bücher aus den charts

Sting und Pompeji

Schaut man sich die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste an, glaubt man gern einmal an das Gute in der Bücherwelt. Trotz Skandalen und ohne Hilfe von Elke Heidenreich haben es zwei Bücher in die Charts geschafft, die geradezu fremd wirken zwischen den Bestsellerprofis von Rowling bis Coelho: Christoph Hein mit „Landnahme“ auf Platz 13 und der junge Engländer Adam Thirlwell mit seinem Debüt „Strategie“ auf Platz 15. Vielleicht liegt es daran, dass beide Bücher innerhalb kürzester Zeit flächendeckend rezensiert wurden, vielleicht auch an ihren Themenschwerpunkten: Deutschland bei Hein, Sex bei Thirlwell, und das ganz ohne Schocker und grelle Überblendungen.

Die gibt es auch nicht bei Sting, der mit seiner Autobiografie „Broken Music“ einen Stammplatz in den Sachbuch-Charts hat: Platz 18 diese Woche. Kein Wunder, ist Sting zwar aus Alters- und Hipnessgründen kaum noch MTV-kompatibel, aber doch ein Großpopstar mit Fans auf der ganzen Welt. Lobenswert ist, dass Sting ein ehrliches, authentisches Buch geschrieben hat und auf Pop und Glamour, auf Promitum und Tratsch völlig verzichtet. Nicht Sting als berühmter Musiker Sting steht im Mittelpunkt, sondern Sting der junge Mann, der es als Musiker schaffen will; der lange in Newcastle ein ziemlich typisches, kleines englisches Leben führt und dann auch in London viel Zeit braucht, um sich durchzusetzen (The Police werden übrigens das erste Mal auf Seite 261 erwähnt).

Eine Erziehung der Gefühle auf niedrigem bis soliden Niveau, eine Autobiografie mit therapeutischem Charakter: Sting streicht die Eheprobleme seiner Eltern als enorm prägend für sich heraus – „Broken Music“ bezieht sich auf einen Ausspruch seiner Großmutter, die damit Stings verzweifeltes und kakophonisches Spiel auf ihrem Klavier bezeichnete, nachdem er seine Mutter dabei ertappt hatte, wie sie fremdging. Sting erzählt unaufdringlich, ansatzweise nachdenklich und selbstkritisch, etwa wenn er sich als „Sklave einer fixen Idee“ bezeichet.

Allzu oft ist er aber ermüdend detailreich und berichtet ausführlichst von den vielen vergeblichen Versuchen seiner früheren Bands wie Phoenix Jazzmen oder Last Exit, bekannt und berühmt zu werden. So mag er gerade seinen elften Grammy bekommen haben für seine „humanitären Dienste“ und eine irgendwie wichtige Person dieser Zeit sein – so viel zu sagen hat er nicht, als dass „Broken Music“ auch Leute interessieren könnte, die mit seiner Musik nichts anfangen können.

Da liest man doch lieber den seit vier Wochen an der Spitze der Charts stehenden historischen Thriller „Pompeji“ von Robert Harris. An dessen Ende steht der Ausbruch des Vesuvs und der Untergang Pompejis 79 nach Christi Geburt. Harris entwickelt seine Geschichte als tollen, spannenden zweitägigen Countdown und mischt historische Fakten, Figuren sowie zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse der Vulkanologie und des Wasserbauwesens mit den Erlebnissen des fiktiven Wasserbaumeisters Attilius. Dieser wird kurz vor Ausbruch des Vulkans von Rom an den Golf von Neapel versetzt und befasst sich hier mit dem Versiegen der Aqua Augusta, jenem beeindruckend effizienten und neun Städte versorgenden Wassersystem des Kaisers Augustus.

Glaubwürdig und mit viel Hingabe pinselt Harris die Stadt- und Landschaftskulissen aus und zoomt die damalige Zeit nah an den Leser heran, um obendrein geschickt Ingredienzen wie Liebe, Korruption, Verrat und Gut versus Böse einzustreuen. Ein Roman zum Verschlingen, an dessen Ende im Angesicht der Katastrophe tatsächlich alles rein gar nichts mehr bedeutet. Selbst die Geschichte eines Liebespärchens, das auf ungewöhnliche Weise überlebt hatte, „wurde allgemein als weit hergeholt betrachtet und von allen vernünftigen Leuten als Aberglaube abgetan“.