„Man kann es auch anders sehen“

Bertram Weisshaar

Interview UWE RADA

taz: Herr Weisshaar, was sind die neuesten Entwicklungen in der Spaziergangsforschung?

Bertram Weisshaar: Die Spaziergangsforschung ist nun auch in Polen angekommen. Sie wandert also ostwärts.

Das heißt, sie kam ursprünglich aus Frankreich, wo auch die Flaneure herstammen?

Falsch. Sie kommt aus Kassel. Dort ist sie an der Gesamthochschule in einem Seminar am Fachbereich Landschaftsplanung entstanden. Ihr Erfinder war Professor Lucius Burchardt, der auch die ersten Gehversuche der Wissenschaft im Naturschutzgebiet Dönche begleitete. Von dort hat sie es nun in mehrere europäische Länder geschafft.

Es muss eine Wissenschaft im Verborgenen sein. Oder warum hört man so wenig von ihr?

Im Vergleich zur Philosophie ist die Spaziergangswissenschaft noch eine sehr junge Wissenschaft. Der Spaziergang als solcher ist allerdings eine sehr alte Kultur. Da der Spaziergang nicht nur unser Forschungsgegenstand ist, sondern gleichzeitig das Instrument unseres Forschens, können wir also schon auf eine lange Tradition zurückgreifen.

Das heißt, jedes Wochenende sind hierzulande tausende von Spaziergangsforschern unterwegs.

Ja, oder so ähnlich. Im Kern geht es der Spaziergangsforschung immer um die Wahrnehmung. Wie sieht man eine Landschaft, wie nimmt man Stadt wahr? Was den Forscher aber vom normalen Spaziergänger unterscheidet, ist das besondere Interesse an der Frage, wie die Landschaftsbilder entstehen.

Wie entstehen sie?

Landschaft gibt es nicht an sich, sondern stellt sich erst in unserer Wahrnehmung her. Beim herkömmlichen Spaziergang betrachtet man in der Regel eine Szene nach der andern. Dabei ist die Aufmerksamkeit nicht immer gleichmäßig. Es gibt Szenen, die wecken unsere Aufmerksamkeit in besonderem Maße. Dann wieder lässt sie nach. Wenn der Weg eben wird und die Landschaft langweilig, sucht man das Gespräch mit dem Nachbarn, bis wieder was Neues kommt. Die Landschaft, die man durchschritten hat, setzt sich erst in der Erinnerung, also nach einem Spaziergang, zu einem abstrahierten Gesamteindruck zusammen. Welche Szenen nun stärker sind und welche nicht, wie also die Wahrnehmung während eines Spaziergangs funktioniert, ist das zentrale Forschungs- und auch Experimentierfeld der Spaziergangswissenschaft.

Sie haben in Berlin bei den temporären Gärten mitgemacht, haben in Dessau fünf Jahre lang Führungen durch die Braunkohletagebaue angeboten und arbeiten nun im Leipziger Osten. Welchen anderen Blick auf diesen Stadtteil bieten Sie uns an?

Der Leipziger Osten ist eines jener Quartiere, in denen sich Themen wie Leerstand, Abriss, Schrumpfung und negatives Image konzentrieren. Man kann das aber auch anders sehen.

Wie?

Nehmen Sie die Scherlstraße, in der wir gerade sind. Sie gehört zum grafischen Viertel, das einst bedeutende Symbol der Buchmacherstadt Leipzig. Heute stehen viele Gründerzeithäuser leer. Da gibt es einige Ruinen, die haben keine Fenster mehr. Wenn man an den Aufschwung glauben würde, könnte man sie stehen lassen, in der Hoffnung, irgendwer wird sie schon mal renovieren. Diese Hoffnung ist aber der Einsicht gewichen, hier gibt es zu viel Stadt für zu wenig Städter. Es wird sogar der Abriss von Ruinen gefördert, um die Parzellen hinterher zu begrünen. Es entstehen so zunehmend neue Grünflächen, Gärten, manche begrünt, manche sind wild.

So wie der hier.

Diese schöne ältere Brache ist mit einem Bauzaun gesichert, an dem ich ein Zahlenschloss angebracht habe. Wer diesen Garten betreten möchte, so informiert ein Schild, kann eine angegebene Telefonnummer wählen. So erfährt der Spaziergänger den aktuellen Zahlencode und kann das mit wildem Efeu bewachsene Grundstück besichtigen. Hinten stehen auch Topfpflanzen, ein paar Stühle und ein Gartentisch, und schon hat man einen anderen Blick als von draußen, auf der Straße. Jetzt erkennt der Spaziergänger dieses Grundstück nicht mehr nur als Brache, sondern er „liest“ diesen Ort als heimlichen Garten.

Ist dieses „Lesen“, der neue Text der Stadt, der heimliche Lehrplan eines Spaziergangsforschers?

„Das Thema in Berlin wäre Transit. Und die unterschiedlichen Geschwindigkeiten“

Ja. Gegenwärtig sind die einzelnen Parzellen sowohl räumlich als auch gedanklich isoliert. Daher sehen wir immer noch nur die einzelne Brache, das einzelne Grundstück. Dabei stehen wir fast schon in einer zusammenhängenden, in die Stadt eindiffundierenden Landschaft. Wir sehen sie nur noch nicht. Wenn wir aber die vereinzelten Brachen zu einem Gesamtbild vernetzten, dann wird für uns diese Landschaft in der Stadt sichtbar.

Sie selbst bieten Spazigergänge an, haben mittlerweile zwei Touren für den Leipziger Osten und einen für Frankfurt (Oder)-Słubice und für Berlin entwickelt. Was unterscheidet den Spaziergangsforscher Weisshaar da von anderen Anbietern, etwa von Stattreisen?

Bei Stadtrundgängen ist man in der Regel auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten. Dazu bedient man sich eines Fremdenführers, eines gedruckten oder eines persönlichen. Die Strecke folgt den anerkannten Sehenswürdigkeiten. Die Spaziergangswissenschaft dagegen widmet sich nicht nur Sehenswürdigkeiten, sondern Würdigkeiten insgesamt. In Frankfurt (Oder), heißt es in einer offiziellen Broschüre, gibt es neun Sehenswürdigkeiten. Das kann doch nicht sein.

Sie glauben, es sind weniger?

Mehr! In einer Stadt, wo 70.000 Menschen leben, muss es doch mehr Besonderheiten geben. Da sind wir dann bei der Frage, was eigentlich diese Würdigkeiten sind. Ist alles, was keine Sehenswürdigkeit ist, des Sehens nicht würdig? Unser promenadologischer Spaziergang hinterfragt diese Wertsetzung.

Auch das ist nichts Neues. Denken Sie an die thematischen Spaziergänge.

Die Intention ist eine andere. Hier im Leipziger Osten zum Beispiel geht es sehr stark um die Thematik Schrumpfung. Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind ganz andere als bei einem Themenspaziergang. Was entsteht stattdessen? Wie zum Beispiel diffundiert die Landschaft in die Stadt und ihre Brachen hinein? Wie kann man das, was hier an neuer Stadtlandschaft entsteht, neu sehen, sichtbar machen und auch als etwas Neues begreifen. Das ist uns bei den Braunkohletagebauen schon gelungen. Da war die Wahrnehmung zunächst die, dass die Kohlegruben geradezu als Sinnbild für zerstörte Landschaft standen. Erst im Laufe der Spaziergänge hat man diese Landschaft dann als etwas ganz Neues, auch mit einer neuen Ästhetik wahrgenommen.

Gibt es für eine solche Ästhetik überhaupt eine Nachfrage?

In der Braunkohlelandschaft habe ich weit über 100 Führungen gemacht. Auch bei der IBA Fürst-Pückler-Land gibt es mittlerweile solche Spaziergänge. Das Interesse wächst, auch in der Stadt- und Regionalplanung. Sie müssen sich mal vorstellen, dass der Bund der Landschaftsarchitekten noch vor zehn Jahren zu den Tagebaugebieten gesagt hat: „Die Wüste wächst, wir begrünen sie.“ Heute ist das Bild von Landschaft weit differenzierter. Das gilt auch für die Planung. In Holland zum Beispiel gibt es schon den Begriff der kulturellen Planung, die in die Planungsprozesse mit einfließen soll. Warum also soll man nicht auch hierzulande für bestimmte Bauvorhaben neben einem Architekten, Landschafts- oder Verkehrsplaner einen Spaziergangsforscher mit einbeziehen?

Herr Weisshaar, wie sind Sie Spaziergangsforscher geworden?

Ich habe das studiert.

In Kassel.

In Kassel.

Ihr Abschluss weist Sie aber als Landschaftsplaner aus.

Das ist richtig, einen Uniabschluss in Promenadologie gibt es noch nicht. Aber einzelne Seminare schon. An der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur zum Beispiel biete ich derzeit ein Projektseminar an. Da geht es darum, die Endhaltestellen der Leipziger Straßenbahn zu erforschen und zu zeigen, dass da noch lange kein Ende ist, sondern etwas Neues beginnt. Der Spaziergang in Frankfurt (Oder), der zeitgleich mit dem Europagarten im Mai beginnt, wird zusammen mit einer Seminargruppe des Fachbereichs Kulturwissenschaften an der Viadrina erarbeitet.

Jetzt lenken Sie ab. Die Spaziergangsforscher, das entnehme ich Ihrer Rede, ist kein geschützter Beruf. Haben Sie denn keine Konkurrenz?

Es gibt noch ein paar Leute, die was Ähnliches machen, aber die nennen sich nicht so.

Als freiberuflicher Spaziergangsforscher lässt es sich also ganz gut leben.

Ich kann nicht klagen. Ich bin das ganze Jahr über beschäftigt.

Nur nicht in Berlin.

„Landschaft gibt es nicht an sich, sondern stellt sich erst in unserer Wahrnehmung her“

Auch für Berlin habe ich schon einen Spaziergang entworfen. Der ist nur noch nicht realisiert.

Wie sieht dieser Spaziergang aus?

Er beginnt am S-Bahnhof Westkreuz. Von dort geht man zu Fuß über einen stillgelegten Autobahnzubringer und landet dann in einem Parkhaus am ICC. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf die Stadt. Dann geht man die Wendeltreppen des Parkhauses herunter, fühlt sich da vielleicht wie in einem Bergwerk und kommt auf die Nordkurve der Avus. Dort kann man sich an der Tankstelle ein Grillwürstchen holen oder sich im Restaurant dem Mythos Avus hingeben. Anschließend bestellt man ein Taxi und übergibt dem Taxifahrer einen verschlossenen Umschlag, damit er weiß, wo er hinfahren muss, man selbst aber nicht. Der Taxifahrer fährt auf die Stadtautobahn bis zur Abfahrt Schöneberg. Dort fährt er zweimal im Kreis über das Autobahnkleeblatt. Auf einer blinden Ausfahrt lässt der Taxifahrer den Spaziergänger dann aussteigen. Das ist einer dieser Zubringer der einstigen Autobahnplanungen, die schon vor dem Fall der Mauer das wiedervereinigte Berlin vorwegnehmen wollten. Diese Rampe ist mit Sträuchern und Gras bewachsen. Direkt nebenan gibt es eine Tankstelle, da kann man alles kaufen, was man für ein Picknick braucht. Mit diesem Picknick würden wir den Spaziergang auch abschließen.

Das Berliner Thema wäre also nicht Schrumpfung.

Das Thema wäre Transit. Und die unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die des Autofahrers und seines Mythos, der Avus, und die des Spaziergängers, der sich die Ruinen dieses Mythos erobert.