Alles, was kaputtgeht

Wandern, baden, schweigen und Schultern massieren. Kelly Reichardts Spielfilm „Old Joy“ folgt zwei alten Freunden um die vierzig in die Wälder Oregons. Der eine hört nicht auf zu vagabundieren, der andere richtet sich ein in der bürgerlichen Existenz

Wer die 30 und erst recht die 40 überschritten hat, wird diese Erfahrung kennen: Ein alter Freund ruft an, man hat sich lange nicht gesehen, man verabredet sich, will an alte Zeiten anknüpfen – und dann, ohne dass sich etwas Dramatisches ereignete, tritt das Gegenteil ein. Eigentlich war alles wie früher, vertraute Themen, vertraute Gesichter, aber beim Abschied steht plötzlich ein unbestimmtes Gefühl der Endgültigkeit im Raum, mal von Melancholie, mal von Erleichterung begleitet.

Stimmungsvoller Realitätssinn machte den amerikanischen Independentfilm einst groß – bevor die Weinstein-Brüder mit Miramax das „Indielabel“ für ihre 30-Millionen-Dollar-Produktionen kommerzialisierten. Solchen Realitätssinn zeigt auch Kelly Reichardt in ihrer 30.000-Dollar-Produktion „Old Joy“, die von zwei Freunden in Oregon handelt, die noch einmal einen gemeinsamen Ausflug ins Grüne unternehmen. Vordergründig ist es eine völlig undramatische Geschichte, eine, die man mit Schulterzucken übergehen könnte. Aber Reichardt schildert sie so präzise und reich an aussagekräftigen Details, dass daraus ein Zeitbild wird, eine Momentaufnahme, in der weit mehr gesellschaftliche Relevanz steckt als im Großteil hochdramatischer Liebes- oder Actionspektakel.

Zu Beginn also ruft Kurt, gespielt vom Indierocker Will Oldham, seinen alten Freund Mark (Daniel London) an. Schon das Telefongespräch, die freundlich-kumpelhafte und gleichzeitig umständliche Art, mit der er Mark vorschlägt, einen Wochenendtrip zu unternehmen, weist Kurt als Späthippie aus. Man wird ihn im Lauf des Films als jemanden kennenlernen, der bislang glaubte, mit seinem Freidenker- und Vagabundenleben den Idealen der eigenen Jugend treu geblieben zu sein, nun aber ist er nur noch einen Schritt von der Obdachlosigkeit entfernt – was er seinem Freund Mark aber tunlichst verschweigt.

Kiffer Kurt, der im Gegensatz zu Mark den Weg ins Erwachsenenleben nicht gefunden hat, erweist sich als der Lebendigere der beiden

Denn dieser Mark, von Daniel London mit einem fast durchgängig wie leergefegten Gesicht dargestellt, ist im Gegensatz zu Kurt in dem angekommen, was man in Europa das bürgerliche Leben nennt: Er hat eine feste Stelle, ein Häuschen und eine hochschwangere Frau, die Kurts Anruf mit jenem Quäntchen an kontrollwütigem Missmut zur Kenntnis nimmt, das charakteristisch ist für funktionierende Beziehungen. Für Mark wird der Ausflug folglich zur Gratwanderung; einerseits spiegelt sich in seinem leeren Gesicht die sentimentale Bereitschaft, sich noch einmal auf den alten Freund und seine wirren Erzählungen von bewusstseinserweiternden Ausflügen nach Big Sur einzulassen. Andererseits nutzt er die Gelegenheit für spezielle Loyalitätsbeweise gegenüber seiner Frau, die ihn mehrfach auf dem Handy anruft. Jedes Mal wendet er sich beim Sprechen ab von Kurt, um in den Hörer auch Dinge zu sagen wie: „Du weißt, wie er ist!“

Reichardts Film bildet ein dicht geknüpftes Geflecht aus solch bezeichnenden Details. Nun ist das Aufeinandertreffen alter Freunde in Form einer Begegnung von Späthippie und Neobourgeois keine neue Geschichte, genauso wenig wie das Genre des Männer-in-den-besten-Jahren-auf-Ausflug-Films eine Innovation darstellt. Hollywood verfügt längst über eine Bandbreite an Klischees und narrativen Fertigteilen, um von solchen Wiederbegegnungen und den daraus erwachsenden Erkenntnissen und Enttäuschungen zu erzählen. Kelly Reichardt aber widmet sich in ihrem Film ganz der Kunst, die Geschichte darunter zu entdecken, jenes Geschehen, das sich in Untertönen und Redepausen abspielt, jenes Ungreifbare, in dem die Entfremdung alter Freunde sich mehr manifestiert als in unterschiedlichem sozialen Status und gegensätzlichen politischen Meinungen.

Kurts Vorschlag, gemeinsam mit Mark zu einer heißen Quelle irgendwo in Oregons bergigen Wäldern zu wandern, erweist sich in dieser Hinsicht als dramaturgischer Glücksgriff: Der Fahrtweg in die Wälder und die Wanderung zur Quelle gibt beiden Figuren etwas zu tun, hält sie in Bewegung, ohne dass sie die ganze Zeit reden müssen. Gerade im beiläufigen Nebeneinander ihrer Aktionen zeigt sich der Konflikt, den Kelly und ihr Autor Jonathan Raymond eher gegen das gängige Klischee anlegen: Kurt, der „Immer-noch-Kiffer“, der einerseits als derjenige erscheint, der den Weg ins Erwachsenenleben nicht gefunden hat, der mit seinen Reden über die Welt als Träne wie nicht angekommen in der Gegenwart wirkt, erweist sich als der Lebendigere der beiden. Sicher ist er auch der Unglücklichere, aber andererseits kann er das direkt aussprechen: „Du fehlst mir. Ich vermisse unsere Freundschaft.“ Mark lässt diesen Satz, zu später Stunde am Lagerfeuer gesprochen, nachdem sie sich tagsüber bei der Anfahrt hoffnungslos verfahren haben und nun im Nirgendwo campieren, einfach an sich vorbeiziehen. Nach außen mag er sein Leben weit besser im Griff haben als Kurt, der Film entlarvt jedoch die linke Rechtschaffenheit, in die sich Mark einlullt, als Blase: das richtige Radio hören, die richtige Ehefrau haben, zum richtigen Zeitpunkt Vater werden – und nichts mehr richtig an sich ranlassen.

Wie überhaupt „Old Joy“ ein wunderbares Beispiel dafür ist, wie sich im Privaten das Politische spiegelt. Angesiedelt in Oregon, einer der Hochburgen amerikanischer Alternativkultur, gibt der im Jahr 2005 entstandene und erst jetzt in Deutschland zu sehende Film ein sorgfältiges Stimmungsbild nach Bushs Wiederwahl: das Gefühl einer endgültigen Niederlage und das Zurückgeworfensein ins Einzelkämpfertum.

Endlich angekommen bei der heißen Quelle, um die ein wohlmeinender Staat ein Badehaus zur freien Benutzung gebaut hat, legen Kurt und Mark sich in die bereitstehenden Badewannen, genießen das Wasser, trinken Bier, schweigen. Irgendwann steht Kurt auf und beginnt Marks Schultern zu massieren. Die Kamera blendet ab. In einem Film, der auf seine stille Art vielerlei Suggestionen Platz bietet, bleibt es als irritierender Moment in Erinnerung. Man kann spekulieren: Ist es nur eine Freundschaftsgeste oder war da mal was zwischen ihnen? Die filmische Ausblendung entspricht genau dem, was die Figuren tun: Sie verschließen die Augen vor dem, was zwischen ihnen kaputtgeht, sei es die Freundschaft oder gleich ein politischer Zusammenhang, eine Möglichkeit, etwas gemeinsam zu machen oder gar eine des Engagements.