Bewegt geborgen

Der Bruch des Bedeutsamen im Banalen oder Dostojewskis Idiot in Johnnie Walker: Haruki Murakamis wunderbarer neuer Roman „Kafka am Strand“

VON SUSANNE MESSMER

Es gibt Bücher, von denen bekommt man in jedem Jahr eins, höchstens zwei. Man liest sie so langsam wie möglich, vor lauter Angst, dass sie zu schnell zu Ende gehen und dann lange keins wie dieses mehr kommt. Während man sie liest, fühlt man sich ganz weggerissen, und wenn man sie widerwillig doch kurz zuschlagen muss, hat man das Gefühl, als hätte sich das Leben da draußen plötzlich sehr verschoben.

Nicht alle Bücher von Haruki Murakami vermochten das. Manche waren eher langweilig – doch er schrieb auch solche, die Leben retten können. Jetzt gibt es wieder so einen Lebensretter von Murakami. „Kafka am Strand“ ist einer seiner drei wunderbarsten Romane, einer, in dem man sich paradoxerweise absolut geborgen fühlt. Denn abgesehen von der wie immer abgrundtief sympathischen Hauptfigur ist der Grundton dieses sechshundert Seiten dicken Buches mit seinen vielen kleinen Verästelungen, Zitaten, Subgeschichten und Nebenfiguren: Beweglichkeit. „Kafka am Strand“ ist eine Art Road Movie, eine Road Novel. Kafka Tamura, ein fünfzehnjähriger Teenager und einer der beiden Helden dieses Romans, hat beschlossen, von zu Hause wegzugehen. Wohin, darüber hat er sich noch keine Gedanken gemacht – alles, was er weiß: Er muss seinen Vater verlassen und seine Mutter suchen, die verschwand, als er vier Jahre alt war.

Der Zufall bringt Kafka Tamura in eine kleine Stadt im Süden Japans und dort in eine ganz besondere Privatbibliothek. Hier lernt er den eleganten, sexuell ambivalenten Bibliothekar Oshima kennen und die erotische Bibliotheksleiterin Frau Saeki, die seine Mutter sein könnte. Beide vermuten, dass er auf der Flucht ist, lassen ihn aber auch dann noch in der Bibliothek arbeiten und wohnen, als sie von der Ermordung von Kafkas Vater erfahren. Während Kafka in Oshima einen intelligenten Gesprächspartner und Verbündeten findet, verliebt er sich in Frau Saeki, deren große Liebe vor Jahren tragisch ums Leben gekommen ist.

Doch ist dies nur die eine Hälfte des dual angelegten Romans. Sein zweiter Held ist Nakata, ein alter Mann und heiliger Narr, der nicht schreiben und lesen kann, dafür aber einen Mann tötet, Fische und Blutegel regnen lässt und mit Katzen spricht. Auch er beschließt eines Tages, in den Süden zu reisen. Auch er weiß nicht genau, warum. Bald stellt sich heraus: Nakata war eines von dreißig Kindern, die im Zweiten Weltkrieg in einen mysteriösen Vorfall verwickelt waren. Bei einem Klassenausflug wurden plötzlich alle Kinder ohnmächtig, bewegten aber ihre offenen Augen, als sähen sie etwas, das andere nicht sehen konnten. Nakata war das einzige Kind, das nicht sofort wieder erwachte, sondern Wochen brauchte.

Nicht nur auf der Ebene des Geschehens ist alles in Bewegung in diesem Roman, auch die Art und Weise, wie er erzählt ist, ist sehr fließend. Einmal unterhalten sich Kafka Tamura und Oshima über Franz Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“. Kafka erklärt Oshima, was ihm so an der Erzählung gefällt: Kafka habe eben nicht nur eine Exekutionsmaschine beschrieben, um damit ein Bild für die Strafkolonie zu entwerfen. „Er schildert nicht die Situation, sondern die Einzelteile der Maschine“, sagt er. „Sie ist keine Metapher oder Allegorie.“ Sofort fällt einem da auch Kafkas „Odradek“ ein, ein Wesen oder Ding, das immer größer wird, je weniger man sich unter ihm vorstellen kann. Immer bleibt auch bei Haruki Murakami ein Rest Unerklärliches, das sich nicht auf eine gesellschaftskritische Bedeutung reduzieren lässt.

Murakami mag vor allem dafür berühmt geworden sein, dass er sich in seinen Büchern gegen die karriereorientierte Funktionalisierung in der japanischen Gesellschaft stemmte. Den Zauber der Bücher erklärt das noch lange nicht. Es ist die Lust am Spiel mit dem Bedürfnis, allen Dingen einen Sinn zu geben, die Murakamis Romane so anziehend machen. Dieses Spiel bewahrt sie auch davor, ins Esoterische oder gar Belehrende abzurutschen. Das steinalte Motiv des heiligen Narren, das der Seelenwanderung, der Mythos von Ödipus, die jüngste japanische Geschichte – bei Murakami begegnet man all dem wieder ganz neu. Der Grund: Nakata erinnert eben nicht nur an Dostojewskis Idiot oder den buddhistischen Wandermönch Hotei, sondern auch an Forrest Gump, weil die Seelenwanderung nicht nur gespenstisch ist, sondern von Geistern transportiert wird, die aussehen wie Johnnie Walker oder Colonel Sanders, das Kentucky-Fried-Chicken-Maskottchen. Immer wird hier das Bedeutsame im Banalen gebrochen.

Weil Haruki Murakami all dies in seine bestrickend einfache Sprache zu gießen weiß, weil er immer wieder und auch in „Kafka an Strand“ über Alltägliches schreibt, an dem es sich auf schwankendem Boden gut festhalten lässt, etwa über gutes Essen oder Sex, hat er bei der japanischen Literaturkritik, die scharf zwischen hoher Literatur und Unterhaltung trennt, einen schweren Stand. Als „Kafka am Strand“ in Japan erschien, stieg es am Erstverkaufstag trotzdem auf Platz eins der Bestsellerliste. Auch bei uns wird der Roman wieder einschlagen wie der Blitz. Kaum auszuhalten, dass es bis zum nächsten Murakami-Buch wieder so lange dauern wird.

Haruki Murakami: „Kafka am Strand“. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, DuMont Literatur, Köln 2004, 640 Seiten, 22,90 €