Der Promi ist eine Mikrobe

Nach dem Prozess gegen Michael Jackson wird es keine Stars mehr geben, nur noch Prominente. Sie sind die Agenda 2010 der Gegenwartskultur – der Kompromiss mit der unausweichlichen Scheiße

VON DIEDRICH DIEDERICHSEN

Der geständige Mörder von Anna Lindh soll nach einer der verschiedenen widersprüchlichen Meldungen ein gestörtes, aber auch extrem aufgekratztes „pathologisches Verhältnis zu Promis“ gehabt haben. Deswegen konnte er auch so spontan handeln. Er lief einfach durch das Kaufhaus, sah ein Gesicht, das er aus dem Fernsehen, von Plakaten und Yahoo-Startseiten kannte und stach zu.

Damit hat er, falls diese Meldung stimmt, knapp 25 Jahre später das Gegenteil von dem getan, was Mark Chapman an John Lennon verbrochen hat. Er hat einen öffentlichen Menschen umgebracht, nicht weil dieser für etwas Konkretes steht, weil er ein obsessives Verhältnis zu dieser Person und dem, was sie verkörpert, aufgebaut hat, sondern weil sie überhaupt nur prominent ist. Die Mordlust wurde durch das unbestimmte Wiedererkennen eines bekannten Gesichts ausgelöst, das für nichts anderes als seine Bekanntheit steht. Dabei hatte Anna Lindh noch diverse benennbare Eigenschaften, die mit ihrem öffentlichen Status verbunden waren. Sie ist nämlich bei weitem noch nicht der Idealtypus dieser neuen Form öffentlicher Figur, die wir uns geeinigt haben „Promi“ zu nennen.

In den letzten zehn, fünfzehn Jahren konnten wir Zeuge werden, wie das gute alte Starsystem nach und nach abgewrackt wurde. An die Stelle des Stars ist der Promi getreten. Der Star bedeutete etwas, der Promi bedeutet sich selbst. Nein, nicht sich selbst als Person, sondern sich als Logo. Der Star wurde verehrt, man wollte sich ihm unterwerfen oder so sein wie er, der Promi wird gleichgültig zur Kenntnis genommen, ist aber aus der Alltagskommunikation so wenig wegzudenken wie das Alphabet oder die Uhr. Der Star hat eine Geschichte, in deren Verlauf er seinen Inhalt, die allgemeine, verehrungswürdige, öffentliche Dimension seiner dennoch immer noch rekonstruierbaren individuellen Person entwickelt hat, der Promi vermehrt sich durch identische Reduplikation. Den Star konnte jeder für sich auswählen, der Promi ist unausweichlich.

Der Star war meist auf ein Medien-Milieu spezialisiert, der Promi ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass er von Milieu zu Milieu springt und dabei seinem Gesichtslogo triumphierend ähnlich bleibt – die strukturgewandelte Öffentlichkeit von Privatfernsehen und Internet hilft ihm dabei, bildet sein Meta-Milieu. Neuerdings schreibt er auch Bücher, was, obwohl selbst Stars dies hin und wieder taten, in Deutschland als Kulturkatastrophe aufgenommen wurde. Dabei war das kaum das Problem: Gut verkaufte Bücher waren schon immer schlecht. Überraschend war nicht das Niveau von Bestsellern oder das Faszinosum unverstellten Gelabers, neu war, wie schnell der Krankheitserreger die Schranken zwischen den einzelnen kulturellen Formaten überspringen konnte, ganz ohne langwierige Infektionen. Das liegt an seiner Logo-Förmigkeit: ein Logo ist extrem mobil – es lässt sich überall aufpappen – und treibt eine alte, schon in der „Dialektik der Aufklärung“ bemerkte Tendenz kulturindustrieller Produkte, nämlich immer kontextunabhängiger und adaptierbarer zu werden, zur Vollendung. Promis sind, wie gesagt, unausweichlich.

Mit dem Promi ist auch die gute alte poptheoretische Maxime ins Wanken geraten, das Studium der von den Massen einerseits, den Subkulturen andererseits verehrten öffentlichen Figuren sei gegenwartsdiagnostisch relevant. Am einzelnen Promi gibt es nichts zu diagnostizieren. Man kann ihn in Australien in ein Erdloch sperren oder ins Tor von Bayern München stellen, ihn in einen Werbespot einbauen oder auch interviewen, er wird nicht aufhören sich selbst und nur sich selbst zu bedeuten. Es hat also, anders als eine neue Zeitungskrisen-bewegte blattmacherische Denke glaubt, die es bis in diese Zeitung geschafft hat, überhaupt keinen Sinn, Promis Artikel, Seiten, ja sogar Rubriken zu widmen.

Der Promi ist an die Stelle des Stars getreten. Der Promi bedeutet nur sich selbstEs ist schwer, Promi zu sein. Das Gegenteil von Selbstverwirklichung: Logo werden

Das Schlimmste ist: Er entwickelt nicht einmal im Kontrast Eigenschaften – der Torwart und der Mittelstürmer und der Sänger und die Nachrichtensprecherin sind alle dieselbe Person, der Promi halt. Videos von Aphex Twin und Outkast, eine japanische Handy-Werbung und weltweit noch 293 Video-Diplomarbeiten haben dieses Phänomen in letzter Zeit thematisiert.

Der Promi ist eine miese Mikrobe. Die Menschen hassen ihn schon und delektieren sich an seiner Bloßstellung und neuerdings auch Folterung. Sie halten ihn für ein niederes Wesen. Der Promi ist eine Milbe. Wie diese ist er, wir sagten es schon, unausweichlich. Er ist es wirklich. Er hat dies mit der Makrotendenz gemeinsam, der wir ihn verdanken, dem Neoliberalismus. Niemand wollte den je, niemand hat ihn gewählt, er kam von Anfang an als Unausweichlichkeit, gegen die man sich bestenfalls stemmen kann, um ein bisschen Aufschub zu bekommen, wie wenigstens die Sozialdemokraten oder manche Christen glauben.

Der Star gehörte noch zum guten alten Verblendungszusammenhang, er war reine Ideologie. Die konnte man verachten, lieben, durchschauen, überbieten. Man konnte sich Stars mit besserer Ideologie aussuchen und sie im Kinderzimmer gegen die mit schlechterer antreten lassen. Man konnte eben aber auch anhand von Stars Gesellschaft bestimmen und an der systematisch prekären und umkämpften Stelle Star auch Einfluss nehmen: ein anderer Star werden, einen anderen Star verehren, imitieren. Promis kann man dagegen nur über sich ergehen lassen. Sie sind die Agenda 2010 der Gegenwartskultur, der große Kompromiss mit der unausweichlichen Scheiße.

Natürlich gibt es auch noch Stars. Es gibt ja auch noch Vinyl-Schallplatten, Staatsbetriebe und Südamerika. Nehmen wir aber Stars wie Cristina Aguilera oder Missy Elliott, die in unterschiedlicher künstlerischer Qualität, aber mit sehr hoher Konzentration und Entschiedenheit immer mal wieder für etwas Bestimmtes stehen, einen Inhalt haben, so erkennen wir auch gleich deren Problem. Als Star überlebst du nur, wenn du einigermaßen lebendig mit Minderheitenkulturen verbunden bist oder den Problemen prekärer Jugendlicher. Man erwartet aber auch dann von dir, dass du nicht allzu beharrlich bei deinem Thema bleibst. Man erwartet auch dann genau die Flexibilität und Plastizität der Staraussage von dir, die dich bereits in die Nähe des Promi bringt. Missy Elliot überwindet das künstlerisch, bei Christina Aguilera ist es eine Frage der Zeit, bis wir sie als Promi begrüßen können.

Es ist nicht leicht, ein Promi zu sein. Von Selbstverwirklichung das nackte Gegenteil: Logo werden. Und doch muss man sich immer einreden und dem Publikum erzählen, dass man ein Mensch ist, mit allen menschlichen Attributen. Doch so schlimm das sein mag, nichts ist so schlimm – und damit kommen wir zum traurigen Anlass dieser Zeilen – nichts ist anstrengender und deprimierender als der Abstieg vom Star zum Promi. Für mich war das bei Madonna besonders unerträglich anzusehen, der Frau, die jetzt Hollywood auf Neighbourhood reimt und dabei einfallslos und kalt und blöde aussieht. Die neoliberale Kuh, die einst mit dem weltverzaubernden „Holiday“ berühmt geworden ist, nörgelt jetzt darüber, dass die Leute in England noch nicht überall am Wochenende arbeiten wollen. Aber wenigstens hat sie es physisch überstanden.

Michael Jackson hat nicht nur schon die ganze Zeit nur den Plastizitäts-Imperativ gehört und zu wörtlich in plastische Chirurgie übersetzt. Auf seiner Ebene war die Transformation von einem sehr spezifischen Star in einen sehr allgemeinen und austauschbaren, logoförmigen Promi besonders dramatisch. Zum einen kam er an dieser Verwandlung nicht vorbei, denn Stars werden in seiner Größenordnung nicht mehr geduldet.

Symbolisch eingeschlossen und ausgeschlossen überlebt nur die Ausnahme Ozzy Ozbourne, der die Aufgabe übernommen hat, den spezifisch-gebundenen, „verrückten“, individualistischen und inhaltlich bestimmten Rockstar, stellvertretend für alle anderen, als Witzfigur zu entsorgen. Zum anderen gehörte er aber deutlicher als irgendein anderer Superstar in diese Kategorie (Star) und taugte für die andere so gar nicht. Im Gegensatz nur zu den anderen großen Singulären des neueren Showgeschäfts hat er, darin eher Entertainern früherer Epochen ähnlich, seine Eigenschaften nie unter Kontrolle bekommen, nie managen können, ja wohl nicht einmal verstanden. In einem Meer der Selbstmissverständnisse rudert er verzweifelt mit seinen anorexischen Armen gegen das Ertrinken.

Michael Jackson lebte ungewollt und panisch die Dialektik der Forderung an heutige Promis bis zum Limit: zum einen flexibel und plastisch zu sein und jede kulturelle Schranke zu überwinden, zum anderen aber gerade dabei um jeden Preis selbstidentisch zu bleiben. Er dachte sich immer verrücktere Attribute für sich aus, handelte und heiratete hektisch in der Gegend herum. Die Fetischisierung der Flexibilität hinterließ ironischerweise natürlich überaus dauerhafte Spuren. Aber er begriff nicht oder versuchte dem zu entkommen, dass die Flexibilität und Kontext-Resistenz des plastischen Promis, mit dessen logohafter Inhaltslosigkeit und Selbstähnlichkeit erkauft war. Er tat, was alle von ihm wollten und was sich auch wie Kreativität anfühlte – ewiges Anderswerden –, und sah jeden Morgen immer noch sich selbst im Spiegel – nicht das Logo-Gesicht. Die Folge: Regression, aus den letzten Resten erwachsenen Ich-Bewusstsein den Stöpsel ziehen, unter die Decke kriechen mit anderen, armen Kleinen. Tür zu. Und genau diese renitente Regression war dann anders genug, um die Öffentlichkeit auf den Plan zu rufen. Nun reichte es.

Die Öffentlichkeit der USA tobte an Jackson genau die Hassliebe aus, die dem Vertreter des alten Startypus vorwirft, immer noch Star und idiosynkratisch und individuell zu sein und ihn doch auch gerade dafür verehrt. Er ist der Letzte dieser Sorte, nach ihm werden kommen: nur noch Sportler und Zombies und andere Promis. Die, die ihn aus der Stadt jagen wollen, wollen ihm aber auch unbedingt dabei zusehen. „Jedes Detail im Auftreten des Sängers wird von der Öffentlichkeit gierig verschlungen“, meldet AFP. Genau – weil es sich noch lohnt. In ein paar Jahren wird es schrille Schreine für ihn geben. Eine Sekte wird ihn als den großen verpassten Messias verehren. Ob dies eine islamische oder eine altkatholische Sekte wird, kann man noch nicht sagen.