KIRSTEN FUCHS über KLEIDER

Leiden an sporadischer Festkleidung

Männer haben’s einfach, Oberhemd unterm Anzug genügt – schon sehen sie vorzeigbar aus. Aber wir? Müssen frieren

Jetzt auf einmal kommt der Frühling, wo ich ihn nicht mehr brauche, weil der Geburtstag meines Onkels vorbei ist. Zu den Geburtstagen von Freunden darf ich mich zurechtscheußeln, wie ich will. Zu den verwandtschaftlichen Buckeln muss ich mich anhübschen, so viel Respekt muss schon sein, wenn jemand in den höheren Sphären nullt.

Die gesamte Verwandtschaft jubiläumt im Winter, und die Klimaerwärmung lässt auf sich warten. Immer dieselbe Bastelei, das Lumpenpüppchen in eine Prinzipessin zu verkleiden! Wenn ich das Grundmaterial dunkelgrünes Kleid gefunden habe, fängt der Kombinationsspaß an, weil, wie der Name Kleidchen schon sagt, dieses Kleidungsstück nicht zu jenen gehört, mit denen eine Eskimotranse vor den Iglu geht, um mit zittriger Schrift in den Schnee zu pullern: „Hallo, Festtagskleidung? Hallo, Erkältung!“

Strumpfhose! Weil sonst Eisbein, lecker, aber ungesund. Wenn denn auch ein intaktes Exemplar vorrätig ist und diese auf Verträglichkeit mit dem Kleid getestet wird, stellt sich schnell heraus: Brizzl! Zack! Schlag bekommen! Dafür ist ein Unterrock da, verhindert, dass das Kleid zur Halskrause wandert, verhindert, dass Frau ständig eine gewischt bekommt.

Schon verschwindet die Hüftkontur. Hallo, Hüfte? Hallo, Nierenentzündung! Jäckchen! Noch ein Jäckchen? Ich brauch was ohne -chen. Mantel! Für den Weg vom Zug zum Restaurant, von dort zum Café, vom Café zum Tanzsaal, vom Tanzsaal ins Hotel. Ich habe zwei Mäntel, beide schwarz, einer Samt, einer Wolle; beide zu dünn, und wenn ich sie übereinander ziehe, stecken mir alle Großtanten Geld zu.

Hallo, Würde? Hallo, Grippe! Also krame ich einen riesigen Webpelz heraus, den ich dafür habe, ihn zu tragen, wenn ich nach Russland fahre oder Russlands Wetter herkommt. Viel zu groß und nicht schick, wenn die Tanten ihre Brillen aufsetzen und genauer hinsehen. Hallo, Laufsteg? Hallo, Schnee!

Fast am Ende der Vorbereitungen (ich hab noch kein Geschenk für den Onkel!) sehe ich nun aus wie ’ne schwarze Filztonne mit dünne Beene unten raus. Ohne Schuhe, die werden es auch nicht mehr reißen. Für Tage, an denen nicht die Hundekacke gefriert, habe ich viele nette Schuhe. Für die Tage, an denen ich nette Schuhe brauche, habe ich keine.

Ich habe Stiefel, dunkelgrün wie das Kleid, aber die klappern so laut. Ich will nicht den ganzen Tag still stehen, weil ich sonst so klapper. Und dann kann ich nur tanzen, wenn Steppmusik kommt. Gottseidank finde ich hinten im Schrank die perfekten Schuhe und die auch richtig gut.

Weinrot, passt ganz prima zu Dunkelgrün, finde ich, wie eine dreckige Ampel. Schnürstiefelchen, die ich mir in einem Urlaub mit einem Wandersmann statt Gentleman zerschrammelt habe. Ich wollte in Süditalien den ganzen Tag essen gehen und er auf Felsen klettern.

Wie dumm! Wie überaus dumm! Und jetzt sind die Stiefelchen zerschrammelt, überaus zerschrammelt! Ich putze sie mit Niveacreme, geht doch und klappern nicht beim Gehen. Schick? Hallo, Versuch schick auszusehen? Hallo, Geldmangel!

Und hallo, März! Ich bin zufrieden, was die Schuhe angeht … wenn ich so selten meine Verwandtschaft sehe, muss ich auch keinen falschen Eindruck von mir hinterlassen und der richtige ist, dass ich mir Mühe gegeben habe, anders auszusehen als sonst. Hallo, Verkleidung? Hallo, Faschingszeit vorbei!

Männer haben es da viel einfacher. Sie müssen nicht nachdenken, was sie anziehen. Anzug, klar! Und wenn sie einen haben, dann ziehen sie immer diesen an. Und was Mann unter seinem weißen Oberhemd trägt, ist nicht einsehbar. Er kann ganz warme Unterhemden drunterziehen und unter den Nadelstreifen am Bein lange Unterhosen. Er sieht auch ohne Krawatte ordentlich aus. Wie ungerecht. Wie ungerecht. Hallo, Benachteiligung der Frau? Hallo, Übertreibung!

So gehe ich zur Feier, kleine Filztonne mit kaputten Schuhen. „Hallo, Onkel!“ – „Wie siehst du denn aus?“ – „Alles Gute zum Geburtstag“, sage ich und schenke ihm die Krawatte aus dem Bahnhofsshop. „Ich hab doch schon eine“, sagt er.

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