Den alten Geist vertreiben

Auf dem Gelände einer früheren NS-Kaserne in Junkersdorf wurden Kasernenblöcke in altengerechte Wohnungen verwandelt. Heute wird eins der Häuser nach dem NS-Opfer Gottfried Ballin benannt

Der Traum vom selbstbestimmten Leben – für etwa 80 alte sowie behinderte Menschen in Köln ist er in Erfüllung gegangen. Im neuen Stadtwaldviertel Junkersdorf, einem 14 Hektar großen Areal im Westen Kölns, hat der Verein Vitales Wohnen (ViWo) ein ehemalige NS-Kasernengelände mit drei denkmalgeschützten Kasernenblöcken in ein integratives Wohnprojekt mit 84 behindertengerechten Einheiten verwandelt. Eines der renovierten Mannschaftshäuser soll heute nach dem jüdischen Widerstandskämpfer Gottfried Ballin benannt werden, der Ende 1942 von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde.

Gekauft hatte der Verein das 1,2 Hektar große Kasernengelände, das seit Ende der Vierzigerjahre bis in den Neunzigern den belgischen Streitkräften als Unterkunft diente, 1998 über eine Besitzgesellschaft, damit aus dem neuen Stadtteil kein „Getto für Reiche und Schöne“ werde, so Katrin Barion, die Vorsitzende des Vereins und Parteimitglied der Kölner Grünen. Das Projekt sei „ein durch und durch grünes“, wie es die 53-Jährige formuliert. Idee und Umsetzung sind ein Gemeinschaftsprodukt der Kölner Politikerin und ihres Kollegen Stefan Peil. Beide sind seit Jahren in der Sozialpolitik aktiv.

„Mit dem integrativen Ansatz wollen wir einen Gegenentwurf zu herkömmlichen Altenheimen schaffen“, so Barion. Ihrer Ansicht nach gehören alte Leute nicht in Heime. Barion vertritt das Motto: „ambulant geht vor stationär“. Das sieht Parteikollege Stefan Peil genau so: „Die Leute sollen so lange wie möglich selbst entscheiden, wie sie leben wollen. Erst wenn Einschränkungen nötig sind, kommen wir und bieten individuelle Dienstleistungen an.“

Die Kaltmiete beträgt pro Quadratmeter 10,20 Euro. Darin enthalten ist ein Grundpaket an Leistungen, wie Beratungen, Wohnungs- oder Krankheitsbetreuung. „Alle Zusatzleistungen kosten extra, und zwar 15 Euro pro Stunde, abgerechnet im Viertel-Stunden-Takt,“ erklärt Peil. So könne man individuell auf die Bedürfnisse der Bewohner eingehen. Ein älterer Mann etwa, der an Multiple Sklerose erkrankt sei, versuche mit „eisernem Willen den Rollstuhl zu vermeiden“. „Ihn holen wir jeden Tag ab und bringen ihn zum Essen“, erklärt Peil. „Das kann eben auch eine halbe Stunde dauern.“ Die Vorteile gegenüber einem herkömmlichen Pflegedienst sind für den Grünen klar: „Der Pflegedienst muss sich an genaue Taktzeiten halten, wir eben nicht.“

Um die „Kasernenatmosphäre“ aufzubrechen, wurden die Grundrisse der Wohnungen so konzipiert, dass die endlosen Gänge entfallen. Nach Meinung von Peil war die Bausubstanz ansonsten so gut, dass eine „Um-Nutzung“ weitaus sinnvoller war als der Abriss. Ein weiterer positiver Effekt: Gerade an einem historisch belasteten Ort könnten alte Geister vertrieben und „menschenwürdiges Leben möglich gemacht werden“.

Um der Vergangenheit etwas entgegen zu setzen, wollte der Verein die Straßen rund um die Gebäude nach Widerstandskämpfern und -kämpferinnen benennen. Daraus ist nichts geworden. Statt auf Namen von Widerstandskämpfern blicken die Bewohner jetzt auf Straßenschilder mit Namen von verdienten CDU-Politikern – statt „Gottfried-Ballin-Straße“ heißt es nun „Ulrich-Brisch-Straße“. Barion bleibt gelassen. Ihr Kommentar dazu: „Dumm gelaufen.“