Ganz Afrika im Griff der Menschenhändler

UN-Studie: Handel mit Frauen und Kindern ist auf gesamtem Kontinent verbreitet. Zielregionen: Europa und Nahost

BERLIN | taz ■ | Menschenhandel ist in Afrika ein größeres Problem als bisher angenommen. Laut einer gestern vom UN-Kinderhilfswerk Unicef veröffentlichten Studie ist jedes afrikanische Land, für das Informationen vorliegen, davon betroffen. Grenzüberschreitender Handel mit Frauen und Kindern wird in 89 Prozent der 53 Länder Afrikas als Problem anerkannt; in 34 Prozent der Länder ist Handel in Richtung Europa bekannt, in 26 Prozent in Richtung des Nahen und Mittleren Ostens. Lediglich in Algerien und Libyen sowie den Inselstaaten Kapverde und Mauritius wurde dem Bericht zufolge kein Menschenhandel festgestellt. Die Studie, angefertigt vom in Italien ansässigen Unicef-Forschungszentrum „innocenti“, fasst vorliegende Informationen zusammen und wertet Ergebnisse einer Umfrage bei Partnerorganisationen in allen Ländern Afrikas zwischen November 2002 und Februar 2003 aus.

Die Unicef-Forscher betonen, dass Menschenhandel vor allem ein innerafrikanisches Phänomen ist: Über 90 Prozent der gemeldeten Fälle finden innerhalb einer afrikanischen Subregion statt. Einer der wichtigsten Handelsströme führt aus dem östlichen Afrika nach Südafrika; der zweite wichtige Brennpunkt des Menschenhandels ist Westafrika, mit den relativ reichen Ländern Elfenbeinküste, Gabun und Nigeria als größten Zielländern.

Doch Afrikas Menschenhandel ist auch globalisiert. „Es gibt auch Handelsnetzwerke, die Afrika an globale Handelsmuster anbinden“, heißt es im Bericht. „Afrika ist ein Ursprungsgebiet für Frauen und Kinder, die nach Europa, den Nahen Osten, die Golfstaaten und nach Südostasien verkauft werden. Afrika ist auch ein internationales Zielgebiet für Frauen und Kinder aus anderen Kontinenten. So sind Frauen und Mädchen zur Prostitution von Thailand nach Südafrika verkauft worden. Manchmal ist Afrika auch Transitgebiet. Berichten zufolge werden manche Personen, die aus Asien nach Europa verkauft werden, über Länder in Nordafrika transportiert.“

Das Ausmaß von Missbrauch und Misshandlung an Frauen und Kindern hängt eng mit dem Phänomen des Menschenhandels zusammen, analysiert Unicef. So seien in Kenia, Uganda und Simbabwe 32 bis 42 Prozent aller Frauen regelmäßig Opfer physischer Gewalt. In Teilen Ghanas und Togos werden Frauen von ihren Familien an Priester gegeben und müssen diesen sexuell zu Diensten stehen, im Tausch für den „Schutz“ der Familie. Die Institution des Brautpreises, bei dem ein Ehemann der Familie der Ehefrau Geld oder Güter für die Braut zahlen muss, trägt ebenso zur Wahrnehmung der Frau als Ware bei wie das extrem niedrige Durchschnittsalter von Mädchen bei der Hochzeit – 15 Jahre in Niger, 16 in Mali und Tschad, 17 in Nigeria, Eritrea, Mosambik und der Zentralafrikanischen Republik. In Teilen von Ghana, Kenia und Simbabwe werden Mädchen schon mit acht Jahren innerhalb von Großfamilien als Bräute vergeben, „um ihre ‚Reinheit‘ zu garantieren“. All diese Phänomene, so Unicef, tragen noch mehr als einfache Armut dazu bei, den Menschenhandel am Leben zu erhalten.

Das UN-Kinderhilfswerk legte die Studie in Benins Hauptstadt Cotonou anlässlich einer Tagung afrikanischer Arbeits- und Sozialminister vor. Unicef fordert Afrikas Staaten zu effektiveren Maßnahmen gegen Menschenhandel auf und will mit dieser Studie das Thema auch auf die Tagesordnung des nächsten EU-Afrika-Gipfels setzen. Nötig sei unter anderem, Menschenhandel grundsätzlich als Menschenrechtsverletzung einzustufen, Zeugenschutzprogramme einzurichten und die sichere Repatriierung von Opfern zu gewährleisten.