Die neuesten Webtraditionen

Internet-Boom in Marokko: Nach Marrakesch kommen die Touristen nur der Märkte und antiken Schlangenbeschwörer wegen. Die Jugend bevölkert indessen die Internetcafés der Stadt, um Anschluss an die Welt zu finden. Ein Streifzug durch die Szene

Während sich die Touristen Kutschen mieten, um die Schlangenbeschwörer auf dem berühmten Jamaa’l-Fna – wörtlich: dem „Platz am Ende der Welt“ – zu bewundern, scheinen die Bewohner von Marrakesch völlig verzaubert von der magischen Vorstellung, weltweit zu kommunizieren. Sie stürzen in die Internetcafés und surfen durchs Netz. In der Buchhandlung von Jamila Hassoune im neuen In-Viertel Amerchich, wo die Universität liegt und Jugendliche die Mehrheit stellen, sind der Internetführer „Dalil al-Internet“ sowie der Englisch-Kompaktkurs des französischen Verlagshauses Larousse die Bestseller.

Überraschender noch als die Leidenschaft, mit der die Jugendlichen Englisch lernen, ist der unglaubliche Erfolg des „Dalil al-Internet“, eines bescheiden aufgemachten Magazins, das sich selbst als „erste Halbmonatsschrift über das Internet in Marokko“ bezeichnet, für fünf Dirham (50 Cent) verkauft wird und eine Auflage von bis zu 15.000 Exemplaren erreicht. Man braucht nur die Überschriften zu überfliegen, um sich darüber klar zu werden, dass das Marrakesch unserer Vorfahren verschwunden ist.

Das heutige Marrakesch lebt auf einem anderen Stern: Jobs und Ehepartner suchen die Käufer des „Dalil“ heute vor allem im Internet. In einer Stadt, in der junge Mädchen stundenlang in die Internetcafés des Viertels abtauchen, um dort Heiratsanzeigen zu lesen, muss man sich der Einsicht beugen, dass etwa das Tragen des Schleiers eher auf eine gesellschaftliche Inszenierung als auf Frömmigkeit verweist. Dies nur als kleiner Hinweis für die Touristen, die nach Marrakesch kommen, um Archaisches zu erleben: Sie hätten viel davon, die vielschichtige Realität wahrzunehmen, in der die Bewohner von Marrakesch auf unterschiedlichen Bühnen vielfältige Rollen spielen.

Didaktische Anleitungen

Die Experten der Vereinten Nationen, die den düsteren „Arab Human Development Report“ verfasst haben, beschreiben eine arabische Jugend, die von den neuen Technologien abgeschnitten ist, weil sie angeblich keine Fremdsprachen spricht. Sie hatten offensichtlich noch nie eine Ausgabe des „Dalil al-Internet“ vor der Nase, ein Meisterwerk an Pfiffigkeit und Innovation, ausgebrütet von drei Grundschullehrern aus Agadir und einem Universitätsprofessor aus Marrakesch. Die drei Lehrer, das sind der 1965 geborene Hafid Nani sowie Said Soulaimani und Mohamed Asdaf, beide Jahrgang 1961. Mehdi Saïdi unterrichtet Hydrogeologie an der Universität Marrakesch, die Wissenschaft vom Wasser, seiner Nutzung und insbesondere „seines Schutzes“, wie er ergänzend hinzufügt, als ich telefonisch Kontakt mit ihm aufnehme. Seit ihrem Start im Mai 2000 ist die Auflage der Zeitschrift auch ohne Werbung rasch gestiegen, weil sie, so die Zeitungsmacher, auf die drei Hauptinteressen der Jugend eingeht.

Vorneweg steht das Bedürfnis, eine für die neuen Technologien geeignete Ausbildung zu erwerben – vor allem der Wunsch, im Selbststudium Fremdsprachen zu erlernen sowie sich Computerkenntnisse anzueignen. An zweiter Stelle steht die Suche nach Arbeit, dicht gefolgt von der nach dem richtigen Ehepartner.

Während also Politiker, die sich in Marrakesch zur Wahl stellen, die Jugend mit Lobeshymnen auf die traditionelle Familie und auf bäuerliche Aktivitäten langweilen, verbringt diese ihre Zeit damit, sich gegenseitig Tipps zu geben zu Themen wie „Arbeit durchs Internet“, „Gesetze des virtuellen Handels“ und „die virtuelle Heirat“ zu geben. Und vor allem, wie man verhindert, dass der PC zu langsam wird, und was zu tun ist, wenn er abstürzt. Dabei darf man nicht vergessen, dass sich der „Dalil“ an Jugendliche wendet, die selbst keinen PC haben und die zu zweit oder zu dritt zusammenlegen, um die fünf oder sieben Dirham aufzubringen, die eine Stunde Internetzugang im Internetcafé kostet.

Virtuelle Ehepartner

Kein Zweifel, die Hauptbeschäftigung der Internetbenutzer scheint darin zu bestehen, einen Ehepartner zu finden. Man braucht nur die Leserbriefe zu lesen: „Hallo, Freunde des ‚Dalil al-Internet‘. Ich bin Yassine Dadda. Ich schicke euch hier einige Seiten mit Heiratsanzeigen: www.mariee.fr / www.alzafaf.com/www.zawgaty.com.“ Einige raten weit herumzusurfen, um den gewünschten Partner zu finden, und schlagen Seiten vor, die von Imilchil bis ans Ende der Welt gehen. „Treuer Leser aus Taza, 26 Jahre alt. Erlauben Sie mir, Ihnen einige nationale und arabische Seiten mit Heiratsanzeigen vorzustellen, und viel Glück für alle. www.imilchil.com / www.rabatzoom.ma / www.unicis.co.ma / www.zawagati.com.“

Heiraten per Internet weckt viele Hoffnungen in der arabischen Welt. Selbst eine Prestige-Zeitschrift wie die ägyptische Wighaat Nazar („Ansichten“), die normalerweise einen sehr intellektuellen und wissenschaftlichen Stil pflegt, betont in einem Artikel über „Heirat per Computer“: „Bei dem Tempo der technologischen Entwicklung könnte es um 2019 möglich sein, sich virtuell zu lieben – als Alternative zur Ehe. Ein solcher technologischer Durchbruch könnte es den Ehepartnern ermöglichen, sich virtuell zu treffen (iftiradiyan), ohne eine ungewollte Schwangerschaft befürchten zu müssen.“

Die Redakteure des „Dalil“ sind sich der Gefahr bewusst, die das Internet birgt, nämlich sich von der Realität abzukoppeln. Deshalb versuchen sie, die virtuellen Leidenschaften ihrer Leser zu bremsen, indem sie über die Erfahrungen in anderen arabischen Ländern informieren, die technologisch weiter entwickelt sind: „Die arabische Jugend und ihre Erfahrungen mit Heirat per Internet.“ Außergewöhnlich ist beim „Dalil“, dass Sprachprobleme und technologische Defizite spielerisch gelöst werden: mit Lernübungen, die wie beim traditionellen Handwerk den Jugendlichen ermöglichen, sich gegenseitig zu helfen und sich zu vernetzen; Internet im wörtlichsten Sinn.

Warum verkauft der „Dalil al-Internet“ 15.000 Exemplare, während die Hochglanzmagazine der politischen Parteien nur von denen gelesen werden, die sie finanzieren und vom armen Korrektor der Druckerei, die sie herstellt? Eine mögliche Antwort ist, dass der „Dalil“ das Problem des schulischen Scheiterns entdramatisiert und den Wissenserwerb ins Spielerische verwandelt, in handwerkliche Übungen, die jeder auf seine Art und in seinem Rhythmus durchzuführen versucht. Ja, Erfindungsgabe ist sicherlich das richtige Wort, um den pädagogischen Geist der Redaktion des „Dalil al-Internet“ zu beschreiben.

Das fängt schon mit der Zweisprachigkeit des Titels an. Dalil ist ein arabischer Begriff und bedeutet Anzeiger, Internet ist selbst im Englischen ein wirklich eigenartiger Begriff, weil es sich um das Akronym für Intercommunication Network (Netzwerk der Interkommunikation) handelt. Internet, auch einfach Netz genannt, ist eine Abkürzung von Network oder Web, wörtlich auf Englisch das Spinnennetz, und bezeichnet einfach die Vernetzung mehrerer Rechner.

Der Sprachencocktail des Titels aus dem arabischen Wort (Dalil) und dem digitalen Akronym Internet zeigt dem jungen Marokkaner, der die Zeitschrift kauft, dass er zwischen beiden Sprachen hin und her navigieren kann, den arabischen Seiten auf den rechten und den französischen auf den linken Seiten. Einfallsreich ist auch der Versuch der Redakteure, die Jugendlichen mit Liedern dazu anzuregen, Fremdsprachen zu lernen: „Genussvolles Englisch: lerne Englisch durch die Texte der ins Arabische übersetzten Lieder.“

Die Helden der Jugend

Nehmen Sie sich Zeit für einen Tee „à la menthe“ im Café Arabis neben der Buchhandlung Hassoune, und Sie lernen die Helden der jungen Marrakschis kennen. Es sind weder die Helden amerikanischer Hollywood-Filme mit ihrem Revolver in der Hand noch ein Bin Laden mit seinen Kamikaze-Anhängern, die Taschen voller Pässe und Kreditkarten, sondern zwei berühmte Unbekannte, für die sich die westlichen Medien nicht interessieren: Mehdi Saïdi, der Leiter des „Dalil al-Internet“, und vor allem Tariq Saadi, der ein weiteres Online-Magazin leitet. Dieser Tariq Saadi ist berühmt, weil er mit 26 Jahren eine Netzhautablösung hatte und plötzlich erblindete, aber dank seiner Entschlossenheit und seines Mutes es nicht nur geschafft hat, sein Augenlicht wieder zu erlangen, sondern, mit dicken Brillengläsern ausgerüstet, sich einen Job zu schaffen, indem er mit seiner Frau ein Internetheft startete.

Sicher haben Sie nie von Tariq Saadi gehört. Weil die Medien in Gewalt und Blut verliebt sind, bedarf es beim Besuch eines arabischen Landes eigener Anstrengungen, um sich mit den Friedfertigen zu verbinden, die sicherlich nur von banalen Dingen träumen. Die Einfachheit dieser Friedfertigen ist der Grund, warum die Medien Probleme haben, sie ausfindig zu machen, und man muss für die Redaktion des „Dalil“ und für Tariq Saadi ergänzend hinzufügen, dass diese Helden der Jugendlichen des „virtuellen Marrakesch“ aus einfachen Verhältnissen stammen, deren ganzes Kapital die Handwerkstradition ihrer Vorfahren ist.

Bei meinen Interviews mit den „Talenten im Netz“ aus Marrakesch – seien es welche wie Tariq, die Online-Zeitschriften ins Leben riefen, oder diejenigen, die ihren Lebensunterhalt als Leiter eines Internetcafés verdienen – habe ich entdeckt, dass die Mehrzahl Mütter hat, die die jahrtausendealte Kunst der Teppichweberei oder der Stickerei beherrschen. Sowohl die Teppichweberei als auch die Stickerei sind eigentlich Texte, die Symbole als Alphabet verwenden, um Botschaften mitzuteilen. Daraus entstand meine Hypothese, nach der es eine Beziehung gibt zwischen der mütterlichen Webtradition und der Geschicklichkeit, mit der die Söhne im Internet kommunizieren.

Ich weiß, diese Hypothese kommt Ihnen seltsam vor und Sie lächeln. Aber dann laufen Sie Gefahr, in einem Hotelzimmer in Marrakesch aufzuwachen und dabei stehen zu bleiben, die antiken Schlangenbeschwörer zu bewundern, während die Stadt dabei ist, im Virtuellen Kapriolen zu schlagen.

Übersetzung: Hans Schiler