14 Prozent in Norddeutschland sprechen gut oder sehr gut Platt. Es wird eine ganze Menge getan, aber natürlich nicht genug. Es tut sich ein bisschen was.

Also steht es doch nicht so schlimm um Platt?

Die Regionalsprache ist nicht akut vom Aussterben bedroht. Aber seit 1984 hat sich die Zahl der Sprecher in etwa halbiert. Wenn diese Zahl unter 100.000 sinkt, dann wird es in Generationenfrist eng mit der Weitergabe. Plattdeutsch ist nicht moribund, so wie andere Sprachen.

Bremen wird im Herbst für drei Wochen „Welthauptstadt der Sprachen“. Hilft das?

Ich begrüße alles, was sich mit sprachlichem Miteinander, sprachlichem Wandel auseinander setzt. Sprache ist nicht alles, aber ohne Sprache ist alles nichts. Das Phänomen kann gar nicht genügend betont werden.

Aber ist das nicht einfach nur Symbolpolitik?

Ja, das auch, aber auch die bewegt ja etwas, schafft ein bisschen Bewusstsein.

Aber muss man alle Sprachen auf ewig erhalten?

Sie haben einen Eigenwert an sich. Sprache verändert sich immer. Es liegt keinem daran, einen archaischen Sprachstand zu erhalten, das bringt die Sprache und die Sprechergemeinschaft nicht weiter. Aber es gibt, und das ist ein Problem, die Sehnsucht nach Unterkomplexität. Plattdeutsch ist nicht nur gemütlich. Da kann man problemlos über Mord und Totschlag oder Poetik und Lyrik reden.