Wo der Osten den Osten entdeckt

Eine literarische Reise in die Vergangenheit, eine Annäherung an einen Mythos: Zur Neuübersetzung von Tausendundeiner Nacht. Wundergeschichten, von Claudia Ott übersetzt, nach einem Manuskript, das nie ins Deutsche übertragen worden war. Geschichten, die in der 282. Nacht abbrechen

Morgens kann man an heutigen Mittelmeerstränden manches sehen: freien Sex, brennende Fackeln, laute Musik, Pudel, Benzin, Medusen. Oder es begegnet einem ein Urbild, eine halb bekleidete Schönheit, der ein Mann die Haare kämmt. Daran erinnert auch Tausendundeine Nacht, dass es in der Geschichte Momente der Menschlichkeit gegeben hat.

Ich hatte Tausendundeine Nacht in der alten Übersetzung von Littmann eben zu Ende gelesen, als die neue Übersetzung der 282 Nächte von Claudia Ott erschien. Ich sehe sie als Ergänzung an. Denn hier macht sich, angesichts überwältigender Schönheit, keiner in die Hosen, (II,2, 447), daran ist nicht Ott, sondern ihre Vorlage schuld, die dem Gossenniveau nicht verfällt, dem sich Littmann stellte: „Gewähre mir zehn Küsse auf die linke Hand, / Der noch mehr Ehre als der rechten Hand gebührt! / Denn deine Linke hat ja noch vor kurzer Zeit, / Als du dich säubertest, an dein Gesäß gerührt“ (III, 130). Und jener Text, der die berühmte Fußnote Littmanns rechtfertigte, kommt in Otts Vorlage nicht vor .

Es lohnt zu unterstreichen, dass die 282 Nächte der Neuübersetzung nicht alles enthalten, was die vollständige Tausendundeine Nacht erzählt. Es fehlt nicht nur die Sandmagie, es fehlt auch der politische Fundamentalismus, wenn Harun al-Raschid als Schatten oder als Stellvertreter Gottes auf Erden bezeichnet wird (VI, 2, 517); der theologische: „Eure Götter sind nur geschaffene Dinge, aber mein Gott ist ein Schöpfer“ (VI, 2, 536); oder der heilige Krieg: „Wenn du nun Muslim werden willst – herzlich gern! Wo nicht, so ist es besser, dass du getötet wirst, als dass du am Leben bleibst … Da zückte Ala ed-Din einen Dolch und durchschnitt ihm die Kehle von Ader zu Ader. “ (II, 2, 655)

In Tausendundeiner Nacht erzählt jeder jedem, manchmal wieder und wieder, seine Geschichte. Der vorsichtige Umgang mit historischer Wahrheit, kurz, die kolonialistische Grundverlogenheit, findet in den schleiertragenden Kulturen nur ausnahmsweise statt.

In der Kiste ist ein Korb, darin ein Teppich, darin ein Umhang. „Man entfaltet den Umhang, und erblickt darunter ein Mädchen, so frisch und zart wie ein Silberbarren. Das Mädchen war tot und zerstückelt, in neunzehn Stücke zerschnitten.“ (70 N) Als sei das die Gegenmetapher für das ganze Buch, das es ja nur deshalb gibt, um durch Schahrasads Geschichten mit Dinarasads Hilfe das elende Mädchenopfer des rachsüchtigen König Schahriyar zu überwinden.

In Tausendundeiner Nacht werden Geschichten erzählt über Ängste, gegen Traurigkeit, um von Sorgen abzulenken, um Rachedurst, Langeweile oder Streitsucht zu überwinden oder zu heilen. Da sind die Geschichten von später väterlicher Liebe zu den Kindern oder über Geister und Dämonen, unter denen es die gibt, die Allah dienen. Abgesehen davon macht das Schicksal mit den Menschen ohnehin, was es will.

Was wären Geschichten ohne die Liebe? In Geschichten aus Zeiten der Sklaverei wie sie in Tausendundeiner Nacht stehen,kann sich eine Sklavin schon mal opfern, indem sie sich aus Liebe einem anderen verkauft (209 N). „Diese schönen, teuren (intelligent gebildeten) Sklavinnen: fünf Spannen hoch gebaut, mit wohlgeformten, festen Brüsten, die Augen mit Kajal geschminkt, die Wangen glatt, die Taille schlank, und rund und schwer die Hinterbacken. Ihre Jugend war die schönste, die man sich denken mag, ihr Speichel schmeckte süßer als Dschullab, und ihre Worte waren sanfter als der Morgenwind.“

Schönheit ist hier Mondgleichheit, Verliebte massieren sich hier oft die Füße. Und sie wissen gemeinsam zu essen (176 N): „Schamsannahar fing an, dem Jungen die besten Bissen in den Mund zu stecken. Er tat dasselbe mit ihr.“ Wie sagte Adorno: Lebe, um ein gutes Tier zu sein – man hat es versucht.

Wann immer der Westen, wie heute, über den Osten nachdenkt, tanzt der Bär. Der Westen entdeckt mit Kolumbus bei der Suche nach dem Osten seinen Westen. In Tausendundeiner Nacht hat der Osten seinerseits den Osten und dazu den Westen entdeckt: In Tausendundeiner Nacht konservierte der Westen die arabische Entdeckung seines Ostens (China, Indien, Persien).

Es gibt genug Orte, in denen Himmelsrichtungen und Namen vertauscht sind. Die westliche Kultur ist, wie J. L. Borges in „Siete Noches“ bemerkt, insgesamt „unrein“, weil grundsätzlich westlich und östlich zugleich. Das ist der Grund ihrer Stabilität, ihrer krisenhaften Entwicklung. So erscheint der periodische Ruf nach Reinheit als Selbstmord und Todessehnsucht.

Jaime, ein Zigeuner aus Andalusien, erklärte mir, warum Zigeuner es vorzögen, Vettern und Kusinen zu heiraten statt Fremde – trotz Teuerung durch Ablasszahlung: Das sei besser für den Familienzusammenhalt. Heute noch hält sich daselbst Freund Paco Tauben und eine Stute „nur fürs Auge“.

Wie sollte ich nicht an die Freunde in Südspanien denken, wo in Tausendundeiner Nacht Vettern in Kusinen und umgekehrt sich verlieben – oder als ich Folgendes las (254 N): „Jäger, was kostet dieser Vogel?“ – „Was willst du mit ihm?“ – „Ich esse ihn, du Dummkopf, wozu soll er sonst gut sein?“ – „Ich will ihn dem König schenken, der wird mir dafür Geschenke geben, die mehr wert sind als der Preis, den ich für ihn erzielen könnte. Der König wird sich an seiner Schönheit erfreuen.“

Da wird einer aggressiv, weil die Verwertungslogik der Ware verletzt scheint, der andere führt dagegen den „Marktwert der Schönheit“ ins Feld. Wenn das nicht postmodern ist!

Der alttestamentarische Gott schuf durchs Wort erst mal das Anorganische. Adam und Eva aber hat er als Skulptur geschaffen, aus Wasser, Lehm und der männlichen Rippe. Künste bilden durch Überlappungen Grenzen zu anderen Künsten. Wer sagte, Gott habe sich nur eines Mediums, der Sprache, bedient, nicht, wie der Text selbst sagt, des Wortes und der bildenden Kunst?

Die Grundlagen sind neu zu klären. Für den Schwerpunkt „arabische Literatur“ bei der Frankfurter Buchmesse schlage ich daher vor, statt Lauheit und desolater Ignoranz diese Gelegenheit zu ergreifen, um Kultur/Politik, Ost/West aus dem Geist von Tausendundeiner Nacht zu definieren.