wiedergelesen: Walter Kempowskis „Tadellöser & Wolff“

Gestochen scharfe Phänomenologie des Bürgertums

In der Serie „Wiedergelesen“ besprechen unsere Autoren norddeutsche Bücher, die vor langer Zeit erschienen, ihnen aber bis heute nicht aus dem Kopf gegangen sind

„Tadellöser & Wolff? Was soll das eigentlich bedeuten?“ Na, gut dem Dinge, weiter nichts. So rede man eben in der Stadt. „Gutmannsdörfer“, das sei auch so ein Schnack. Wenn man was gut finde, dann sage man einfach „Gutmannsdörfer“. Oder „Schlechtmannsdörfer“, oder „Miesnitz & Jenssen“.

Dieser mecklenburgische Jargon war in den Mitte der 1970er Jahre mal so etwas wie Kult. Wir bewarfen uns damit auf dem Schulhof und quittierten die obligatorische vier minus in Latein mit einem lässigen „immerhinque“. Nach der Tagesschau saß man dann im Kreise seiner Lieben vor dem Fernseher, um neues Sprachmaterial zu sammeln. Genauer gesagt sahen wir der Rostocker Reederfamile Kempowski zu, die sich mit Mutterwitz, Chuzpe und Contenance, aber nicht ohne herbe Verluste durch die Nazidiktatur und die ersten Nachkriegsjahre bringt.

Eberhard Fechners schwarzweißer Vierteiler hatte Walter Kempowski (1929 – 2007), den Autor des gleichnamigen und zum Großteil autobiografischen Romans, über Nacht zum „Volksschriftsteller“ gemacht. Reporter besuchten den feingliedrigen, kleinen Mann mit dem blonden Schnurrbart im Örtchen Nartum, einem ländlichen Idyll nahe der Autobahn Bremen-Hamburg. Sie guckten ihm beim Sortieren überbordender Zettelkästen über die Schulter, belächelten seine listig verschrobenen Bemerkungen, stippten den von der Gattin aufgetragenen Streuselkuchen in den Kaffee und vergaßen nie, die Zwergenschule zu visitieren, wo der Pädagoge Kempowski tagsüber seinem Brotberuf nachging.

Aha, ein sympathischer Kauz und Spitzwegerich, dachten wir und hatten Kempowski über die nächsten Folgen von „Immer wenn er Pillen nahm“, das aktuelle Weather-Report-Album oder den neuen Henscheid alsbald vergessen. Zumal die Edelfedern des Feuilletons Kempowski mit Vokabeln bewarfen, die dem frisch erworbenen Ruhm (wie dem Abverkauf) nicht gerade förderlich waren. „Idylle des Inneren“, „Heimatdichtung“ oder „Arno-Schmidt-Epigone“ hießen die nur unfreundlichen, „geschwätzig“, „subaltern“, und „Verharmloser des Faschismus“ die wirklich bösen Nachrufe.

Dann kriegte ich eines Tages „Tadellöser & Wolff“, den vierten Teil der von Kempowski auf neun Bände projektierten „Deutschen Chronik“, doch mal in die Finger, las das Buch in zwei Nächten durch und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus – über dieses Prosa-Wunderwerk und die Doofheit mancher Rezensenten.

Was da am Beispiel der konservativen Hanseaten-Clans verhandelt wird, ist eine komplette Phänomenologie des Bürgertums, wahrhaftig und wirklichkeitssatt wie kaum ein zweites Werk der Nachkriegsliteratur, eine Mentalitätsgeschichte des unheiligen deutschen Wesens, zusammengesetzt aus tausenden, gestochen scharfen Miniaturen, die, geschult an der Collagetechnik Don Passos’ und Arno Schmidts, den ganz eigenen Kempowski-Sound ergeben. Es ist ein lakonischer, dennoch bildmächtiger Singsang angelsächsischer Prägung, den der Autor mit präzisen Beobachtungen, Milieu- und Zeitkolorit (Reklamesprüche, Zeitungsmeldungen, Rundfunkmaterial, Schlagertexte) und Fiktionselementen anfüttert, auf szenische Short Cuts herunterdampft und am Ende mit dramaturgischer Meisterschaft collagiert.

Wie prächtig und auf oft sehr komische Art das akribisch gearbeitetes Kunstwerk funktioniert, zeigt dieser Ausschnitt:

„Von Michael seien schlechte Nachrichten eingetroffen. Der liege im Lazarett. Beide Beine ab. Der komme nicht mehr auf. Wenn die Eltern das gewusst hätten, dann hätten sie sich womöglich gar nicht scheiden lassen. Erst abgebrannt, dann geschieden und nun der Sohn tot.

Gott sei Dank wär ja noch eine Tochter da. Aber die habe so schlechte Zähne. Das wär ja auch kein Zustand.“

Eine andere Szenenfolge spielt 1941, der Russlandfeldzug steuert auf Stalingrad zu. Bei Mutter Grete tagt das Kaffeekränzchen.

Was mein Klavierspiel mache? wollte Frau Professor Angermann wissen, „wir wollten doch immer noch mal zusammen musizieren?“ Ich hätte grade so ein schönes Lied geübt bei Frau Schnabel, sagte meine Mutter, von Tschaikowski. „Chants sans parole“.

Und dann „Eugen Onegin“ von Tschaikowski . Das würde ja überhaupt ganz anders ausgesprochen: Jewgin Anjegin. Das hätten sie früher immer gehört, so gerne, so gerne. Im alten Theater. Ach die herrlichen Konzerte. Musik sei ja so schön; oh, wie sei die schön. Und so international, die gehe über alle Grenzen.

„… daß sich die Menschen nicht vertragen können: Ich versteh’ das nicht…“

Ihrem Sohn, dem stehe der Sinn auch nicht nach Musik, sagte Frau Amtsgerichtsrat Warkentin und setzte sich zurecht. Neulich sei er von Russland zurückgeflogen worden. („Ach… auf Urlaub? schön!“ ) „Mutter“, habe er gesagt, „du mußt mir Zeit lassen, viel Zeit.“ „Junge“, habe sie gesagt, „geh doch mal durch den Rosengarten, damit du auf andere Gedanken kommst…“ Aber nein, immer zu Hause gesessen.

„In der Küche steht noch eine halbe Melone, mein Jung’, die nimm dir man, die darfst du essen…“

Laßwitz, Kurd: „Auf zwei Planeten“

Welch geniale Schlusspointe. Besser als mit dem Titel des deutschen Science-Fiction-Klassikers lässt sich das gemütvolle Bestiarium bürgerlicher Befindlichkeiten kaum beschreiben.

MICHAEL QUASTHOFF

Walter Kempowski: Tadellöser & Wolff. Roman. btb bei Goldmann, München 1996. 478 S., 16,90 Euro