Modernes Lesen: Neue Bücher kurz besprochen von Dirk Knipphals

Verdummend

Dirk Frank (Hg.): „Arbeitstexte für den Unterricht – Popliteratur“. Reclam Verlag, Stuttgart 2003, 172 Seiten, 4,40 €

Schon wieder Popliteratur. Schon wieder Reclam. Diesmal aber ein ganz anderer Ansatz. In der blauen Reihe „Arbeitstexte für den Unterricht“ hat Dirk Frank einen kleinen Reader zusammengestellt und mit einem informativen Vorwort versehen. Darin führt er die zentralen Vorwürfe gegen die Popliteratur bis auf Leslie Fiedlers Versuch zurück, die Grenzen zwischen E- und U-Kultur einzureißen: „In Deutschland empfand man die von Fiedler proklamierte Hinwendung zu populären Literaturformen als einen Verzicht auf das aufklärerisch-emanzipatorische Potenzial von Literatur, fürchtete vor allem das Schreckgespenst einer Kulturindustrie, die unter dem Deckmantel von Demokratisierung und Liberalisierung auf eine uniforme und unkritische Massenkunst abzielte.“ Das sind die gängigen Vorurteile bis heute.

Dirk Frank hält unaufgeregt dagegen. Statt, wie Florian Illies in „Generation Golf“, die „befreienden“ Momente der Popliteraten zu euphorisieren (befreiend von den 68ern), statt wie nun auf der Gegenseite Uwe Schütte Popliteratur als „systemimmanent“ zu entlarven, guckt Dirk Frank erst mal genauer hin. Er achtet auf die Brüche in den Texten selber, auf Erzählstrategien, Selbstreflexionen und vor allem auf Traditionen. So hat er nicht nur Texte von Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Alexa Hennig von Lange und Benjamin Lebert in den Reader aufgenommen, sondern auch von Max Goldt und Rainald Goetz und vor allem auch von Rolf Dieter Brinkmann, Peter Handke und F. C. Delius. Die Popliteratur, wie Dirk Frank sie versteht, lässt sich eben nicht auf Jungspundhaftigkeit und Oberflächlichkeit reduzieren.

Unter dem Punkt „Didaktische Anregungen“ redet Dirk Frank schließlich noch wohlmeinenden, aber zögerlichen Deutschlehrern gut zu: „Pop gründet immer auch auf einem Einverständnis mit der Welt. Hier ist der Lehrende gefordert, seine Fragen an den Text mitunter quer zu der Lektüre der jugendlichen Leser zu formulieren. Andererseits muss der Lehrende auch bereit sein, seine eigenen Ansichten über Formen des Protestes und des Andersseins zu ändern und seine Erfahrungen zu revidieren.“

Ja, äh, genau.

„Interpretationen – Romane des 20. Jahrhunderts, Band 3“. Reclam Verlag, Stuttgart 2003, 376 Seiten, 9 €

Wolfgang Martynkewicz: „Edgar Allan Poe“. rororo monographie, Reinbek 2003, 160 Seiten, 8,50 €

Der Rowohlt Verlag tauscht gerade seine Monographie zu Edgar Allan Poe aus; in den nächsten Tagen erscheint eine Neufassung von Wolfgang Martynkewicz, die Walter Lennigs Fassung von 1959 ersetzt. Das wird schon seinen Grund haben. Wer in dem alten Band auch nur blättert, wird schnell auf Formulierungen stoßen, die heutzutage allzu eindeutig nach Kulturreligion und Pathos klingen.

An manchen Stellen kann Martynkewicz aber auch deutlich an den Vorgänger anknüpfen. Die alte Fassung benennt etwa als die beiden Hauptkomponenten von Poes Begabung: „die logisch-analytische und die phantastisch-imaginative“ – „mit ihrer Vereinigung“, so Walter Lennig, habe Poe „einige seiner faszinierendsten Werke geschaffen“. In der Neufassung heißt es nun, „dass sich ein Geheimnis nur enträtseln lässt, wenn man die Details mit analytischem Verstand auseinander legt und sie mit Hilfe der Imagination wieder zusammensetzt“. Die Wörter analytisch und imaginativ wirken geradezu übernommen. Sowohl die alte als auch die neue Fassung beziehen sich auf Poes berühmte Beschreibung von „Maelzels Schach-Spieler“.

Es ist durchaus lohnend, sich den Spaß zu machen und beide Fassungen parallel zu lesen. An den strategischen Stellen, an denen Poes gleichsam überschießende Fantasieproduktion erklärt werden muss, neigt die alte Fassung eher zu einer entschuldigenden Redeweise. „Verhängnisvolle Beschaffenheit seines Geistes“, „unglücklicher Poe“, so lauten die Formulierungen. Die neue Fassung kann die Auffälligkeiten seines Werkes ungeschminkter benennen und direkter damit umgehen, dass „die Nachtseiten des Lebens, Wahnsinn, Inzest und Gewaltexzesse“ das Thema seiner Literatur bilden. Dass der Mensch ein Abgrund ist, weiß inzwischen ja jedes Kind.

Keine vollkommene Neuinterpretation also, aber ein konsequentes Weglassen der Umständlichkeiten, die man heute in Bezug auf so genannte dunkle Genies nicht mehr braucht. Sehr hübsch sind noch zwei Stellen aus Briefen des jungen Poe an seinen Stiefvater: „Mein Entschluss steht nun endgültig fest – Ihr Haus zu verlassen und zu versuchen, irgendeinen Ort in dieser weiten Welt zu finden, wo man wenigstens anders mit mir umgeht, als Sie es taten.“ Das „Bremer Stadtmusikanten“-Motiv: Etwas Bessres als den Tod findest du überall. Und: „Ich habe mich in die Welt gestürzt wie der normannische Eroberer gegen die Küste Englands und durch meinen Siegesschwur die Flotte vernichtet, die allein meinen Rückzug hätte sichern können – ich muss erobern oder sterben, mich durchsetzen oder entehrt werden.“ Mit solchen prunkenden Worten fing man einst eine Autorenkarriere an.

Uwe Schütte, Dozent für Deutsche Kultur und Geschichte in Birmingham, sah sich eines Tages vor eine interessante Aufgabe gestellt. An ihm war es, für die „Interpretationen“-Reihe des Reclam Verlages ein ungewöhnliches Buch vorzustellen: Benjamin von Stuckrad-Barres „Soloalbum“. Spannende Sache, zumal wenn man bedenkt, in welchen Kontext der Popschriftsteller da gehoben wird: neben Jurek Becker, Elfriede Jelinek und sogar auch neben Uwe Johnson. Ist es also so weit? Markiert dieser kleine, grüne Reclam-Band also den Zeitpunkt, da die Popromane, wenn schon nicht mehr erfolgreich, so doch jedenfalls repräsentativ geworden sind für die deutsche Literatur?

Durs Grünbein: „Warum schriftlos leben“. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2003, 122 Seiten, 8 €

Es gibt in unseren unpathetischen Zeiten wenige Autoren, bei denen einem das aufgeladene Wort Dichter leicht von den Lippen geht. Bei Durs Grünbein schon. Stimmt allerdings, dass das bei unsereinem manchmal etwas Belustigtes hat; gegenüber gewissen Dichter-und-Denker-Posen geben wir uns gerne unmusikalisch – und manches an Durs Grünbein mutet an wie der Fleisch gewordene Traum nach einer Gegenwart des Kunstreligiösen. Aber dann fällt einem sein Aufsatz „Warum schriftlos leben“ in die Hände und kann einen davon überzeugen, dass man ihn nicht gänzlich der Seher- und Antikenprojektfraktion überlassen muss.

Nur als rasant zu bezeichnen ist die Art und Weise, wie Durs Grünbein einen ästhetischen Selbstlegitimationsdiskurs entfacht. Wie flink hier zwischen Proust, Joyce, Thomas Mann, Shakespeare, Kafka und manchem anderen Gewährsmann herumgesprungen wird, hat auch etwas rein Sportives: So viel Anspielungen pro Minute schafft sonst keiner. Ganze Bibliotheken haben Platz auf einer Grünbein-Seite.

Den Kern des Aufsatzes bildet aber eine Auseinandersetzung mit der Frage: „Warum schreiben Sie?“ Grünbein fühlt sich zunächst in den zugehörigen Fragesteller ein: „[…] Er stellt sich das Ganze als eine Art lebenslänglicher Prüfung im Deutschaufsatz vor.“ Dagegen spielt er dann etwas ebenso Simples wie Schlagendes aus: die „Freuden des Herstellungsprozesses“. Der Fragesteller, so Grünbein, „übersieht das Abenteuer, die süße Ungewissheit, die Atmosphäre verbotener Rendezvous. So ahnt er auch nichts von den kleinen Entladungen, die aus der Reibung gewisser elektrostatischer Wörter folgen, von dem stillen Glück, wenn eine Vorstellung so körperlich wird, dass sie ein Prickeln erzeugt wie eine Kopfmassage.“

Kopfmassage! Natürlich hat Grünbein auch substanziellere Ansätze drauf, sein Schreiben zu legitimieren. Schreiben sei, sagt er, „die unaufwendigste Technik, auszubrechen aus jeder gegebenen Unmittelbarkeit“, oder auch „das einzige Verfahren“, „mit dem Bewusstsein sich fotografieren lässt“. Der Kern seiner Ausführungen aber bleibt schlicht: Er schreibt eben gern. Darauf kann man sich doch einigen.

Mitnichten. Oder, je nach Belieben, auch: Keine Sorge! Da sei Uwe Schütte vor. Zunächst stellt er schon deutlich missmutig die Popliteratur im Allgemeinen und „Soloalbum“ im Besonderen vor. Dann nimmt sein Aufsatz Fahrt auf: „sämtliche sozialen Bereiche durchdringender Neoliberalismus“, „allgegenwärtige Rivalität“, „soziale Entsolidarisierung“. Er stellt also auf eine kritische Gegenwartsanalyse ab, und den Roman „Soloalbum“ liest er umstandslos als Agenten einer solchen gesellschaftlichen Entwicklung – „liefern die Popautoren“ doch, so Schütte, „eine adäquate Form von Literatur, die die zumeist neokonservativen Werte der zwischen 1965 und 1975 geborenen Deutschen bedient“.

Woher auch immer er das mit dem Neokonservatismus hat, mit dieser Formulierung ist schon alles klar: „Soloalbum“ ist für Uwe Schütte Teil eines Verblendungszusammenhanges: „Das System des Differenzkapitalismus hat nicht nur die popkulturell basierten Abgrenzungskonzepte assimiliert, sondern verdrängt und kolonisiert die Sphäre intellektueller Kritik, indem es eine systemimmanente, gleichsam tautologisch verpuffende Form der Dissidenz erzeugt.“ (Ein Satz, an dem lange gefeilt wurde!) So das Fazit über einen Roman, der nach Schütte zwar manchmal „ironisch-treffsicher“ Phänomene der „Massenkultur“ verdammt, aber eben keine Kritik an den „Verdummungsstrategien der Kulturindustrie“ insgesamt übt.

Es ist schwierig zu entscheiden, was genau das Seltsamste an diesem Vorgehen ist: die Art und Weise, wie hier mit kulturkritischen Kanonen auf ein Phänomen geschossen wird, dem auf der anderen Seite jegliche literarische Satisfaktionsfähigkeit abgesprochen wird; oder die Direktheit, mit der hier Literatur mit Gegenwartsanalyse kurzgeschlossen wird und dabei Literaturkritik in Kapitalismuskritik und, genauer noch: in Gesinnungskritik übergeht. Feststellen darf man jedenfalls, dass Uwe Schütte sich als Musterschüler all derjenigen erweist, die mit gezogenem Schwert vor dem ehrwürdigen Haus der deutschen Hochliteratur stehen, auf dass sich mit der Popliteratur ja kein ungebetener Gast in ihm einnisten könne.