Ersatzmama am TV-Herd

VON ULLRICH FICHTNER

Alle Statistiken belegen, dass im Laufe der Nachkriegsjahre immer weniger gekocht wurde. Heute investieren wir für die Zubereitung unserer Speisen nur noch wenige Minuten, um dann alle drei Mahlzeiten in einer guten halben Stunde hinter uns zu bringen. Als wären wir auf der Flucht. Dass trotz dieses Desinteresses immer mehr Köche auf dem Bildschirm erscheinen, legt die Vermutung nahe: Die Kochsendungen im Fernsehen fördern das Kochen nicht – sie ersetzen es.

Die Fernsehköche unterscheiden sich dabei durchaus. Sie bedienen unterschiedliche „Zielgruppen“. Alfred Biolek tritt nicht als perfekter Handwerker auf, sondern als eine Lifestyle-Ikone des Zivilisierten und zugleich als eine Art nationaler Herbergsvater oder WG-Ältester. Vincent Klink gibt in der ARD den bulligen, bodenständigen Kritiker, den bekennenden Provinzler, den David gegen den Goliath Industrie. Alfons Schubeck (Bayerischer Rundfunk) inszeniert sich als Handwerksmeister, wirft stark bayerisch gefärbt mit den Begrifflichkeiten der Hochküche um sich, sagt zu Semmelbröseln „Mie de pain“. Johann Lafer (diverse Sender) suggeriert, immer feixend, dass, solange nur er am Herd steht, doch noch alles gut werden könnte. Und Britta von Lojewski spielt bei VOX im „Kochduell“ nicht Schiedsrichterin, sondern die jovial-dröhnende Animateurin, wie sie sich Manager von All-inclusive-Urlaubsclubs erträumen.

Aber so unterschiedlich sie sein mögen – ihre Sendungen spielen alle auf derselben Klaviatur der Zuschauergefühle, und sie haben dabei, so verrückt das klingt, mit Kochen oder Essen eigentlich nur am Rande zu tun.

Es ist ein Effekt, den der Fernsehzuschauer auch aus anderen Lebensbereichen kennt. In den vergangenen Jahren feierten eigenartige Genres größte Erfolge: Nonnen und Pfarrer stiegen zu Rollenstars auf, der gute Doktor vom Land, der stille Förster, der Polizist als kumpelhafter „Schutzmann“ aus dem Kiez. All diese Figuren zählen schon lange nicht mehr zum Personal unseres gesellschaftlichen Lebens. Im Gegenteil: Sie sind aus ihm so gut wie gänzlich verschwunden und kehren nun als Karikaturen, die eine gute alte Zeit beschwören, fiktiv ins Leben zurück.

Was für Förster und Nonnen gilt, erreicht nun die Köche und das Essen: Sie werden gewissermaßen museal. Je kleiner ihre Rolle in unserem wirklichen Alltag, desto größer und schöner finden sie sich ausgestellt in den leuchtenden Studioküchen, vom Zuschauer allgemein bewundert, nostalgisch verehrt – aber eben dadurch zur Rarität gestempelt. Keinesfalls sind die vielen Sendeplätze Ausdruck einer allgemeinen Lust am Kochen. Im Gegenteil, anzunehmen ist, dass wegen Biolek, Schubeck oder Lafer kein einziges Gericht zusätzlich gekocht wird. Lafer selbst sagte im Zeitungsinterview, er bekomme nach seinen Sendungen so gut wie „null“ Rezeptanfragen. Die Leute wollten seine Kreationen offenkundig gar nicht nachkochen, sie wollten sich „in schöner Atmosphäre“ entspannen.

Es ist die Entspannung, die der Zuschauer von Sportübertragungen kennt. Weit davon entfernt, den übermenschlichen körperlichen Leistungen von Leichtathleten oder Fußballspielern nacheifern zu können, wird der Fernsehsessel zur Loge wie in einem Zirkus. Nicht viel anders funktioniert das TV-Kochen. Man delektiert sich am Treiben der Profiköche, bewundert ihre Meisterschaft, ohne freilich auf die Idee zu verfallen, ihrem Beispiel nachzueifern.

Die Welt des Kochens ist dem Alltag in Wahrheit viel zu weit entrückt. Sie ist einer anderen, quasifiktiven Sphäre zugehörig, die wir als Zuschauer nur aus der Ferne bewundern.

Aber es kommt, beim öffentlichen Kochen, noch vieles an emotionalem Tiefgang hinzu. Wenn es stimmt, dass sich Essen in unserer Gefühlswelt noch immer mit kochenden Müttern auch mit Heimat verbindet, dann besetzen die Kochsendungen heute ebendiese emotionale Lücke. Denn wirklich sehen ja auch Menschen zu, die in ihrem Leben noch nie einen Topf in der Hand hatten, geschweige denn ahnen, wie ein „Thymianjus“ zum Lamm herzustellen wäre. Ihnen dürften mithin die vorgekochten Rezepte völlig gleichgültig sein, und auch handwerkliche Tricks werden sie nicht interessieren. Dass sie trotzdem nicht umschalten, kann nur daran liegen, dass die Kochshows mit Gefühlen handeln, die in der realen Welt nicht mehr zu haben sind: Da ist der schöne Respekt vor den Nahrungsmitteln, den Köche an den Tag legen, ihre würdige Behandlung von Fischen, Gemüse und Fleisch. Da ist das liebevoll Spielerische, das in den Rezeptideen des Kochs auflebt, seine Hingabe auch an ein ehrwürdiges Handwerk.

Vor allem aber ziehen mit den Bildern im Fernseher Szenen einer verklärten Welt herauf, bevölkert von Großmüttern, die in heißen Küchen Rosinenmännchen für die Enkel backen, von fürsorglichen Eltern, von heiler Familie mit geregelten Esszeiten, von Speisekammern, in denen beruhigender Vorrat angelegt ist – es sind Szenen einer versunkenen Welt, die viele Zuschauer heutzutage in realiter mutmaßlich nie erleben durften, sondern nur vom Hörensagen und also als diffusen Gefühlswert kennen.

Die Koch-Shows laden mithin nicht wirklich zum Essen ein, sondern vor allem zur Flucht aus der realen Welt heutiger Ernährung. Die alltägliche Überforderung der Esser angesichts eines überbordenden Angebots an Nahrungsmitteln und Ernährungsmoden, dazu die aus kultureller Entleerung erwachsende Ratlosigkeit über mögliche Zubereitungen oder nötige Koch- und Kulturtechniken werden für eine halbe oder eine ganze Fernsehstunde lang ausgesetzt. Der Fernsehkoch übernimmt als Stellvertreter die Verantwortung, die wir nicht mehr tragen können. Er weiß, im Gegensatz zu uns, was dem Magen und der Seele gut tut. Er macht uns, anders gesagt, wieder zu Kindern, die das wohlige Gefühl genießen, von einer fürsorglichen Mutter versorgt zu werden. Und wenn die vorgekochten Speisen am Ende der Sendezeit an schön gedeckten Tischen gemeinsam mit Gästen gegessen werden, fühlen wir uns überdies eingeladen zu einer virtuellen Hausgemeinschaft, die wir in den eigenen vier Wänden vergeblich zu organisieren versuchen.

Fernsehköche bieten also einen Fluchtweg vor den Zumutungen des „Snack around the clock“ und des „Eating on the Run“. Ihre Shows werden in einer Gesellschaft der kulinarischen Analphabeten zum Surrogat, zum substanzlosen Ersatz für entschwundene Freuden und nicht mehr befriedigte Bedürfnisse. Sie sind, anders gesagt, der Bild gewordene Phantomschmerz einer Gesellschaft, die sich eben des Untergangs einer ganzen Kultur bewusst wird. Die Botschaft lautet: Das, was im Fernsehen zu sehen ist, gibt es bald nicht mehr oder ist bereits erledigt. So bauen die TV-Sender an einem imaginären Museum der Kochkunst und der Esskultur – und befriedigen nebenher die Sehnsucht nach einer heileren Welt als der, in der wir uns zu leben gezwungen fühlen.

ULLRICH FICHTNER, Jahrgang 1965, ist Reporter beim „Spiegel“ und lebt in Paris. Der Text stammt aus seinem soeben erschienenen Buch „Tellergericht – Die Deutschen und das Essen“ (München, Deutsche Verlags Anstalt, 240 Seiten, 17,90 Euro)