Des Neonazis neue Kleider

Bislang war klar, wer sich ein Palästinenser-Tuch um den Hals wickelt, oder? Doch jetzt haben rechtsextreme Kameradschaften den Antifa-Chic für sich entdeckt – und alles durcheinander gebracht

Es war am 10. Januar. So wie etwa 200 andere Antifas waren Mike und Ben an diesem Samstagmorgen irgendwo zwischen den Berliner Bezirken Friedrichshain und Lichtenberg unterwegs. Sie wollten den Landser-Aufmarsch von etwa 200 Neonazis verhindern, sich mit anderen Antifas zusammentun und sich den Rechten in den Weg stellen. Am Bahnhof Lichtenberg stießen sie dann auf etwa 40 schwarz gekleidete Jugendliche, in Kapuzenshirts, BW-Hose und mit Basecaps. Zumindest genug für eine Straßenblockade, dachten sie. Die schwarze Horde waren tatsächlich Autonome – nur leider nationalistische Autonome. Mike konnte sich gerade so in einem Schaffnerhäuschen verstecken, Ben schaffte es nicht. Am Abend hatte er Prellungen im Gesicht, ein lädiertes Knie und blaue Flecken von den Fußtritten in Bauch und Unterleib.

Neonazis, die aussehen wie autonome Antifas? Immer mehr Rechtextremisten bedienen sich nicht nur der Kleidung ihrer linken Gegner. Beim NPD-Aufmarsch am 1. Mai wollen die Autonomen Nationalisten Berlin (ANB) gar einen Schwarzen Block bilden – bisher eine von Linksradikalen besetzte Aktionsform.

„Che wäre einer von uns“

„Die schwarze Kleidung ermöglicht uns, dass wir von Antifas, Bullen und anderen nicht mehr auseinander gehalten und erkannt werden können“, heißt es auf ihrer Website unter www.autonom.biz. Abgesehen davon, dass die rote Fahne fehlt, ist selbst das Emblem mit der schwarzen Fahne dem Antifa-Logo nachgeahmt. Dabei sind auch rote Fahnen, Che-Guevara-Aufdrucke („Nicht nur Che wäre bei uns“) und das gute, alte Palästinenser-Tuch bei den rechten Kameraden längst kein Tabu mehr. Polizisten, die bei einer Nazi-Demo am 6. Dezember im Einsatz waren, dachten bei dem roten Fahnenmeer, sie seien auf der falschen Veranstaltung.

Der Verfassungsschutz befürchtet, dass die Annäherung der extremen Rechten an die linke Szene ihren vorläufigen Höhepunkt haben könnte, wenn am 1. Mai nicht nur Linke bei den Kreuzberger Krawallen auf die Straße ziehen, sondern auch Neonazis. Während nämlich ein so genannter Kampfbund Deutscher Sozialisten den „gemeinsamen Kampf von Rechten und Linken gegen das System“ propagiert, gibt es auf der ANB-Website den Aufruf, sich unter die „linken Zecken“ zu mischen und ihnen im Tumult im wahrsten Sinne des Wortes „eins auszuwischen“. Schon bei den Protesten gegen den G-8-Gipfel in Genua 2001 sei dieses Konzept aufgegangen, heißt es in dem Aufruf. Unter den etwa 1.000 Randalierern im Black Block seien etwa 600 aus dem rechten Lager gewesen, die angeblich die Ausschreitungen erfolgreich angeheizt hätten – ein Gerücht, das bis heute zumindest nicht widerlegt werden konnte.

Völlig passé sind Bomberjacken, Springerstiefel und Glatze bei den Neonazis allerdings noch nicht. Die Autonomen Nationalisten seien, so Ulli Jentsch vom Antifaschistischen Pressearchiv (Apabiz) nur eine Spielart in der inzwischen sehr ausdifferenzierten rechten Szene. Gerade in Ballungszentren gebe es zugleich aber den Versuch, sich vom Einheitslook der Skinheads zu lösen. „Lange Haare, Hip-Hop-Hosen und die punkige Iro-Frisur sind in ihren Reihen längst keine Tabus mehr“, sagt Jentsch.

Dumm nur, dass mit der rechten Mimese auch die Quintessenzen ihres Outfits verloren gehen. So wie jeder Boss-Anzug, jedes Adidas-Kleid, jeder schwarze Rollkragenpullover oder Blouson eine sichtbare Botschaft an die Umwelt ist, so haben auch politisch motivierte Dress-Codes eine öffentliche Funktion. Was dem Friedensbewegten sein Sticker mit der weißen Taube, ist dem Neonazi seine Hakenkreuzbinde – und sein Lonsdale-Pulli. Doch wo bleibt bei der Vermischung von rechter Gesinnung und linken Symbolen die Botschaft? Wie soll man da noch wissen, wer einem da entgegenkommt und wer da für oder gegen was demonstriert?

Immerhin werden die zumeist jüngeren Nachwuchskameraden wegen ihrer Bewunderung des linksautonomen Stils aus den eigenen Reihen angefeindet. Von „feiger und krimineller Haltung wie bei der Antifa“ ist in rechten Diskussionsforen die Rede, von „Mummenschanz, der mit oberflächlicher Selbstdarstellerei überspielt werden soll“. Kameradschaften aus Magdeburg rufen dazu auf, den schwarzen Block zu verhindern – eine Kampfansage an die Autonomen Nationalisten.

Die Linken selbst sehen die Sache eher gelassen. Palästinenser-Tücher und Che-Guevara-T-Shirts sind auf linken Demos ohnehin immer weniger zu sehen. Und wie die Vorfeldaktionen zum Revolutionären 1. Mai gezeigt haben, sind unter den linksradikalen Herren neuerdings Schlips und Kragen angesagt. Und bei den Frauen: Blusen mit Blümchen.