peter ahrens über Provinz

Na, Herr Oberleutnant

Das kann ja nicht gut gehen, wenn der Hamburger Rathausmarkt schon mal Piazza spielt

An meine Musterung erinnere ich mich fast gar nicht mehr. Es ist 20 Jahre her, und ich weiß nur noch, dass ich im Vorfeld das Übliche gelesen habe über Marlboro und Koffein ein paar Stunden vor der Untersuchung, um den Blutdruck nach oben zu jagen, und alle Röntgenbilder aus der Verwandtschaft akquiriert habe, um sie der Ärztin vorzulegen. Die hatte den Namen Frau Dr. Fox, was wie ein Rollenname aus „MASH“, dem verrückten Militärhospital der Amis, klang. Frau Dr. Fox schaute mich fassungslos an, nachdem sie einen Blick auf meine stattliche Attestsammlung geworfen hatte, in der etwas von epileptischem Anfall drinstand. Sie murmelte dann nur noch „schwerer Schicksalsschlag“ und dass sie hoffe, „ich fände irgendwann vielleicht eine Frau, die es wagt, ihr Leben mit dem meinen zu teilen“. Dabei ging es mir gut, und als ich als untauglich abgemustert aus dem Kasernenspital wieder herausmarschierte, ging es mir sogar noch besser.

Ich musste daran denken, als ich in der vergangenen Woche auf dem Hamburger Rathausmarkt stand. Die Sonne schien, der Sommer ließ sich blicken und der Platz tat, als sei er eine italienische Piazza. Kurz, das Leben war schön, und in mein linkes Ohr schrie ein schlecht gelaunter Oberlippenbart: „Augen geradeaus!“ Unter seinem Oberlippenbart trug er eine Uniform, und beides wies ihn als Offizier der deutschen Bundeswehr aus. Und als ich meine Augen blinzelnd wieder aus der Sonne nahm und öffnete, waren um mich herum nur Uniformträger.

Was auch kein Wunder war, denn der Senat hatte sich das so gewünscht, dass mitten in der Stadt die Bundeswehr zum feierlichen Gelöbnis und zum Großen Zapfenstreich antreten sollte. Zur Feier des Tages hatten sich Bürgerschaftsabgeordneten von CDU und Schill-Partei in Uniform geworfen, die sie ansonsten wahrscheinlich nur daheim vorm Spiegel tragen, um vor ihren Gattinnen oder Lebensgefährten auf und ab zu paradieren. Anschließend haben sie wieder genug Selbstvertrauen, um dem mühseligen Tagesgeschäft der Landespolitik nachzugehen. Vor dem Rathaus begrüßten sie sich schulterklopfend und redeten sich nicht mehr mit „Hallo, Herr Drews“ oder „Guten Tag, Herr Lüdemann“ an, wie sie das an anderen Tagen der Woche vielleicht getan hätten, sondern mit „Na, Herr Oberleutnant“, als seien sie mal eben aus einem Roman über die k. u. k. Monarchie herausgesprungen. Dazwischen wirkte der kleine Peter Struck, der in Wirklichkeit noch kleiner ist als im Fernsehen, ein bisschen verloren. Dabei ist er doch der zuständige Minister, aber da hilft ihm selbst sein Oberlippenbart nicht viel.

Es war gar nicht so einfach, zu diesen Oberlippenbärten vorzudringen. Schließlich hatte der Senat 3.500 Polizisten engagiert, um die Innenstadt an diesem schönen Tag komplett abzuriegeln und gegen jeden Protest zu feien. Mein Freund Jörg ist Anhänger der Theorie, dass Polizisten Polizisten geworden sind, weil sie als Kinder nie aus der Norm ausbrechen durften und das jetzt auch den anderen nicht gönnen. Jörg gießt die Welt gern in Thesenform. Der Umstand, dass sich zurzeit alle linken Spießer ein Retter-T-Shirt des FC St. Pauli über ihre Bäuche ziehen, hat ihn zu der Theorie gebracht, die Linke habe es immer schon nach Uniformierung gedürstet. Und überhaupt werde er nie wieder einen Fuß ins Millerntor-Stadion setzen, wenn der FC St. Pauli es wahr mache, ein Benefizspiel mit dem Feind Bayern München abzuhalten. Früher sei der Verein doch mal ein geachtetes Mitglied der antifaschistischen Kleinfamilie gewesen, damals, als die Welt noch geteilt, also in Ordnung war und der Fernseher noch nicht voll mit 17.-Juni-Geschichten. Und so weiter. Eine ganze Weile noch.

Jörg wurde erst still, als am Abend die Soldaten mit Fackeln in ihren Händen zum Zapfenstreich vor dem kleinen Verteidigungsminister aufmarschierten und die ganzen Ehrengäste, der Weihbischof und der Immobilienmogul von St. Pauli, die Nationalhymne mitgesungen haben.

Ich konnte leider nicht einstimmen, denn in diesem Moment klingelte mein Handy, und mein Freund Christian aus Amsterdam wollte mir berichten, dass er sich verliebt habe und eine 96-seitige Novelle geschrieben habe, um das zu verarbeiten, und prompt begann, mir längere Passagen daraus vorzulesen. Und während auf dem Rathausmarkt der Befehl erscholl, „Helm ab zum Gebet“, und die Polizisten pflichtgemäß die Gegendemonstranten niederkartätschten, erzählte mir Christian am Telefon von der Macht der Liebe.

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