zwischen den rillen

Techno lebt: Sven Väth und André Galluzzi

Nach der Party ist vor der Party

Techno, so konnte man neulich sinngemäß in der SZ lesen, sei der Traum gewesen, dass sich jeder aus Roy Black, Elvis und Schostakowitsch die Verhältnisse selbst basteln könne, zu denen er tanzen will. Eine gewagte These, die naturgemäß mehr über den Geisteszustand des Autors verrät als über den Gegenstand seiner Analyse. Jedenfalls sei dies nun alles Geschichte, die Karawane längst weitergezogen, und überhaupt interessiere man sich neuerdings nur noch für Rockstars und ihre Körperlichkeiten. Nun, dem lässt sich etwas ganz Exotisches entgegensetzen: Technostars.

Glaubt man Pfarrer Fliege, dann müsste Techno gerade jetzt das Leben selbst sein, denn in Zeiten der Trauer, so Fliege, sei man ganz nah dran am Leben. Anlass der in Techno-Deutschland bislang kaum gekannten Verzweiflung ist die städtebaulich bedingte Schließung des Berliner Clubs „Ostgut“ vor wenigen Wochen, ein grausamer Akt, der unter Stammgästen eine Trauerwelle bizarren Ausmaßes nach sich zog und noch zieht. Ob nun die einen Kränze aus weißen Rosen vor der für immer verschlossenen Tür niederlegen, andere in die verwaisten Räumlichkeiten einbrechen, nur um eine Stück der Decke als Ikone exzessiver Nächte zu ergattern, oder gleich im Gästebuch der „Ostgut“-Homepage bekennen, sie wären am liebsten mit all ihren Freunden in der letzten Nacht des „Ostguts“ in die Luft gesprengt worden: Ihnen allen kann, wenn überhaupt, nur einer Trost spenden: André Galluzzi.

Wie kein Zweiter stand sein Name für die „Ostgut“-typischen Grenzerfahrungen, die auch den hart gesottensten Berufsravern mindestens bis mittwochs in den Knochen steckten. Galluzzi, der Härteste von allen, schien nie genug zu bekommen. Nach über achtstündigen DJ-Sets auf dem Mainfloor des Clubs schleppte er sich im Sommer regelmäßig in den Garten, um dort seine Mission zu beenden. Die Klänge wurden sanfter, die Gliedmaßen der Tänzer schienen sich wie von selbst zu bewegen, und im sanftem Strahl der Sonne hoffte jeder insgeheim, nicht genauso fertig auszusehen wie sein Nachbar.

Galluzzi war der Fixpunkt dieser zutiefst kaputten Sonntagsidylle, ein Held der Arbeit, dem für jedes neue Stück Wellen der Dankbarkeit entgegenschwappten. Wellen, die man auch auf „… im Garten“ zu hören meint, einer Mix-CD, die – so berichten Berliner Plattenhändler – gern auch im Viererpack gekauft wird. Kein Wunder, versteht er es doch, die Euphorie des Sommers mit der winterlichen Post-Gut-Melancholie in Tune zu bringen: ein Trip, den man natürlich gern mit anderen teilen möchte. Galluzzi lässt die Synapsen der Hörer sachte knacken, lässt sich Zeit, um vom introvertierten House-Sound des Frankfurters Losoul langsam, aber sicher Richtung Extase zu steuern, um dann, nach 70 Minuten, den Hörer mit Justus Köhnke in Jack Farleys herzzerreißende „Cold World“ zu entlassen. Eine Welt, die nach der „Ostgut“-Schließung nicht besser geworden ist, allenfalls ein wenig gesünder.

Sven Väth hat all das, was Galluzzi im „Ostgut“ verkörperte, schon vor Urzeiten durchexerziert: radikales Feiern und Gefeiertwerden, Synonym für die Abfahrt an sich. Auch die Trauerwelle muss Väth wie ein Déja-vu erscheinen, gab es doch nach der Schließung des „Omens“ ähnlich bizzare Reaktionen. Doch wo Galluzzi Trauerarbeit leistet, hat Väth immer noch gut lachen. Seine sommerliche Cocoon-Nacht in Ibizas ältestem Club Amnesia wird Väth auch dieses Jahr ein angenehmes Jetset-Dasein zwischen Finca und Motorjacht ermöglichen.

Gemeinsam mit Richie Hawtin liefert Väth auf „The Sound Of The Third Season“ eine hörspielartige Bilanz seines letzten Sommers: Statt allein auf Musik und ein paar Erinnerungsfotos zu setzen, lässt er den Hörer an seiner Flughafenankunft teilhaben, am Abendessen mit Freunden, an der Taxifahrt zum Club und nicht zuletzt am Jubel, mit dem seine erste Platte begrüßt wird. Man erfährt nicht nur, dass Väth gern große T-Bone-Steaks bestellt, um sie mit dem schmächtigen Richie zu teilen, man freut sich auch, dass die beiden ihr streckenweise knüppelhartes Set mit Legowelts „Disco Rout“ zu Ende bringen, einem der großen Konsens-Hits des letzten Jahres.

Väth wäre natürlich nicht Väth, ginge es nun ins Bett. Afterhour heißt das Schlagwort, und so geht es nach einer kurzen Taxifahrt weiter – zwei Gänge runtergeschaltet und standesgemäß an den Strand. „What you say is more than I can say“ heißt eines dieser ruhigeren Stücke für Meer und Garten. Dann ist Schluss, und die Sprache kehrt wieder. „You’re still more fucked up than I am“, so Hawtin zu Väth. Und Väth, der immer das letzte Wort haben muss, sagt diesen einen zeitlosen Satz: „It was a great party.“ Die nächste kommt bestimmt.

CORNELIUS TITTEL

André Galluzzi: „… im Garten“ (Taksimusic). Sven Väth & Richie Hawtin: „The Sound Of The Third Season“ (Cocoon)