„Meine Aufgabe war, im Knast zu sitzen“

Fritz Teufel, Gefängnis- und Kommunenbewohner, APO-Opa und bester Fahrradkurier Berlins, wird 60 Jahre alt

Es wird kein rauschendes Fest werden. Wenn Fritz Teufel heute seinen sechzigsten Geburtstag begeht, dann so, wie er seit Jahren lebt: zurückgezogen im Berliner Wedding, vereint mit seiner Lebensgefährtin und einer Hand voll guter Freunde. Es ist ruhig geworden um den Schlagzeilenjäger der APO. Eine langwierige Krankheit macht ihm das Sprechen schwer, und seit ihm so nicht Gesagtes in den Mund gelegt wurde, meidet der Teufel Journalisten ohnehin wie das Weihwasser.

Mit wenigen gesetzten Worten aufgeplusterte Autorität der Lächerlichkeit preiszugeben, das war seine Spezialität: Als er vor gut 35 Jahren sich erst nach mehrfacher Aufforderung des Richters von seinem Angeklagtenschemel erhob mit den Worten: „Wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient“, lief diese Szene in der „Tagesschau“. Die Republik lachte befreit auf, das teuflische Zitat wurde zur Metapher für die Kritik an konservativen Verknöcherungen der gesellschaftlichen Institutionen.

Fritz Teufel, aufgewachsen im schwäbischen Ludwigsburg, gründete Anfang 1967 mit sieben Männern und Frauen in Berlin die Kommune I, Mutter aller Wohngemeinschaften. Das wilde Treiben der Kommunarden, die nach einem vereitelten Tortenanschlag auf den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey erstmals in den Knast und riesengroß in die Schlagzeilen kamen, ließ sie in kurzer Zeit zu den Bürgerschrecks der Nation werden.

„Meine Aufgabe bei der Kommune I war es, im Knast zu sitzen“, hat der ehemalige „Spaßguerilla“ Teufel einmal gesagt. Er saß fast ein halbes Jahr unschuldig in Untersuchungshaft, weil er bei der Anti-Schah-Demonstration am 2. Juni 1967 einen Stein geworfen haben sollte. Da der Polizist, der an diesem Abend den Studenten Benno Ohnesorg von hinten erschoss, keinen einzigen Tag hinter Gittern verbrachte, gingen Berlins Studenten auf die Straße.

Später saß Teufel zwei Jahre, weil er am Bau zweier funktionsunfähiger Brandsätze, die in einem Münchner Amtsgericht gefunden wurden, beteiligt gewesen sein soll. Die Presse – von der Zeit bis zur Süddeutschen – sprach von einem Fehlurteil. Er saß fünf Jahre hinter Moabiter Gittern, weil er als Kopf der „Bewegung 2. Juni“ an der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz beteiligt gewesen sein sollte. Erst als die Staatsanwaltschaft Teufel zum überführten Entführer gestempelt hatte, brach dieser sein Schweigen und präsentierte ein hieb- und stichfestes Alibi. Während der Tatzeit hatte er unter falschem Namen in einer Essener Klodeckelfabrik gearbeitet. Die Staatsanwaltschaft war bis auf die Knochen blamiert. Für zwei ihm ebenfalls zur Last gelegte Banküberfälle präsentierte er dem verblüfften Gericht ein B-libi; „ein Alibi minderer Qualität: Der Angeklagte kann es nicht beweisen, die Anklage es aber auch nicht widerlegen“. Das B-libi kam durch, und Teufel verließ den Gerichtssaal als freier Mann.

Kurz darauf lernte er die „Frau meiner Träume“ kennen, die frisch aus der Taufe gehobene taz, in der er bald regelmäßig flammende Aufrufe verfasste, die der Redaktion ebenso regelmäßig Durchsuchungen durch den Berliner Staatsschutz einbrachten. Später entdeckte er seine Liebe zum Fahrrad, wurde einer der besten und bekanntesten Fahrradkuriere der Stadt. Bis seine Kraft ihn langsam verließ.