Turnier der Spieler und Sammler

„Perry Rhodan“-Heftchen erscheinen seit über 40 Jahren. Fans des Weltraum-Kommandeurs treffen sich heute zu einer Expertentagung. Andere veranstalten eine Sammelkartenmeisterschaft. Die Regeln erschließen sich nur Eingeweihten

Science-Fiction ist ein seltsames Genre. Wenn es gut läuft, lebt es von der Faszination der Fans für ferne Welten, komplexe Raumschiffe, abstruse Technik und nicht zuletzt vom Hang zur Pedanterie. Für „Perry Rhodan“ läuft es seit über 40 Jahren gut. Seit 1961 erscheinen die deutschen Abenteuer des „Kommandeurs der ersten Mondmission“ wöchentlich als Groschenroman. Und die Anhänger konsumieren die Serie nicht nur, sie gestalten sie in Diskussionen, Stammtischen, Spielen und Magazinen mit. Immer wieder machen sie die Autoren auf Widersprüche in der Handlung aufmerksam. Heute findet in Berlin ein Perry-Rhodan-Tag statt. Parallel dazu veranstalten einige Fans eine „Weltmeisterschaft“ im Sammelkartenspielen.

Wie eine Skatrunde sitzen sie zusammen: Lothar Rämer, Helmut Anger und Kai Schmidt von Behren sind drei Männer mittleren Alters, versammelt um einen großen Tisch voller Spielkarten, in einem Reinickendorfer Häuschen. Die Kinder auf dem Sofa im Hintergrund. Die Karten zeigen bunte, futuristische Figuren und Planeten. Auf ihnen stehen Texte wie: „Die Anzahl der auf der Pro-Seite ausliegenden Orte Solares System kann in Phase V nicht größer sein als die Anzahl aller ausliegenden Orte mit Sondierung auf deiner Anti-Seite.“

Das Spiel erscheint komplizierter als Skat. Mit ihm spielen sie die Geschichte aus den Perry-Rhodan-Heften nach. Wie die Handlungen der Weltraumserie ist auch das Spiel in einzelne „Phasen“ unterteilt. Jeder Spieler ist sowohl guter „Terraner“ als auch böse „Anti-Seite“. „Die Siegbedingungen wechseln in jeder Phase“, erklärt Kai Schmidt von Behren, der jüngste von den dreien. Er sagt: „Die Karten verbinden die Leidenschaften Sammeln und Spielen.“ Dass er sammeln kann, hat er bei den Heftchen bewiesen: Seit er Mitte der 80er-Jahre auf Perry Rhodan stieß, hat er alle 2.239 zusammengetragen.

Das Kartenspiel kam erst 1996 auf den Markt. Der Herausgeber, die Kölner Firma „Fantasy Productions“, stellte den Vertrieb aber schnell wieder ein: „Es hat sich nicht gelohnt“, heißt es dort. Der Markt sei einfach zu klein: „Spielen und Lesen ist ein Unterschied.“ Die drei Fans, die sich beim monatlichen Fan-Stammtisch in einem China-Restaurant kennen gelernt hatten, wollten das nicht hinnehmen. Der Chemiker, der Elektrotechniker und der Medizintechniker legten zusammen und gründeten mit Freunden aus ganz Deutschland eine Firma. Sie kauften die Lizenzen und vermarkten das Kartenspiel jetzt selbst. „Dafür geht viel Zeit drauf“, sagt Lothar Rämer. Ihr ganzer Stolz sind 204 selbst gestaltete Karten der „Phase V“. Damit ihr Ausflug ins Unternehmertum keinen Verlust bedeutet, müssen sie alle Packungen verkaufen. Die genaue Auflage wollen sie nicht verraten.

Am Wochenende haben sie gleich doppelt Gelegenheit, die Karten an den Weltraum-Fan zu bringen: Der Berliner Verein „Archiv der Jugendkulturen“ veranstaltet zusammen mit der Perry-Rhodan-Fanzentrale einen Tag, der ganz im Zeichen des Science-Fiction-Stars steht. Schreiber, Zeichner und Fans diskutieren in Tempelhof über die Zukunft ihres Weltraumhelden. Der Anteil Jugendlicher dürfte jedoch eher gering sein. Laut Kai Schmidt von Behren liegt der Altersdurchschnitt bei solchen Veranstaltungen bei Anfang 30.

Parallel dazu laden Lothar Rämer und seine Freunde zur „Weltmeisterschaft“ im Kartenspielen nach Reinickendorf. Sie erwarten etwa 20 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Okay, es könnte auch EM heißen“, sagt Rämer lächelnd. Die Karten erscheinen im Gegensatz zu den Geschichten nur auf Deutsch. Bücher und Hefte gibt es auch in Brasilien, Frankreich, Holland, Japan und China.

Rämers Sohn Raphael ist ehemaliger „Perry-Rhodan-Weltmeister“ und tritt ebenfalls beim Turnier an. Schließlich will er den Titel zurückholen. Die Meisterschaft dauert das ganze Wochenende. Für Anfänger gibt es eine Einführungsrunde. Die gibt’s bei der Skat-WM übrigens nicht.