Nur ein Hauch von Verlust

Fliegende Schatten, zerbrochenes Glas: Seit fast zwanzig Jahren beschäftigt sich Salah Saouli mit der Gegenwart des Krieges. Seine Ausstellungen in Beirut und Berlin sind dabei auch der Lesbarkeit der Städte und ihrer Geschichte gewidmet. Ein Porträt

Die Bilder des Krieges, sie stehen unter Verdacht. Noch in keinem Krieg zuvor haben die Medien so sehr ihrem eigenem Material misstraut wie jetzt. Für Salah Saouli, der 13 Jahre alt war, als 1975 in seiner Heimatstadt Beirut der Bürgerkrieg im Libanon begann, ist dieses Misstrauen in der Darstellbarkeit von Wirklichkeit, oder Wahrheit gar, so alt wie sein Denken in Bildern. Die Signaturen des Krieges beschäftigen ihn seit Jahren.

Der Wind hat seinen Fahnen zugesetzt, die er an den Masten vor dem Haus der Kulturen der Welt zur Ausstellung „DisORIENTation“ aufgehängt hatte. Jetzt mussten sie im Inneren der Ausstellungshalle in Sicherheit gebracht werden. Saouli seufzt über den Rückzug aus dem Stadtraum. Draußen sollten seine Fahnen mit dem symbolischen Programm von Hoheitszeichen und Denkmälern, das im Tiergarten-Viertel zwischen Regierungsbauten und diplomatischen Vertretungen besonders stark besetzt ist, in Kontakt treten. Goldfarbene Zitate der Siegessäule in Berlin und eines Märtyrermonuments aus Beirut stehen auf den farbigen Flächen. Hier wie dort leistet die Ikonographie der Denkmäler der Verklärung des Krieges Vorschub.

Seit sieben Jahren, erzählt Salah Saouli, wartet das Märtyrermonument aus Beirut im Hof einer Kunsthochschule auf seine Restaurierung. Das Denkmal mit dem geliehenen Pathos der römischen Antike wurde während des Bürgerkrieges von verfeindeten Gruppen als Orientierungspunkt im umgekämpften Gebiet genutzt und schließlich beschädigt. Sein Verschwinden aus der Stadt ist für Salah Saouli zu einem Symbol der Tabuisierung des Krieges geworden. „In Beirut haben viele die Nase voll vom Krieg und wollen in Ruhe leben“, schildert er die Stimmung. „Sie scheuen sich, nach den Ursachen zu fragen und fliehen vor dem Thema. Es passt nicht in ein neues Image vom Libanon als der Schweiz des Ostens.“

Im Abwesenden aufzuspüren, woran die Gegenwart leidet: das ist das Thema der Führung „Die Kunst des Erinnerns“, die Salah Saouli heute durch die Ausstellung „DisORIENTation“ anbietet. Eine solche Markierung von Fehlstellen hat der Künstler auch in vielen der Projekte verfolgt, die in den letzten Jahren in Berlin und Beirut entstanden.

Vor zwanzig Jahren, 1983, kam er zur Fortsetzung seines Kunststudiums nach Berlin. „Damals war das Bewusstsein in Beirut noch ein ganz anderes“, erinnert er sich. Zum Beispiel die Wachheit gegenüber der Zensur. Heute dagegen verdecke die Arbeit am Wiederaufbau der Stadt als Zentrum eines teuren Edel-Tourismus das Gespür für die blinden Flecken. In seinen Arbeiten „Crossword“ und „Bestseller“ verwies er auf das Fehlende, das Nichtgesagte und Nichtgelesene. „Crossword“, im Goethe-Institut von Beirut gezeigt, bestand fast nur aus einem Hauch, zum Skelett ausgedünnten Zeitungsseiten. Ende der Sechzigerjahre, erinnert sich Saouli, waren einzelne Artikel in den Zeitungen grau abgedeckt und mit einem Stempel „Zensur“ versehen. Das war ein fühlbarer Schnitt. Heute ist die Kontrolle perfekter und unauffälliger geworden, und darum gibt ihr Saouli das Bild des verlorenen Textes zurück.

In Hamra, einem früheren Viertel der Intellektuellen in Beirut, stellte er in einem geschlossenen Kino die Bücherarbeit „Bestseller“ vor. Bücher waren zu Säulen verleimt, die das Dach des Eingangs trugen, sie lagerten als unlesbare Blöcke auf Tischen oder hielten den Leser mit spitzen Glasscherben von den geöffneten Seiten fern. Die Angst vor dem Text wurde in diesen Inszenierungen ebenso spürbar wie das Nichtgelesene als Gewicht.

In vielen Ausstellungsprojekten hat er sich mit den Gesichtern von Vermissten beschäftigt, die beschädigten Fassaden von Häusern gemalt, den Grundriss einer Stadt, in der die Straßen täglich vom Zustand zwischen benutzbar und geschlossen wechselten, ins Bild gesetzt. Doch so schwer sein Material, die Geschichte, auch wiegt, Saouli sucht nach einer leichten Form. Bilder und Texte auf Folien, die labyrinthisch im Raum hängen, Silhouetten und Schatten: Die Trägermaterialien bringen eine große Durchlässigkeit ins Spiel, einen Zustand des Schwebens. Einmal liegen Glasscherben auf dem Boden und über ihnen hängen gläserne Bilder, auf denen man erst nach und nach die Formen von Tieffliegern erkennt. Das ist zugleich klirrend und destruktiv, aber auch poetisch und abstrakt formuliert. So tritt die Transparenz in Saoulis Kunst gegen das Undurchsichtige der Verhältnisse an.