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Sadomaso-Spiele im Hause Wagner – Weltpremiere im Kölner Theaterhaus

„Die Rosa-Höschen sind doch hoffentlich auch fertig?“ Der das fragt, heißt Richard Wagner und nimmt es genau: „mein Rosa“ soll es sein, „sehr blass und zart“. Es sind die eigenen pastellfarbenen Dessous, nach denen er sich besorgt erkundigt. Für sich selbst lässt er elegante Négligés anfertigen, mit Rüschen, Quasten und Volants. Sein Schlafzimmer – eine Mischung aus Tuntentraum und Etagenpuff: Seidentapeten, Brokatsofas, schimmernde Vorhänge. Und Rosen: als Girlanden und als Zimmerduft, „aber stark“.

Schwul war er nicht, der Schöpfer von Parsifal und Lohengrin, im Gegenteil: Er hatte so viel für Frauen übrig, dass er Zimmer und Körper in Weiblichkeit hüllte. Der Titan von Bayreuth – ein Damenwäscheträger. Laut Wagner-Biograf Joachim Köhler waren die Höschen und Röschen nicht nur Fetisch, sondern Ausdruck emotionaler Sehnsucht: eine nostalgische Suche nach kindlicher Geborgenheit bei Mutter und Schwestern.

Um den femininen Wagner und seine virile Gattin Cosima geht es in dieser ungewöhnlichen Inszenierung. Ungewöhnlich schon deshalb, weil Bernd W. Wesslings „Cosimo und Ricarda“ bereits 1981 entstand, aber erst jetzt im Kölner Theaterhaus welturaufgeführt wurde. Vertauschte Rollen, verschwimmende Geschlechter – für so viel Denkmalschändung war die Zeit damals noch nicht reif. Sophie Sowa inszenierte die Groteske nun mit zwei Stars: Brigitte Weckert und Mathieu Carrière.

Im Haus Wahnfried geht es ans Eingemachte. Schon die Kulisse (Sophie Sowa/Alexander Rogl) entlarvt den Titanenmythos als Schmierentheater: eine abgetakelte, halb aufgelöste Traumwelt mit Jahrmarktskarussell und zerfetzten Plastikdraperien. Mittendrin Mathieu Carrière, souverän als Ricarda im Unterrock – schlapp und wehleidig. Brigitte Weckert gibt Cosimo sehr überzeugend als Dompteur/in: in Reithosen und Schaftstiefeln, auf dem Kopf das wagnersche Barett. Das Paar gewährt Einblick in sein Eheleben – einen Nervenkrieg, ausgetragen in deftiger Sprache: „Kackerbeglücker“ nennt sie den Gatten, der sich mit „Kräuterweib“ revanchiert, von der Geliebten Judith in Paris schwärmt und gleichzeitig Antisemitisches von sich gibt.

Wesslings Wagner ist Mann und Memme zugleich, Musikgigant und Masochist. Einer, der die Gattin zur Domina macht und von ihrer Hand „den Schopenhauer spüren“ möchte. Diese SM-Spiele wären kaum aufregend, wäre da nicht der Bezug zur Realität, zur macht- und mythosverliebten Cosima, die das Unternehmen Wagner beherrschte, die ihren Mann um 47 Jahre überlebte, sein Bild formte und die Herrschaft an eine weitere starke Wagner-Frau weitergab: Schwiegertochter Winifred.

Standing Ovations für den Blick hinter kulturelle Kulissen, auf ausgehöhlte Geschlechterrollen und Bühnenstars im Ehestress. HOLGER MÖHLMANN

„Cosimo und Ricarda“: Theaterhaus Köln, Klarastr. 53, Tel. 0221/261 11 50. Weitere Aufführungen: 12.-16. Mai, jeweils 20 Uhr