HOOC-CH2-CH2-CH2OH

Hinter der sperrigen Formel verbirgt sich ein altes Medikament, das auf die schiefe Bahn geraten ist: Als „Vergewaltigungsdroge“ macht es gerade Karriere – in den Medien

„Vergewaltigungsdroge“. Das ist ein Schlagwort, in dem alles mitschwingt, wonach der Boulevard hungert: Sucht, Kriminalität, Sex, Gewalt, dunkle Straßen und illegale Clubs. Das ZDF-Magazin „Frontal21“ wusste im Herbst Erschütterndes über eine Sabine aus Freiburg zu berichten, die Opfer der „Vergewaltigungsdroge“ wurde. Auch ARD, Sat.1 und Spiegel Online wurden auf das GHB-Opfer Sabine aufmerksam. In französischen Clubs sei es bereits so schlimm, dass Drinks nur noch mit Plastikdeckeln ausgegeben werden. Damit niemand etwas hineinschütten kann. Man erfuhr viel Beunruhigendes. Aber nicht, was sich hinter der „Vergewaltigungsdroge“ verbirgt: Gamma-Hydroxy-Buttersäure. Oder: HOOC-CH2-CH2-CH2OH.

Aktenkundig ist der Fall eines 20-jährigen Mädchens in Paris. In der Innenstadt war sie mit Freunden feiern, tanzen und trinken. Nach dem Filmriss erwachte sie in einem schäbigen Pariser Außenbezirk. Ihr war schlecht, sie konnte sich an nichts erinnern. Nicht daran, wie ihr jemand etwas in den Drink gekippt hat. Nicht daran, dass sie ein Taxi genommen hat und nach Hause wollte. Nicht daran, dass sie vergewaltigt wurde. Polizei und Ärzte aber waren sich sicher: Es war GHB.

Nur wenige Kilometer von dem Ort, an dem die junge Französin wieder zu Bewusstsein kam, liegt das Labor, in dem das Betäubungsmittel etwas mehr als 40 Jahre zuvor seinen Weg in die Welt gefunden hat.

Henry Laborit, ein integrer Arzt und Chemiker, suchte damals nach einem Narkosemittel, das Patienten die Angst vor der Operation nehmen und sie betäuben sollte. Was er fand, war ein simpel strukturiertes und daher einfach zu synthetisierendes Molekül, das in jeder menschlichen Körperzelle vorkommt und seine Ansprüche erfüllte: Gamma-Hydroxy-Buttersäure. Ein Narkotikum, das schnell und stark wirkte, den Patienten aber keinen Schaden zufügte.

Ein Alleskönner. Und so erfolgreich, dass es in Deutschland unter dem Handelsnamen „Somsanit“ bald seinen Weg in die Krankenhäuser fand.

Die Möglichkeiten der Anwendung schienen zunächst schier grenzenlos. Somsanit wurde, je nach Dosis, als Antidepressivum und Angstlöser in der Psychiatrie, als betäubendes Anästhetikum in der Chirurgie, als Hilfsmittel bei Schlafstörungen, zur Unterstützung beim Drogenentzug und wegen seiner indirekt muskelentspannenden Wirkung auch bei Geburten eingesetzt.

Doch die Vielseitigkeit des Medikaments erwies sich rasch als Nachteil: Das Narkotikum hatte in der medizinischen Anwendung zu viele Wechselwirkungen mit anderen Mitteln, die passende Dosis für den jeweiligen Patienten war nur schwer abschätzbar. In Deutschland wurde es bald ganz aus dem Verkehr gezogen, in Österreich noch vereinzelt zur Alkoholtherapie genutzt. In der medizinischen Praxis wurde Gamma-Hydroxy-Buttersäure nach und nach durch wirkungsvollere Präparate ersetzt. GHB geriet in Vergessenheit.

Das änderte sich, als Hochleistungssportler und Bodybuilder eine spezielle Nebenwirkung für sich entdeckten: Das Molekül kann wie ein Anabolikum eingesetzt werden, da es den Muskel- und Zellaufbau sowie die Produktion von Wachstumshormonen stimuliert – und so die Leistungsfähigkeit des Körpers begünstigt; auch der 100-Meter-Sprinter und Dopingsünder Ben Johnson soll es benutzt haben. Medizinisch nachgewiesen wurde dies allerdings nie. In den USA ging GHB noch jahrelang völlig legal in Drugs Stores über die Theke.

Ende der Achtzigerjahre hatten Acid und House einen weiteren Absatzmarkt für chemische Drogen geschaffen: das Nachtleben. Der steigende Gebrauch bzw. Missbrauch von GHB als Droge führte schließlich dazu, dass die Substanz und der Handel mit ihr von der US-amerikanischen Betäubungsmittelbehörde FDA verboten wurden.

Mit dem Siegeszug von Techno und House, der sich nebenbei zu einer Erfolgsgeschichte der käuflichen, chemischen Glückseligkeit entwickelte, wurde auch Gamma-Hydroxy-Buttersäure zu einer festen Größe in den entsprechenden Kreisen.

„Leicht und glücklich, hemmungslos und offen“ fühlen sich diejenigen, die sich GHB in ihre Drinks kippen oder daran nippen. Die Droge wirkt außerdem als Aphrodisiakum. Im Internet raten Drogen-User auf entsprechenden Homepages: „Sex auf GHB kann sehr geil sein, das Suchen und Herbeischaffen von Kondomen und Gleitcreme jedoch äußerst anstrengend – also: vorher bereitstellen.“

Dabei scheint die Wirkung schon nach kurzer Zeit wieder zu verfliegen. Was dazu führt, dass bei zu häufiger Benutzung der Droge „nachgelegt“ wird, damit das Glücksgefühl nicht verloren geht. Und das ist gefährlich.

Obwohl es biochemisch betrachtet nicht mit Ecstasy verwandt ist, sorgte GHB für immer neue Schlagzeilen und Horrormeldungen – diesmal als „Liquid Ecstasy“. Bis dahin war das Interesse der Drogenszene an GHB verhalten gewesen.

Das änderte sich erst, nachdem die Welt am Sonntag 1998 eine Popularisierung von Liquid Ecstasy prognostiziert und der damalige Bundesdrogenbeauftragte Eduard Lintner (CSU) medienwirksam zur Love Parade über die „neue Droge“ GHB berichtet hatte. Der Effekt: Die Nachfrage nach der einfach zu erstellenden Droge stieg, die prophezeiten Horrorszenarien hingegen blieben aus. Als GHB vier Jahre später, am 1. März 2002, endgültig als Droge eingestuft und verboten wurde, hatte sich das mediale Interesse an dem „mysteriösen“ Betäubungsmittel längst wieder verloren.

Bis heute. Denn die Gamma-Hydroxy-Buttersäure feiert gerade ein zumindest mediales Comeback als „Vergewaltigungsdroge“. Sicher ist das bislang nicht wirklich. Simone Thomas von der Freiburger Beratungsstelle „Frauenhorizonte“ schätzt, „dass die Dunkelziffer dabei sehr hoch ist. Das Thema ist sehr schambesetzt, weil sich viele der Frauen selbst für schuldig halten. Aber auch, weil sich die Frauen an nichts erinnern könnten und zur Polizei gehen müssten, ohne Angaben machen zu können.“

Die Vergewaltiger machen sich dabei offensichtlich sowohl die Farb- und Geruchlosigkeit als auch die sexuell stimulierende Wirkung, vor allem aber die Betäubung durch den Wirkstoff zunutze und ihre Opfer durch Überdosierung damit bewusst- und erinnerungslos. Weil der Körper GHB vollständig abbaut, ist es für einen Nachweis von GHB oft zu spät, wenn die Opfer sich an Ärzte und Polizei wenden.

„Das Neue ist ja nicht, dass etwas ins Glas geschüttet wird“, sagt Simone Thomas, „die Gefahr gab es durch K.-o.-Tropfen auch früher schon. Das Problem bei GHB ist, dass es zuerst den Kopf, den Willen und die Erinnerung ausschaltet und dann erst den Körper. Man sieht es den Frauen also nicht unbedingt an, dass sie gerade einen Blackout haben. Die Frauen können oft noch sprechen, normal gehen und in ein Auto steigen, ohne dass für Außenstehende ersichtlich wird, was da gerade passiert.“

Wolfgang Weinmann, Doktor der Chemie am rechtsmedizinischen Institut der Uniklinik Freiburg, hält das „eher für ein Märchen“. Wahrscheinlicher sei es, dass Vergewaltiger die GHB-typischen komatösen Zustände ausnutzen, um sexuelle Handlungen an ihren Opfern zu vollziehen.

„Aber auch ohne Vergewaltigung und Koma ist damit nicht zu spaßen“, warnt Wolfgang Weinmann: „Der Besitz von GHB ist ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Und das steht dann im polizeilichen Führungszeugnis.“

Ein punktueller, aber doch merklicher Anstieg des GHB-Missbrauchs wurde im Großraum Freiburg registriert, bedingt durch die Nähe zum GHB-Mutterland Frankreich. Hier wurden vergangenes Jahr über 15 Fälle gemeldet, in denen es zu Vergiftungen mit Gamma-Hydroxy-Buttersäure kam; zuletzt brachen vier Franzosen in einer Landdisko zusammen, die Party endete auf der Intensivstation.

„Viele sind sich nicht im Klaren darüber, wie gefährlich das Zeug ist“, sagt Wolfgang Weinmann weiter, „aber GHB kann gesundheitliche Langzeitschäden verursachen, gerade wenn man dadurch ins Koma fällt. Dann wird das Gehirn möglicherweise nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt – oder man erstickt, weil man Erbrochenes in die Atemröhre bekommt. Das ist dann kein Spaß mehr.“

Noch ist nicht abzusehen, ob die Gefahr in Deutschland unterschätzt oder hochgespielt wird. Auch zeichnet sich noch kein Trend ab, nicht einmal in der deutschen Drogenhauptstadt: „Hier ist GHB noch kein Thema“, sagt Rüdiger Engler, Dezernatsleiter der Abteilung Rauschgift beim Landeskriminalamt Berlin: „Es gab bisher nur einen Fall, in dem GHB zusammen mit Alkohol zum Tode geführt hat. Wir hatten 2003 lediglich vier Fälle, in denen GHB als Droge konsumiert wurde. Und es gab einen Fall, in dem bei einer Vergewaltigung GHB im Spiel war.“

Auch in Freiburg gab es bislang offenbar nur ein einziges Opfer: Sabine.