„Schweinchen am Baum“

Friesisch-Lektorin Antje Arfsten vom Nordfriisk Instituut erklärt, warum der eigentlich karge friesische Weihnachsbaum mit so merkwürdigen Dingen behängt wird und warum in der Thomasnacht im Dezember alle Räder des Dorfs eingesammelt werden

taz: Frau Arfsten, waren die zur See fahrenden Friesen früherer Zeiten nicht zu arm zum Schenken? Und sind es bis heute?

Antje Arfsten: Ich glaube nicht. Vor allem die Föhrer und Amrumer Friesen sowie die Halligfriesen verdienten durch den Walfang genügend Geld.

Waren, sind die Friesen überhaupt ein großzügiges, schenkfreudiges Volk?

Ich persönlich kann mich nicht beklagen. Auch in früheren Zeiten war das Schenken nicht uninteressant – schon, um familiäre und nachbarschaftliche Beziehungen aufrechtzuerhalten. Von einer eigenen Schenktradition würde ich aber nicht sprechen. Es gibt aber einen speziell friesischen Adventsbrauch: Vor jedem Adventssonntag stellen die Kinder einen Teller auf die Fensterbank, und zum Advent liegen Süßigkeiten darauf.

Der Weihnachtsbaum dagegen ist keine friesische Spezialität …

Der ist natürlich mit den Christentum zu den Friesen gekommen. Auf den Halligen hat sich allerdings bis heute der friesische Weihnachtsbaum erhalten, der so genannte Kenkenbaum: Kenken oder Kinken ist der friesische Ausdruck für das Christkind. Dieser Baum also besteht aus einem Holzgestell mit einem Bogen, der mit Buchsbaum geschmückt wurde. Mehr geht nicht, es ist ja eine recht baumlose Gegend hier oben …

Existiert dieser Brauch noch?

Ja. Auf den Halligen hat sich er sich durchgehend erhalten, während es auf dem Festland in den Siebzigern eine Renaissance gab. Interessant ist die Symbolik der Figuren, die man an den Baum hängt: Schweine und Kühe sind darunter – Dinge, die für den wirtschaftlichen Erfolg der Menschen wichtig waren. Auch Figuren von Adam und Eva hängt man an den Baum, denn Weihnachten ist ja auch ihr Namenstag. Und natürlich kann man den immergrünen Buchsbaum als Hoffnungssymbol deuten.

Gibt es besondere friesische Jahresend-Bräuche?

Ja, zum Beispiel das „Thamsen“, das auf Föhr noch praktiziert wird. Es ist nach dem Thomastag benannt, dem 21. Dezember, der Ersten der zwölf Rauhen Nächte zwischen den Jahren. In der Nacht des 21. Dezember also streifen die jungen Leute durch den Ort streifen und schauen, ob irgendwas draußen herumsteht, das sich dreht oder das ein Rad hat. Diese Dinge wurden auf einem Haufen zusammengeschleppt, damit die Besitzer sie am nächsten Tag abholten. Räder galten dem Volksglauben nach nämlich als Störung des zwischen den Jahren still stehenden Zeitenrades.

ANTJE ARFSTEN, 39, Föhrer Friesin, ist seit 2001 Lektorin für Friesisch am Nordfriesischen Institut in Bredstedt.

Und die Besitzer holen diese Räder brav wieder ab?

Ich denke doch. Ein Problem entstand allerdings, als Mülleimer Räder bekamen. Die wurden natürlich mit eingesammelt.

Die Rauhen Nächte – das sind?

In diesen zwölf Nächten zwischen dem 21. Dezember und dem 6. Januar treiben die Geister ihr Unwesen. Menschen sollten also besser im Haus bleiben, um die Geister nicht zu stören und sich keiner Gefahr auszusetzen. Früher durfte in Nordfriesland übrigens während dieser gesamten Zeit keine Räder draußen herumstehen lassen. Inzwischen konzentriert sich das auf einen Tag.

Was tut der Friese an Silvester?

Er verkleidet sich, läuft von Haus zu Haus und singt Lieder. Kinder bekommen zur Belohnung Süßigkeiten, Erwachsene Kurzgetränke. Die Kinder laufen bei Einbruch der Dunkelheit, nach dem Kaffee, los, die Erwachsenen nach dem Abendbrot. Interessant ist dabei, dass auf den Inseln jede Gruppe ihr eigenes Lied hat. Das dichten die Leute selbst, nach den Weihnachtsfeiertagen setzt man sich da zusammen und macht Texte – zum Beispiel einen Jahresrückblick – auf bekannte Melodien. Manche singen hochdeutsch, andere platt, andere friesisch. Auf dem Festland funktioniert das etwas anders. Da heißt das Rummelpottlaufen, und alle singen dieselben, festgelegten Lieder. Außerdem hat jede Gruppe einen Rummelpott dabei – eine Dose, über die früher eine Schweinsblase gezogen wurde. In deren Mitte kam ein Loch, in das man einen Stab steckte, der auf- und abbewegt wurde. Heraus kam ein brummendes Geräusch, das den Gesang untermalte. Die Lieder bestanden großteils aus Neujahrswünschen.

Wie viele Menschen verstehen sich heute als Friesen?

In Nordfriesland mit seinen 120.000 Einwohnern sind es rund 40.000. Ein Drittel von ihnen spricht Friesisch.

Sind das hauptsächlich die Älteren?

Kann man so nicht sagen. Die über 60-Jährigen stellen zwar die größte Sprechergruppe, aber es gibt auch eine ganze Reihe Kinder, die friesisch aufwachsen.

Wird Friesisch in den Schulen gelehrt?

Inzwischen bieten drei Viertel er nordfriesischen Grundschulen sowie 20 Kindergärten Friesisch an. Auch zwei Gymnasien sowie einige Haupt- beziehungsweise Regionalschulen bieten Friesischkurse an. In Nordfriesland nehmen jährlich ungefähr 1.000 Schüler am Friesischunterricht teil.