Ausbeutung ist kein akzeptabler Preis

Laut einer neuen Oxfam-Studie sind Frauen das schwächste Glied in der globalen Lieferkette großer Konzerne

BERLIN | taz ■ | Für Chinas Näherinnen gehören bis zu 150 Überstunden im Monat zum Pflichtprogramm. Sie werden nicht extra bezahlt. Eine soziale Absicherung gibt es nicht. Drei von fünf Frauen haben erst gar keinen Vertrag, und eine betriebliche Organisation etwa in Form einer Interessenvertretung wird nicht zugelassen. Wer sich beschwert, muss gehen. Handelsunternehmen wie die Einzelhandelskette Wal-Mart, die weltweit 65.000 Zulieferer hat und ihre Ware unter anderem aus China bezieht, können deswegen in den USA und hierzulande mit Dauerbilligpreisen werben.

Wer sich über die Arbeitsbedingungen der Frauen in Drittweltländern empört, sollte auch nach den Ursachen fragen, meint Oxfam. Die internationale Flüchtlingshilfeorganisation legte gestern in Berlin einen Bericht zu „Frauenarbeit in globalen Lieferketten“ vor.

Demzufolge beruhen die hohen Unternehmensgewinne der Konzerne im Textil- und Lebensmittelbereich zu einem großen Teil auf der Ausbeutung der Arbeiterinnen. So seien die Einkaufspreise der spanischen Kaufhauskette El Corte Inglés, die ihre Textilien und ihr Obst vor allem aus Marokko bezieht, in den vergangenen Jahren um 30 Prozent gesunken. Das bewirke einen enormen Kostendruck auf die Produzenten.

„Die reale Macht liegt bei den Einkaufsteams der internationalen Handelsketten“, sagte Oxfam-Deutschland-Sprecher Jörn Kalinski. Diese könnten weltweit Preise vergleichen und die Zulieferer unter Druck zu setzen. Nur wer schnell und billig produzieren könne, erhalte den Auftrag. Der starke Kostendruck würde beinahe ausschließlich auf die Beschäftigten abgewälzt: mit unbezahlter Mehrarbeit, kurzfristigen Verträgen und psychischem Druck.

Der Oxfam-Bericht stützt sich auf Interviews mit Beschäftigten, Fabrikleitern und Unternehmensvertretern der Bekleidungsbranche und der Frischwarenindustrie. Hier machen Frauen laut Studie derzeit rund 80 Prozent der Beschäftigten aus. Die Gespräche wurden in 13 verschiedenen Ländern geführt, darunter Chile und Kambodscha, aber auch den USA und Großbritannien. Denn auch hier, so die Autoren der Studie, würden Arbeitsrechte von Frauen unterlaufen – zum Beispiel durch Heimarbeit, bei der nicht einmal der nationale Mindestlohn erreicht würde.

Um ein zunehmendes „Unterlaufen von Arbeitsrechten zu verhindern“, fordert Oxfam die Anerkennung internationaler Arbeitsstandards, wie sie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) entwickelt hat. Aber auch die nationalen Regierungen müssten die Beschäftigten durch entsprechende Gesetze schützen. Mangelnde Rechtssicherheit und fehlende demokratische Strukturen versetzten Arbeitnehmerinnen in oft fast rechtlose Situationen gegenüber ihren Arbeitgebern.

Auch die Weltbank und der IWF werden von Oxfam kritisiert. Durch ihre Kreditvergabepraxis hätten sie ebenso wie die Konzerne zum Abbau von Arbeitnehmerrechten beigetragen. Außerdem müssten Lieferketten transparenter werden, sagt Kalinski. „Wir kommen nur weiter, wenn wir die kritische Öffentlichkeit vergrößern.“

Oxfam sieht in der Globalisierung nicht generell ein Schreckgespenst. Immerhin habe sie auch Millionen von Arbeitsplätzen geschaffen, räumt Kalinski ein. Allerdings sei Ausbeutung kein akzeptabler Preis dafür. Oxfam zeigt sich optimistisch: „Um Globalisierung menschenwürdig zu gestalten, müssen für den ökonomischen Wettbewerb andere Rahmenbedingungen her.“