Die Kapitalismusfalle

Die Globalisierung zwingt zu einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, heißt es oft. Harold James enthüllt die fatalen Folgen solchen Denkens durch einen scharfsichtigen Vergleich mit den 1930er-Jahren

„Das Problem bei den Radikalen ist, dass sie nur radikale Literatur lesen. Und das Problem bei den Konservativen, dass sie überhaupt nichts lesen.“ Dies erkannte schon vor über 70 Jahren der Agrarökonom Thomas Nixon Carver. Zurzeit gibt es nur noch wenige Radikale. Dafür umso mehr Konservative in allen politischen Lagern. Und sie haben allen Grund, Carver zu widerlegen und die Studie des Wirtschaftshistorikers Harold James „Der Rückfall. Die neue Weltwirtschaftskrise“ zu lesen.

In diesem Buch geht es um eine einfache Frage: Ist die Globalisierung umkehrbar? Eine Antwort darauf kann James natürlich nicht geben. Schließlich ist der Autor Historiker und kein Prophet. Aber er betrachtet die Globalisierung weder als Schicksal noch als ein Naturgesetz für die Zukunft der kapitalistischen Weltwirtschaft, da sie politisch scheitern kann. Für konservative Ökonomen und Politiker grenzt allein schon die Frage an Blasphemie. Es gibt keinen Tag in der öffentlichen Debatte, an dem die neoliberale Wirtschaftspolitik nicht mit der Globalisierung begründet wird.

„There is no alternative“ – so lautet der Schlachtruf aller Neoliberalen. Der Fatalismus hat die politische Begründung ersetzt. Hier setzt James mit seiner Analyse an. Sein Bezugspunkt ist die Weltwirtschaftskrise in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Für die heutigen politischen und ökonomischen Eliten spielt diese Erfahrung keine Rolle mehr – und das betrachtet Harold James als ernsten Fehler. Für ihn ist die große Depression ein Lehrstück über den Zusammenhang von Ökonomie und Politik. Allein aus diesem Grund rekonstruiert er deren Ursachen und vergleicht sie mit aktuellen Entwicklungen. Sein Vergleich fußt auf einer Annahme: Die Globalisierung ist kein neues Phänomen. Sie hat spätestens im 19. Jahrhundert begonnen und ist 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs lediglich unterbrochen worden. James versteht unter Globalisierung Freizügigkeit. Für Menschen durch die Möglichkeit zur Migration. Für das Kapital durch eine Liberalisierung des Handels und des Kapitalverkehrs. Notwendige Voraussetzungen sind ein stabiler Geldwert (garantiert durch starke, unabhängige Zentralbanken) und eine restriktive Fiskalpolitik.

Dazu kommen – für Harold James der instabilste Pfeiler – die Liberalisierung und Deregulierung des Bankensektors. In der Fachwelt nennt man diese Programm den Washington Consensus. Es bestimmt zurzeit weltweit die politische Agenda und ist im Kern das Modell des goldenen Zeitalters des Kapitalismus vor dem Ersten Weltkrieg. James ist keineswegs unter die Kritiker dieses Modells einzureihen. Er ist von seinen ökonomischen Vorteilen überzeugt.

Der Washington Consensus wird nicht an seinen eigenen Widersprüchen scheitern, so James, sondern am Fehlen der Voraussetzungen. Das ist seine Lehre aus der Geschichte. Die Freizügigkeit für Menschen und Kapital war vor 1914 die Basis für ein im historischen Vergleich beispielloses Wachstum der Weltwirtschaft. Der Goldstandard garantierte einen stabilen Geldwert. Der Sozialstaat war praktisch nicht vorhanden. Die Alternative war die Möglichkeit zur Arbeitsmigration in die USA. Millionen Menschen wanderten aus. Die ökonomischen und sozialen Folgen des Ersten Weltkriegs wären beherrschbar geblieben, hätte man diese Freizügigkeit bewahren können.

Harold James fragt nun: Warum hat dieses Erfolgsmodell der Vorkriegszeit in den 20er- und 30er-Jahren seine Überzeugungskraft verloren? Den Grund findet er nicht in der Unfähigkeit der Politik oder in den überzogenen Ansprüchen der Menschen an den Staat. Vielmehr war es unter den veränderten Bedingungen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs unmöglich, an das goldene Zeitalter anzuknüpfen.

Das Finanzsystem war in den 20er- und 30er-Jahren vollkommen instabil – und das ist es heute auch. Kaum ein Staat ist nach 1918 in der Lage gewesen eine Fiskalpolitik mit ausgeglichenen Haushalten zu betreiben. Die enormen Kriegskosten und die sozialen Folgen des Krieges ließen eine derartige Politik nicht zu. Das Weltfinanzsystem basiert im Grunde jedoch noch auf der Fiktion ausgeglichener Haushalte. Die Folge waren daher notorische Währungs- und Finanzkrisen in allen wichtigen Industriestaaten.

Am Ende brach mit dem Weltfinanzmarkt zugleich der Welthandel zusammen. Die diversen inländischen und internationalen Spannungen zerstörten die Mechanismen und Institutionen, die bis 1914 die Welt ökonomisch zusammengehalten hatten. Als die alten Regeln wie der Goldstandard nicht mehr funktionierten, suchte am Ende jeder Staat seine Rettung in nationalstaatlichen Lösungen. Der Protektionismus wurde das Symbol für diese Politik. An die Stelle des Weltmarkts trat die Autarkie.

So weit sind wir zurzeit noch nicht. Das behauptet auch Harold James nicht, aber er diagnostziert eine beunruhigende Parallele. Heute ist der Weltfinanzmarkt mit seinem deregulierten und liberalisierten Bankensystem wieder die Achillesferse der Weltwirtschaft. Währungs- und Finanzkrisen sind seit Mitte der 70er-Jahre notorisch geworden. Wenn diese Krisen große Banken und Versicherungen in ernsthafte Liquiditätsprobleme brächten, wären die ökonomischen und sozialen Folgen voraussehbar. Eine Politik der Freizügigkeit wäre dann innenpolitisch kaum noch durchsetzbar. Warum auch, wenn sie für die meisten Staatsbürger lediglich mit unkalkulierbaren Risiken verbunden wäre? Mehr Arbeitslosigkeit und weniger soziale Sicherheit als neue Form des Fortschritts?

Harold James hat ein wichtiges Buch geschrieben, auch wenn man in manchen Punkten seine Analyse nicht teilt. Dieses Manko wird nämlich in diesem Fall zu einer Stärke. Er argumentiert aus einer neoliberalen Perspektive und macht so die blinden Flecke dieser Politik sichtbar. Ökonomie ist keine politisch neutrale Veranstaltung. Sie erzeugt bisweilen unerwünschte Nebenwirkungen.