„Durchdrehen liegt nahe“

Der Journalist Alexander Gorkow hasst Lou Reed, Taxifahrer und seine eigene Zunft. Über einen Moderator mit Ladehemmung hat er nun seinen ersten Roman geschrieben: „Kalbs Schweigen“

taz: Herr Gorkow, in den letzten Jahren hat die Zahl von Medienromanen ordentlich zugenommen. Nun reihen Sie sich auch ein in diese Riege. Wie originell ist das denn?

Alexander Gorkow: Es ist generell nicht originell, einen Roman zu schreiben. Aber wenn Sie das Bedürfnis haben, zu lachen oder mit einer Frau zu schlafen, fragen Sie sich auch nicht, ob diese Vorhaben originell sind. „Kalbs Schweigen“ ist übrigens kein Medienroman, sondern ein Roman über eine Freundschaft.

Ihre Hauptfigur ist aber der Talkshow-Moderator Joseph Kalb, der plötzlich verstummt und dadurch einen enormen Medienrummel auslöst.

Schon, aber fast jeder Roman ist heute ein Medienroman. Auch bei Kalb sind die Medien nur die übliche Geschwätz-Tapete, vor der wir unser Leben spielen.

Woher rührt Ihre miserable Einschätzung der Medien?

Schätze ich die Medien als miserabel ein? Ich weiß nicht. Sie sind einfach da. So ist das. Es ist vollkommen sinnlos, sich über die Medien zu echauffieren. Keiner wird gezwungen, Zeitung zu lesen oder Fernsehen zu schauen.

Ist es denn zwingend, dass sensible Menschen, die in den Medien arbeiten, irgendwann durchdrehen?

Die Tapete ist nur die Tapete. Man sitzt als Fernsehmensch näher an dieser Tapete, man malt vielleicht auch ein paar Muster drauf, ein paar unbedeutende. Letztlich gestaltet der Fernsehmensch ja nicht, sondern er wird gestaltet. Fragen Sie mal einen Fernsehmenschen, warum er dieses und jenes macht statt was ganz anderes. Er wird Ihnen sagen: Das kriege ich im Moment nicht durch. Durchzudrehen liegt dann mitunter nahe, übrigens nicht nur beim Fernsehen.

Es wimmelt in „Kalbs Schweigen“ von Tauben, die sich vom Dreck ernähren, stark vermehren und Krankheiten verbreiten. Soll man dies als Metapher auf die Medien lesen?

Kann ich Ihnen nicht sagen, wirklich nicht. Aber ich habe inzwischen wütende Briefe von Taubenschützern bekommen. Meine Chancen, von einem Taubenschützer erschossen zu werden, sind deutlich gestiegen.

Ihr Buch wird in Rezensionen als Satire eingestuft. Bringt Sie das nicht auf die Palme?

Nein, obwohl ich es nicht für eine Satire halte. Das Buch lebt eher von der Unter- als von der Übertreibung, es ist eher fatalistisch als hysterisch. Aber nun ist es da, und jeder darf es einstufen, wie er will.

Wer in den Medien arbeitet, hält die Menschen für blöd. Stimmen Sie diesem Satz zu?

Nein. Ich bin umzingelt von Kollegen, die die Menschen nicht für blöd halten. Aber ist Ihnen mal aufgefallen, dass es keinen einzigen Taxifahrer gibt, der die Menschen nicht für blöd hält? Ich möchte einmal einen Taxifahrer treffen, der die Menschen nicht für blöd hält und mir nicht lange Vorträge darüber hält, dass deshalb alles den Bach runtergeht und dass ich darüber mal was in der Zeitung schreiben soll. Neulich habe ich einem gesagt: Wieso soll ich es in die Zeitung schreiben? Sie erzählen es doch vermutlich eh jedem!

Wer über Medien schimpft, hält die Menschen für blöd. Stimmen Sie diesem Satz zu?

Schon eher. Es schimpfen übrigens sehr viele blöde Menschen über die Medien, das nur nebenbei. Es gibt ganze Gremien für solche Menschen. Sie treffen sich in eigens hergerichteten Kontrollanstalten, trinken Kaffee und machen sich dicke, ohne auch nur eine einzige zielführende Idee zu gebären. Die Gestalter sind immer grundsätzlich weniger infam als die Verhinderer.

Sie werden oft für Ihre Interviews gelobt. Welches hat Ihnen persönlich zuletzt am meisten gebracht?

Vermutlich werde ich Sie enttäuschen: Das dollste Ding war das Gespräch mit Phil Collins, dessen Witz auch von mir unterschätzt wurde. Wir haben über Journalisten geredet. Er hat eine ähnlich miserable Meinung über meinen Beruf wie ich, wir haben über Kollegen abgezogen und hatten rasenden Spaß dabei. Er kann gut Journalisten imitieren.

Finden Sie es nicht anbiedernd, mit einem Pop-Millionär über unterbezahlte Kollegen herzuziehen?

Doch, sehr sogar.

Und das war Ihnen egal?

Ja.

Was macht mehr Spaß? Interviews führen oder geben?

Es ist in der Regel entspannender, Interviews zu geben. Sie haben gerade die Verantwortung für das Gespräch, ich könnte Sie furchtbar auflaufen lassen. Der weit überschätzte Lou Reed hat mich mal bei einem Interview, für das ich eigens nach New York gereist bin, behandelt wie ein Stück Scheiße. Ich bin danach vor Scham fünf Stunden bei Regen durch Manhattan gelaufen, weil ich dachte, dass meine Fragen Mist waren. Beim Abhören des Bandes ist mir dann aufgefallen, dass meine Fragen nicht halb so dumm waren wie seine Antworten. So ein Arschloch. Andererseits …

Andererseits?

Andererseits kann es womöglich recht unentspannend sein, die eigenen Antworten in der Zeitung zu lesen. Darf ich das nochmal gegenlesen, bevor Sie es abdrucken? (Durfte er, wollte es dann aber doch nicht, Anm. d. Red.)

Die Situation der Medien ist beschissen. Auch bei der SZ , wo um die von Ihnen verantwortete Wochenendbeilage immer wieder Einstellungsgerüchte kreisen. Leiden Sie deshalb unter Existenzängsten?

Ich leide unter erheblichen Existenzängsten. Aber nicht wegen der Zeitung, sondern weil ich mir ständig Krankheiten einbilde. Die Wochenendbeilage wird übrigens nicht eingestellt.