Historie für drei

Ein kleiner Geschichtsverein überspringt mit einem Schulbuch über Geldern die Grenzen am Niederrhein

GELDERN | taz ■ | Wer weiß schon nach einigen Schuljahren Geschichte, dass das Herzogtum Geldern im Mittelalter zu den bedeutendsten Territorien Nordwesteuropas zählte? Dass seine Herrscher Kontakte in die mächtigsten Dynastien Europas besaßen? Dass Geldern Jahrhunderte lang als kulturelle Drehscheibe zwischen Ost und West diente?

All das ist weithin unbekannt, so wie die „Kanonenschusslinie“, die noch heute die Grenze zwischen Deutschland und dem Südosten der Niederlande bildet; als Preußen 1815 seine Gebiete westlich der Maas und einen schmalen Streifen östlich des Flusses an die Niederlande abtrat, erfolgte die Grenzziehung im Abstand der Reichweite eines Kanonenschusses zur damaligen Zeit. Dabei zerstörte die durch den Wiener Kongress gezogene Grenze „ein über Jahrhunderte hinweg bedeutsames Territorium. Menschen, deren Kultur und Sprache gleich waren, wurden voneinander getrennt. […] Bis etwa 1850 blieb das Niederländische Umgangssprache und konnte erst allmählich durch das Hochdeutsche ersetzt werden.“

Diese Passagen finden sich in nicht in einem normalen Geschichtsbuch, sondern in einer Schülerausgabe: „Das Herzogtum Geldern. Ein grenzüberschreitendes Geschichtsbuch für Schule, Museum und Archiv“. Das Buch ist die erste umfassende regionalgeschichtliche Darstellung. Zweisprachig, ist sie in Deutschland, Holland und im flämischen Belgien im Unterricht lesbar. Herausgegeben wurde der Band im Auftrag des Historischen Vereins Geldern, der das Projekt dank der Förderung durch den Europäischen Regionalfonds realisierte.

Geldern. Lediglich der Ortsname erinnert an ein Herrschaftsgebiet, dessen Fläche heute zu 90 Prozent auf niederländischem Territorium liegt. 32 Städte, so viele wie nirgendwo sonst im Nordwesten des mittelalterlichen Deutschen Reiches, lagen auf diesem Gebiet, darunter Nimwegen, Arnheim, Erkelenz, Goch, Neuss, Geldern, Roermond und Venlo. Der historische Band für Schüler lässt kein Thema aus: Ob Handel, Zünfte, Münzprägung, Essgewohnheiten, Lehnwesen, Verkehrsverbindungen, Zölle oder Heiligenverehrung, ob Städtegründungen, Ablassbriefe, Karten, Herrscherporträts oder die demografische Entwicklung – Schüler beidseits der „Grenze“ können damit alle Bereiche mittelalterlichen Lebens der Region überblicken. Jedes Kapitel endet mit Aufgabenstellungen, die nicht nur Erlerntes abfragen, sondern zur eigenständigen Bearbeitung einladen. Eine interessante Lektüre auch für ältere Semester.