Lebensgeschichten für den Hausgebrauch

Eine Bonner Historikerin hat sich selbstständig gemacht und schreibt auf Anfrage Biografien oder editiert Briefe

Köln | taz ■ | Barbara Hillen hört aufmerksam zu. Ab und zu hakt sie nach, macht sich Notizen. Das Aufnahmegerät läuft – jeder Hinweis der Kundin ist wichtig. Die Mitschnitte bilden das Rohmaterial für das Manuskript, das ein Leben enthält. „Das erste steht jetzt kurz vor der Abgabe“, freut sich die 29-jährige Bonnerin.

Barbara Hillen schreibt Biografien für den Hausgebrauch, für den ganz normalen Durchschnittsmenschen. Nach sechs Monaten recherchieren, Daten sammeln, in den geschichtlichen Kontext einbetten, formulieren und redigieren ist die Lebensgeschichte druckreif. Seit Januar ist die promovierte Historikerin mit ihrer Agentur für Biografien auf dem Markt. Die Nachfrage zeige, dass es „funktioniert“, sagt sie. Von Promis, „Musikproduzenten“ und „Möchtegernsängern“ indes will Barbara Hillen trotz Biografiebooms nichts wissen. „Normale, ältere Leute reizen mich, die haben viel mehr erlebt“, sagt sie. „Ein Unternehmer, so ein Macher der Sechzigerjahre, oder ein großer Politiker – das wäre mein Traum.“

Jeder Kunde hat andere Gründe, seine Lebensgeschichte zu dokumentieren. Ein Interessent etwa möchte die Feldbriefe des im Alter von 24 Jahren gefallen Lieblingsonkels seiner Mutter editieren lassen. Er wäre es ihm schuldig, habe der Mann gesagt. Eine ältere Frau habe als Beweggrund angeben, ihre Tochter und die Enkel sollten nach ihrem Ableben in die Wohnung kommen und – als Überraschung – Omas Biografie vorfinden.

„Alltagsgeschichte stand für mich schon immer im Vordergrund“, erzählt die Historikerin, die im Sommer mit einer Arbeit über das Leben des Sparkassenreformers Eberle promovierte. Neben ihren Auftraggebern gehört die eigene Familie zu den liebsten Kunden. Für ihre Mutter ist eine Briefedition mit den alten Liebesbriefen ihrer Urgroßmutter in Arbeit.

Die Geschäftsidee kam Barbara Hillen unmittelbar nach Abschluss ihrer Promotion. Sie wälzte Stellenanzeigen, verschickte Bewerbungen – ohne Erfolg. Da dachte sie sich: „Ich mache einfach das, was ich kann: Ich schreibe Erinnerungsbücher.“ Ihrem Geschäftsplan zu Folge soll sie bereits im zweiten Jahr Mitarbeiter haben. „Aber das ist fiktiv. Geschäftspläne sind geduldig“, sagt die junge Frau. „Nach drei Jahren möchte ich aber davon leben können“, gibt sie sich ehrgeizig.

Hillen hat sich auf die Schwerpunkte Biografie und Briefedition spezialisiert. So kann der Kunde wählen, ob er seine Lebensgeschichte lieber als Autobiografie lesen oder einen Erzähler „sprechen“ lassen möchte. Besonders wichtig sei, so die Biografin, die Sprache: Wenn eine Frau aus einfachen, dörflichen Verhältnissen komme, sei eine trockene, wissenschaftliche Sprache nicht passend.„Das wirkt nicht authentisch.“ Briefeditionen seien weniger aufwendig. Den Inhalt der Briefe könne sie oft wörtlich übernehmen. Die Individualität hat aber ihren Preis: Zwischen 5.000 und 10.000 Euro, je nach Aufwand und Seitenzahl, kostet bei Barbara Hillen die ganz persönliche Lebensgeschichte – Druckkosten extra.