Der Kung-Fu von Köpenick

Lara Croft entdeckt die Welt: „Tomb Raider – Die Wiege des Lebens“, das Sequel der Computerspiel-Verfilmung, freut sich am altbritischen Empire

Das Ziel des neuen Lara-Croft-Abenteuers war es wohl, den posthumanen Cybersex-Faktor so weit wie möglich runterzufahren, ohne der Wiedererkennbarkeit zu schaden. Eng anliegende Tauchanzüge und Badekombination stammen von derselben Designerin, die zuletzt Halle Berry ausgestattet hat. Also ist Lara Croft jetzt so eine Art Bond-Girl ohne Bond beziehungsweise mit reduziertem Bond: Sie hat ihren Bad-Boy-Lover, der ihr gelegentlich das Leben rettet und aufreizend Schottisch spricht. Immerhin derselbe Akzent, den sich Sean Connery weitgehend abtrainiert hatte. Ein katholisch atavistischer Schotte ist dann auch das Maximum an Alterität für die neue Croft-Weltordnung: Britische Menschen bereisen die entlegensten Flecken der Erde und machen einen Höllenlärm mit neuem Minikriegsspielzeug. Eine Rekonstruktion des britischen Empires von weltumspannender Selbstverständlichkeit für all die Leute, denen unsere zeitgenössische Globalisierung ein wenig zu geschmacklos daherkommt. Die altbritische Weltausbeutung war wenigstens gut angezogen. Auch das ist natürlich eine alte Bond-Idee, die dabei aber immer noch etwas mehr Humor hatte und, was die Kleidung betrifft, nicht bloße Behauptung blieb.

Kann irgendjemand da draußen noch eine einzige Martial-Arts-Szene in einer westlichen Produktion ertragen? Ich nicht. Hier gibt der Film eine lustige Antwort. Im Kampf mit einem chinesischen Waffenwirbler nimmt Lara Croft plötzlich altpreußisch Haltung an und präsentiert das Gewehr. Noch ein paar Exerzierroutinen des alten Fritz, und der restlos verwirrte Chinese hat den Kampf verloren. Der Kung-Fu von Köpenick.

Lustig germanophob ist auch die Besetzung der Bösen: Der schlimmste Mensch der Welt, ein Biowaffenhändler und -produzent, der in der mythischen Büchse der Pandora die ultimative Giftwaffe sucht, sieht aus wie eine Mischung aus Kanzler Schröder und Rudi Assauer, mit einem leichten Übergewicht zum Manager des FC Schalke 04 hin. Schalke als Zentrum der Weltverschwörung: Immerhin schmeckt man an diesem Gedanken ein paar Minuten mit Gewinn. Hauptknecht dieses Assauerkanzlers ist Til Schweiger, der sich mit dieser Rolle eines verkniffen Befehle bellenden Klein-Kapos keinen Gefallen auf dem internationalen Markt getan hat. Für ihn dürfte es Rollen bei „Hogan’s Heroes“ regnen.

Stolz ist man eindeutig auf die handgemachten und echt gespielten Stunts. Ein Vergleich mit den durchweg erfreulicheren Engeln für Charlie liegt nahe. Während bei Lara drei Stunt-Leute in unzähligen Takes ihr Leben riskieren mussten und von Hongkonger Höchsthäusern springen, sind die Engel digitale Spiralen mit ihren Motorrädern gesprungen und konnten in der Luft noch sowohl die Schwerkraft wie die neuesten Tools des Digital Compositing dekonstruieren. Aber die Aufgabe, die Künstlichkeit des Echten zu markieren und mit ihr zu spielen, ist eben auch sehr viel angenehmer als die umgekehrte, die Echtheit des Digitalen und Künstlichen beweisen zu müssen. Und mit der hat man sich hier rumgeschlagen, immerhin etwas unterhaltsamer als beim ersten Versuch.

DIEDRICH DIEDERICHSEN

„Tomb Raider – Die Wiege des Lebens“, Regie: Jan de Bont. Mit Angelina Jolie, Gerard Butler, Til Schweiger u. a., USA 2002, 110 Minuten