Die Globalisierung schlaucht ihre Kinder

Saigon ist durch, Townships sind in – und er ist ganz vorne dabei: Fela Kutis Sohn Femi arbeitete im Rahmen von Popdeurope im Haus der Kulturen der Welt hart an seinem Körper und reiste ansonsten auf dem Ticket einer Legende

Der Markt für Weltmusik hat sich in zwei Richtungen ausgeweitet. Auf der einen Seite sind die vielen Events der Open-Air-Sommer und Heimatklänge-Festivals bis in die Mitte eingesickert. Demnächst werden im Schiller Theater mit dem Südafrika-Stück „African Footprints“ und „Lady Salsa“ auch Musicalgänger bei fester Bestuhlung ihre Exotikfete haben – Saigon ist durch, Townships sind in. Umgekehrt wird im Zuge der anhaltenden Afrotronic-Begeisterung so ziemlich jeder Track, der sich nach Highlife anhört, durch die Remix-Hölle geschickt und von gewieften Produzenten in Paris, London und New York zum Housestomper aufgesprudelt.

Ganz vorne dabei ist Femi Kuti, der schon 1999 sein Album „Shoki Shoki“ von Ashley Beedle, Nuyorican Soul, Dixon oder Mateo & Matos clubkompatibel nachbessern ließ. Solchermaßen in den westlichen Popkontext übersetzt wurde der Sohn von Fela Kuti im letzten Jahr mit dem Folgealbum „Fight to Win“ immerhin für einen Grammy in der Kategorie Weltmusik nominiert. Kein Wunder, dass sich Femi Kuti mittlerweile mehr für seine Zusammenarbeit mit Rappern wie Mos Def oder The Roots interessiert und den vom Vater geerbten Shrine im nigerianischen Lagos sträflich vernachlässigt. Die Globalisierung schlaucht ihre Kinder: Selbst am Samstag, als das Konzert im Rahmen von Popdeurope auf der Terrasse des Haus der Kulturen der Welt kaum zu Ende war, saß Femi Kuti schon wieder im Flugzeug nach Amsterdam. So eng war nicht einmal der Terminplan seines Vaters, der bis zu seinem frühen Aids-Tod 1997 vier, fünf Dutzend Schallplatten eingespielt hat.

Überhaupt Vater und Sohn: Femi Kuti weiß sehr wohl, dass er auf dem Ticket einer Legende reist. Selbst seine elfköpfige Band Positive Force erinnert mit ihren drei Tänzerinnen und der heftig durch die Breaks wirbelnden Bläsersektion schwer an Afrika 70, die damals Fela Kutis Begleithorde waren. Aber auch der Bühnenzauber bleibt in der Familie: Sämtliche Songs sind auf Femi Kutis Gesangseinsätze hingeschnitten; jeder verwegene Tanzschritt wird mit einem Tusch begleitet. Wenn er zum Solo ans Saxofon oder an die Orgel wechselt, hält sich die Band höflich zurück, obwohl Femi Kuti leicht verquietschte Zirkusmelodien spielt statt des Jazz, den der Senior hatte. Solche Nörgeleien nimmt er denn auch eher gelassen: „Als er noch mein Lehrer war, wusste ich, dass ich acht Stunden proben muss, um so gut zu sein wie Fela, der nur zwei Stunden am Tag geübt hat.“

Sehr viel gearbeitet hat Femi Kuti dagegen an seinem Körper, vielleicht auch, weil die Verpackung in Zeiten von MTV mindestens so wichtig ist wie die Message. Gutes Aussehen nützt, wenn man im eigenen Land so etwas wie die prominenteste Gegenstimme der offiziellen Politik ist. Wie schon bei Fela Kuti gibt es in Songs wie „Truth don die“ und „Traitors of Africa“ zahllose Anspielungen auf die Korruption in Nigeria, auf die mangelnde Unterstützung des Staats im Kampf gegen Aids oder auf dessen große Bereitschaft, sich mit ehemaligen Kolonialmächten zu arrangieren. Nicht von ungefähr ruft Femi Kuti im Konzert eine Ahnenreihe des Widerstands an, in der Martin Luther King, Marcus Garvey und Malcolm X gut zueinander passen.

Zwei Namen fehlen: James Brown und Vater Kuti. Trotzdem meint man die Anwesenheit der beiden hardest working Götter ständig zu hören. Denn das Uptempo des Afrobeat, mit dem Femi Kuti die Berliner Gefolgschaft innerhalb von Minuten zum Zappeln bringt, hat neben den nigerianischen Wurzeln einiges vom ekstatischen Soulfunk der späten Sixties. Insofern sind die „Yoruba Soundcultures“, mit denen Femi Kuti angekündigt wurde, tatsächlich auf verschlungenen Pfaden entstanden. Nur eins ist sicher: Musicals gehören nicht dazu.