Sehnsucht nach dem ganz Großen

Im Schauspielen will er die Zeit zum Stehen bringen, den Moment festhalten. Und dennoch begreift er sich nur als Marionettenspieler. Er ist der neue Star in Thomas Ostermeiers Ensemble an der Schaubühne: Lars Eidinger. Ein Porträt

Seine Figuren strahlen immer etwas merkwürdig Gleichgültiges aus, unter dem man trotzdem einen diffusen, wenn auch abgedämpften Lebenshunger spürt. Manchmal unter der Maske einer sublimen Blässe, etwa als bisexueller Hausfreund Dr. Rank in Thomas Ostermeiers „Nora“-Inszenierung von 2004. Manchmal auch deutlich radikaler, wie in Christina Paulhofers Inszenierung von Sarah Kanes „Phaidras Liebe“ von 2003, wo Lars Eidinger den von seiner Stiefmutter begehrten Prinzen Hippolytos als wohlstandsverwahrlostes, kaltblütiges Egomonster spielte, der doch wie zerfressen von einer Sehnsucht nach irgendetwas Echtem wirkt, das er am Ende erst in seinem gewaltsamen Tod finden wird.

Hervorgehoben wurde dieser Eindruck damals noch durch das künstlich-kitschige Flokati-Ambiente, in dem Eidinger lasziv zu thronen hatte: eine männliche Venus im Flokatipelz – ein Bild, das viel über das ins Wanken geratene Männerbild in unserer komsumdominierten Gesellschaft erzählt, die auch von Männern inzwischen frauenzeitschriftenkompatible Benutzeroberflächen verlangt.

Lars Eidinger hat den Mut, mit diesen erotischen Anforderungen auf offener Bühne sein Spielchen zu treiben – im „Sommernachtstraum“ zum Beispiel, den Thomas Ostermeier und die Choreografin Constanza Macras 2005 gemeinsam als sinnliches Spektakel zwischen Lust und Gewalt inszenierten und zu deren Höhepunkten ein böse-erotischer Strip von Lars Eidinger gehörte, an dessen Ende er sich eine Maske vors Geschlecht hielt und dies dann aus der Mundöffnung züngeln ließ, womit das mitunter fast bedrückende Spiel, das dieser Abend mit zeitgenössischen Formen der Erotik trieb, in eine befreiende Komik kippte.

So ist Lars Eidinger in den letzten Jahren zum Star von Thomas Ostermeiers Ensemble am Lehniner Platz avanciert, wo er zur Zeit die Titelrolle in Shakespeares „Hamlet“ spielt und im Dezember zum ersten Mal selbst inszenierte – Schillers rebellisches Jugendstück „Die Räuber“ nämlich. Dabei hat es eine Weile gedauert, bis Ostermeier seinen Protagonisten überhaupt zur Kenntnis genommen hat, erzählt Lars Eidinger heute, der Ostermeier schon seit dem Studium an der Ernst-Busch-Schule kennt.

Als der 1976 geborene Eidinger Mitte der 90er-Jahre dort anfing, war Ostermeier schon im vierten Jahr und machte gerade Furore, weil er erfolgreich die Studentenproteste gegen die Abwicklung der renommierte Ostschauspielschule angeführt hatte und die Zusammenlegung mit der Schauspielsektion der heutigen UdK verhinderte. „Wir haben ihn und seinen Mut alle bewundert.“ Eidinger bemühte sich umsonst um Ostermeiers Aufmerksamkeit, und hatte schon mit dem Deutschen Theater einen Vertrag, wo er bei Jürgen Gosch erste Rollen spielt, als er 1999 aufgefordert wird, mit an die Schaubühne zu kommen.

„Ich wollte schon immer Schauspieler sein“, sagt Eidinger. Schon als Zehnjähriger habe er Bibi-Blocksberg-Hörspiele nachgespielt. Erste professionelle Erfahrungen hat Eidinger dann in den 80er-Jahren als Kinderdarsteller im legendären SFB-Jugendmagazin Moskito gesammelt. Den Weg zur Kunst ebnete ihm aber wohl sein Theaterlehrer Jürgen Müller an der Tempelhofer Gustav-Heinemann-Oberschule, der Eidinger Büchners „Woyzeck“ und Brechts „Arturo Ui“ spielen ließ.

Nach dem Abitur machte sich der Tempelhofer Lars Eidinger 1995 dann in den damals noch tiefen Osten auf, um in Schöneweide an der berühmten Ernst-Busch-Schule Schauspiel zu studieren. Denn deren handwerklich orientierte Auffassung des Berufs ist ihm näher als die im Westen dominierende Methode der Einfühlung. „Ich will mich nicht einkitschen in die Figur, nicht eins werden mit ihr. Ich will nicht an meine tote Oma denken, um mich unglücklich zu fühlen und die Tragik einer Figur spielen zu können. Ich sehe mich als Schauspieler eher als Marionettenspieler. Ich will immer im Bewusstsein spielen, dass ich eine Figur in der Hand habe, die ich bewege.“

Heute ist Eidinger selbst Dozent an der Ernst-Busch-Schule, und hat mit seinen Studenten Schillers „Räuber“ inszeniert – als Koproduktion mit der Schaubühne: ein greller, mit Ohrwürmern der Popgeschichte angereicherter Abend, die Schillers Pathos immer wieder augenzwinkernd kommentieren. Aber damit auch auf eine Zeit verweisen, die das Thema Revolte nur noch als Pose der Popindustrie kennt, in der sich für Eidinger eher eine diffuse Sehnsucht nach etwas Großem verdichtet, als eine reale politische Idee. In Schillers Stück hat er sich daher auf die mörderische Dynamik der Familiengeschichte konzentriert, den Vater als verfettete Leerstelle vor dem Fernseher inszeniert, der den Söhnen keine Orientierung mehr bieten kann.

Doch die Gefahr dass Eidinger als Schauspieler an die Regie verloren geht, ist gering. Dafür läuft es für ihn als Schauspieler im Moment zu gut. Im vergangenen Jahr hat er zum ersten Mal in einem Spielfilm mitgespielt, eine Hauptrolle in Maren Ades Film „Alle Anderen“, der jetzt als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb der Berlinale laufen wird. Auch kann Eidinger, der im richtigen Leben mit der Opernsängerin Ulrike Eidinger verheiratet ist – eine der beiden Sängerinnen in Christoph Schlingensiefs Oratorium „Kirche der Angst“ –, mit der er eine zweijährige Tochter hat, keine andere Kunstform das geben, was das Theaterspielen ihm gibt. „Ich habe immer diese Sehnsucht nach dem großen Moment. Das Leben rauscht so vorbei, und man kann es nicht festhalten. Beim Theaterspielen ist das anders. Da bleibt die Zeit stehen, und der Moment wird unendlich. Das ist für mich der absolute Flash.“