KIRSTEN FUCHS über KLEIDER

Der Kalte Krieg der Knöpfe

Knöpfe sind eigentlich eine sinnvolle Erfindung. Für Menschen mit Knopf-Phobie sind sie die Krönung des Ekels

Knöpfe haben eine Aufgabe auf dieser Welt. Sie halten zusammen, was zusammengehört, schließen Blusen, halten Ställe dicht, machen Jacken zu und schließen Innenfutter ein. Sie haben eine klare Aufgabe, damit haben sie mir einiges voraus, denn ich weiß nicht genau, wozu ich auf der Welt bin. Trotzdem beneide ich Knöpfe nicht.

Das wäre mir zu viel Verantwortung, denn wenn ich nicht halte, was ich verspreche, kann ich erste Dates komplett versauen. Entweder platze ich ab und das wird als billige Anmache gesehen oder andersrum: Ich gehe nicht auf und stehe damit dem reibungslosen Ablauf des Verkehrs im Wege. Aber ich bin ja kein Knopf. Und da ich mich vor Knöpfen ekele, bin ich gerne kein Knopf.

Früher als Kind war das noch viel schlimmer. Inzwischen habe ich Kleidungsstücke mit Knöpfen, und ich kann Knöpfe anfassen – und ich kann das Wort aufschreiben: Knopf! So! Geheilt! Aber als Kind habe ich mich unwahrscheinlich geekelt, vor allem bei einer Vorstellung, die ich mir eigens zum Ekeln ausgedacht habe. Ich dachte mir aus, dass ich einen Knopf im Mund haben würde, so einen großen, glatten, und zwischen den Knopflöchern würde meine Spucke so hin und her zutscheln. Natürlich hatte ich nie einen Knopf im Mund, warum auch? Aber es war zu schwer, nicht daran zu denken, wo die Vorstellung doch so widerlich war.

Andere Menschen ekeln sich vor anderen Dingen, zum Beispiel weiß ich von einigen, dass sie ungern unlackierten, gebrannten Ton anfassen, der noch feucht ist. Wieder andere wollen nicht wirklich auf Watte beißen oder auf einen Alulöffel. Und niemand will sich die Fingernägel nach hinten umbiegen. Warum eigentlich? Ich mag außerdem Pfefferminze nicht, weder als Kaugummi noch als Bonbon oder als Zahnpasta – einfach gar nicht.

Und so kam es zu der Krönung meines Ekels, und wer hat schon das Glück, seine Ekelkrönung in so jungen Jahren erlebt zu haben? Egal was kommt, schlimmer als das kann es nicht mehr werden. Ich war zur Wendezeit 12 Jahre alt und dachte erst, Westen ist doof, da wird man von rauschgiftabhängigen Faschisten erschossen, und dann dachte ich, alles ist lecker. Mit beidem lag ich falsch.

Natürlich wurden wir nicht überfallen, mein ängstlicher Vater, meine ängstliche Schwester und ich. Im Gegenteil, alle wollten nett zu uns sein – ach, ist das lange her. Man versuchte sogar, ostdeutsch mit uns zu reden. Ich jedenfalls bekam damals einen Drops geschenkt, und bevor die Mauer wieder aufgebaut würde, steckte ich ihn, hektisch – schwupps – in den Mund, den Drops. Natürlich Pfefferminz.

Weil ich der Einheit nicht im Wege stehen wollte, lutschte ich tapfer wie Ernst Thälmann weiter, bis in diesem Drops in der Mitte ein Loch entstand, durch den, eben wie ich es mir bei Knöpfen immer gedacht hatte, die Spucke so hindurchzutscheln konnte. Na fein, dachte ich, habt ihr uns da übern Tisch gezogen mit eurem Schweinesystem. Ich spuckte den Pferfferminzknopf auf den Tauentzien und hoffte, dass ein Imperialistenfiesling darauf ausrutschen würde mit dem Resultat, dass er sich den Goldzahn ausbricht.

Ich weiß, dass meine Reaktion übertrieben war. Es gab schließlich Meinungsfreiheit und Reisefreiheit. Und viele Menschen mögen ja Knöpfe sehr. Es gibt auch Frauen, die Knöpfe sammeln. Meine Oma hatte zum Beispiel Knöpfe gehortet, weil sie viel selbst genäht und gestrickt hat. Deshalb besaß sie mehrere Knopfschachteln, mit denen alle meine Cousinen sehr gerne spielten. „Wenn du lieb bist, darfst du mit den Knöpfen spielen“, sagte sie zu ihnen. Zu mir: „Wenn du böse bist, musst du mit den Knöpfen spielen.“

Als ich schon dachte, ich würde ewig mit diesem Ekel allein und unverstanden bleiben, traf ich eine Frau, der es ebenso erging wie mir. Sie kauft bis heute nur Kleidungsstücke, die mit Reißverschluss oder mit Klettverschluss versehen sind. Oder Bändchen zum Zubinden. Jedenfalls würde ich bei dieser Frau schon von Phobie sprechen. Ist ja nicht normal.

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