Universale Beate

Die Kasseler Caricatura gibt Einblick in die absurde Alltagswelt des Essener Comicpop-Zeichners Jamiri

Bisweilen materialisiert sich Gott und steigt ein in Jamiris alten Fiat. Die Reise geht nach Bad Oeynhausen. Plötzlich muss Gott, der weißhaarige Altfreak im langen Gewand, ganz nötig pinkeln. Der Fahrer kann es kaum fassen: Auch Gott hat menschliche Bedürfnisse! Dieser Comic-Strip hat wütende Proteste hervorgerufen, wegen angeblicher Gotteslästerung. Doch auch dieser Unmut wird in einer anderen Bildergschichte wieder aufgenommen: Der Zeichner trifft den Schöpfer nochmals, im Auto nach Bad Oeynhausen unterhält man sich über die empörten Leserbriefschreiber, und da passiert es: Gott muss schon wieder. Das Erhabene ist bisweilen sehr banal.

Seine Motive findet der Essener Comiczeichner Jamiri, bürgerlich Jan-Michael Richter, stets im eigenen Privatleben. Manchmal reicht dieses Universum allerdings über die Abgründe des Alltäglichen hinweg, bis ins Weltall, das bekanntlich von unförmigen Wesen bevölkert wird, die sich gerne zu tiefschürfenden Unterhaltungen über klassische Musik herablassen oder sich über „Space-Jamiris“ seltsamen Raumgleiter auf Basis seines überaus schrottreifen Fiats amüsieren. Meist schaut der Comiczeicher im letzten Bild dann selbst ein wenig irritiert, pikiert oder konsterniert in die Landschaft.

Meistens sind es aber nicht die abstrusen und seltsamen Figuren, die Jamiri zu denken geben, sondern seine Frau und Muse Beate. Mit ihrer entwaffnenden Offenheit lässt sie den Künstler in jede kleine Falle tappen. Er: „Gibst du mir mal das Salz?“ Sie: „Warum? Hast du dir den Arm gebrochen?“ Das rote Herz, das im letzten Bild über ihm schwebt, hat trotzdem keinen Riss – hoffnungslos verliebt eben.

Bei all den Verwinkelungen des Alltags sind Jamiris Comics von superbem Naturalismus und filmischer Dramaturgie gekennzeichnet. Der ehemalige Werbegrafiker, Student der Philosophie, Absolvent des Faches Kommunikationsdesign und Barkeeper in Beates Essener Restaurant, zählt inzwischen zu den großen Stars seines Fachs. Mit ein, zwei Bildern – er zeichnet seit einiger Zeit alles am Computer – macht er eine Tür weit auf, um sie dem Betrachter im letzten Bild mit einer hübschen Pointe doch noch wieder vor der Nase zuzuknallen. Zugleich sind Jamiris Minigeschichten selten brüllend komischer Slapstick, schon gar keine verzerrenden Karikaturen. Eher geht es ihm darum, die Konventionen der Sprache auseinander zu schrauben oder schwachsinnige Verhaltensmuster zu entlarven, egal ob Computer- oder Beziehungswahnsinn.

1990 fing er mit dem Comiczeichnen beim Studentenmagazin Unicum an, das bis heute monatlich eine Jamiri-Seite bringt. Mittlerweile sind sechs eigenständige Alben auf dem Markt, das siebte („Richterskala“) ist in Vorbereitung. Zusammengenommen bilden sie eine illusionslose Chronik der Jahrtausendwende. Wenn der 1966 geborene Jamiri diese Akribie noch einige Jahrzehnte durchhält, dürfte ihm der Platz im Olymp der großen Alltagssezierer von James Boswell bis hin zu Marcel Proust und Max Frisch sicher sein. Die haben zwar nicht gezeichnet, aber das hat ihrer Berühmtheit ja auch nicht geschadet.