KIRSTEN FUCHS über KLEIDER

Prollhosen erleichtern die Flucht

Autonome tragen schon lange keine Uniform mehr. Jetzt randalieren sie in Hinten-anders-als-vorne-Kleidung

Dieses Jahr wurde am 1. Mai kaum erwähnenswert randaliert. Da lacht die Polizei und fürchtet sich mehr vor Sparmaßnahmen als vor Steinhagel. Hat die Deeskalationsmethode gegriffen? Oder ist der Autonomen-Look out? Gibt es ihn überhaupt noch?

Autonom bedeutet ja nur „selbstständig, unabhängig“. Da sind Menschen, die wollen eigene Gesetze, die wollen etwas legalisieren, was nicht legal ist, etwas kostenlos haben, was kostenpflichtig ist. Überhaupt wollen sie alles anders. Das sind noch keine Gründe, andere Kleidung zu tragen als der Rest vom Fest, das jedes Jahr auf dem Mariannenplatz in Kreuzberg stattfindet und irgendwann „eskaliert“, wenn die Kinder mit den geschminkten Katzengesichtern schon zu Hause sind.

In den Nachrichten fallen Begriffe wie „militanter Block, Einkesseln, Wasserwerfer“, und weil das alles nach Krieg klingt, ist es auch nahe liegend, dass der Bilderbuch-Autonome gerne Militärsachen trägt. Bilderbuch, das heißt: „Wie bin ich nicht zu erkennen, aber trotzdem als Autonomer?“ Anonymität wird groß geschrieben. Die anonymen Autonomen sozusagen. „Ja, hallo, ich bin der Jens!“ „Hallo Jens! Willkommen bei den anonymen Autonomen!“ Und dann muss Jens wieder gehen, weil es ja die anonymen Autonomen heißt, also unerkannt.

Autonome wollen auf den Polizeifotos nicht identifiziert werden, sie wollen keinen Ärger mit Mutti, mit dem Staat jedoch schon, aber unerkannt (Staat = Arschloch, Mutti = lieb). Also muss die Steine werfende Masse wie eine räudige Armee aussehen, die der grünen Staats-Armee gegenübersteht und dabei David-gegen-Goliath-Stolz in der Brust fühlt. Egal, was sie anhaben, am Ende muss es nass sein.

Die favorisierte Farbe ist Schwarz. Schwarz wie die Nacht, die nur erhellt wird von brennenden Mülltonnen (und ich hoffe jedes Mal, dass nicht der Grüne-Punkt-Müll angesteckt wird, denn das erzeugt giftige Gase!). Praktische Kleidung erleichtert die Flucht. Kapuzen und Tücher machen den Mummenschanz perfekt, obwohl das Tuch auch eingespart werden könnte, wenn der Kapuzenpullover falschrum getragen wird und zwei Löcher in die Kapuze gekokelt werden.

Große Hosentaschen sind auch gut: Bierbüchsen, Klappstullen, Handys. „Ey, is bei euch was los? Ey, hier is nichts los!“ Es war eben nichts los auf Kreuzbergs zugekackten und normalerweise zugeparkten Straßen. Die Pkw-Besitzer parken an diesem Tag gerne woanders, damit ihre Liebchen mit Rädern kein Symbol werden für den verhassten Kapitalismus, die ganze Scheiße halt. Zugekackt sind die Straßen trotzdem. Ich frage mich, warum die Autonomen nicht mit den Hundewürsteln werfen? Heißt doch Tretmine, kann also auch ne Stinkgranate sein.

Ich fand schon letztes Jahr, dass die Autonomen nicht mehr aussehen wie Autonome, sondern dass da ne Menge Sprallos mithüpften, die in der Schule dann damit angeben wollten. Einige trugen diese Hinten-anders-als-vorne-Hosen, echte Prollhosen, dachte ich bis dahin, aber an diesem Tag habe ich verstanden, dass das ganz clevere Hosen sind. Absolute Verwirrtaktik: „Also, als er den Stein warf, trug er eine helle Cordhose, und als er wegrannte, eine Jeans.“

Die Armee der Autonomen hat keine Uniform mehr und auch sehr verschiedene Gründe zu randalieren, und das übrigens pünktlich wie die Spießbürger, immer am selben Tag. Richtig out wird der Autonomen-Look aber nie werden, erstens gibt es einen größeren Feind, nicht mehr nur den Staat, nein die ganze Globalisierung. Zweitens wollen Bankräuber und Terroristen auch nicht erkannt werden und wandeln den Autonomen-Look pfiffig mit Strumpfhosen und Pistolen ab. Aber sonst – out.

Ich will’s ja nicht beschreien, aber fehlen würde es mir nicht, wenn der Mariannenplatz nicht jedes Jahr neu gepflastert werden müsste. Die andere politische Demonstration, die Love Parade, würde mir auch nicht fehlen. Berlin verliert zwei Leberflecken als Identifizierungsmerkmale im Gesicht und wird anonymer.

Fragen zu Prollhosen? kolumne@taz.de . Morgen: Robin Alexander aus Südafrika WHITE